Meine Sicht: Vom Vergessen

Erst kürzlich, bei einem Café-Besuch in der Altstadt, landete ich in einem Hinterhof. Mein Blick blieb an der gegenüberliegenden Hauswand hängen. Diese war renoviert und mit einem Schriftzug versehen: «Kaum bist du ein Kind, schon wirst du alt, du stirbst – und man vergisst dich bald», stand dort in altdeutscher Schrift geschrieben.

Im Laufe der Woche musste ich immer wieder an den Satz denken, der im Original Heinz Erhardt zugeschrieben wird. Er faszinierte mich. Schonungslos ehrlich, ein bisschen augenzwinkernd, so kommt der Spruch daher: Der lapidare Hinweis auf die kurze Zeitspanne menschlichen Lebens reduziert die Bedeutung eines Einzelnen … denn, so die nüchterne Erkenntnis: zum Schluss steht ausnahmslos und für alle das Vergessen.

 

Erinnern

Die reduzierte Fassung des Gedichtes hat etwas bedrückend Wahres. Sie deckt sich mit dem Empfinden Trauernder. So viel Anteilnahme Betroffene im Moment des Todes eines nahestehenden Menschen erfahren, so schnell ist der Verstorbene auch wieder vergessen. Untergegangen in der Alltagsroutine, verloren im Lauf der Zeit. Im Moment des Verlustes beginnt für viele Betroffene jedoch eine andere Zeitrechnung. Der Verlust teilt in ein Vorher und ein Nachher, ist der Start fürs Erinnern, nicht fürs Vergessen.

 

Begründet hoffen

Aus christlicher Perspektive steht dem Vergessen die Zusage Gottes entgegen: Jeder Mensch ist in seiner Einzigartigkeit bereits vorgeburtlich in das Lebensbuch Gottes eingeschrieben. Selbst oder gerade im Tod gehen wir nicht vergessen. Christen glauben an eine wie auch immer gestaltete neue Heimat. Eine Heimat, in der wir mit all dem, was uns zeitlebens ausmachte, vorkommen. Verbunden ist diese Hoffnung mit dem grossen Versprechen, dass wir uns alle in dieser neuen Heimat wiederfinden werden. Ein Versprechen über den Tod hinaus. Und in unserer Welt? Da bleiben die Erinnerungen. Tröstlich, oder?

 

Autorin: Vera Maria Rösch, Seelsorgerin Katholische Kirche Region Rorschach

Bild: zVg

Veröffentlichung: 22.05.2026