Meine Sicht: Offenbarung

Bild: zVg

«Ich brauch kein Venedig,  keine Gondeln und Tauben,  und selbst die Zitronen  solln ohne mich blühn.» 1966 veröffentlichte Hildegard Knef dieses Lied.

Lese ich von verstopften Autobahnen und Flughäfen, denke ich an dieses Lied. Je älter ich werde, umso weniger gern reise ich.

 

Lange Spaziergänge mache ich selten, Wanderungen noch weniger. Doch bereits auf kurzen Wegen entdecke ich Blumen, Käfer, kuriose Steinformen. Auch die kleine Welt hat viel zu bieten. Betrachte ich eine Blume, sehe ich eine Vielfalt von Strukturen, Formen, Gerüchen. Was ist, liegt offen vor meinen Füssen und Augen, sofern ich sie offenhalte.

 

Natur ist Offenbarung des Schöpfers. Sie liegt vor mir. Sie ist keine Idee, kein Gedankenkonstrukt. Vorlage ist, was gegeben ist.

 

Kleine Welt geniessen

Was vor mir liegt, ist selten das, was ich gerne hätte. Die Welt richtet sich nicht nach meinem Sinn. Ich kann sie auch nicht entsprechend meinen Ideen zurechtbiegen. Das Leben geht der Idee voraus.

 

So geniesse ich, was mir meine kleine Welt vor die Füsse legt. Sollten mich dennoch Feriengelüste packen, schenk ich mir ein Glas kühlen Weisswein ein und höre dazu Hildegard Knef singen: «Ich brauch kein Venedig».

 

Text: Erich Guntli, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Werdenberg

 

Veröffentlichung: 23.06.2026