Leserfrage

«Nein, nicht jetzt!» war meine erste Reaktion auf die Anfrage, über entspannende Rituale zu schreiben. Ausgerechnet jetzt, wo ich selbst kaum weiss, wo mir der Kopf steht? Wo ich meine Agenda bereits mehrfach durchgeforstet habe, um alles Unnötige radikal zu streichen?

Gerade ich soll nun Tipps gegen Stress geben?

Ein kurzes «Nein» an die Redaktion ist fast schon getippt. Ich stehe vom Computer auf, gehe in die Küche und sehe nach den veganen Kichererbsen-Brownies im Ofen. In diesem Moment merke ich: Das hier – das Kochen und Backen – ist eines meiner Rituale gegen den Stress. Hier werde ich kreativ, bin ganz im Hier und Jetzt. Zwischen Rüebli, Härdöpfel oder Mehl bleibt kein Platz für Sorgen, unerledigte Aufgaben oder schwierige Entscheidungen.

 

Sudoku lösen und herunterfahren

Dann fällt mir das Sudoku ein, das ich jeden Abend vor dem Einschlafen löse. Natürlich jeden Tag ein neues. Auch das ist ein Ritual, das mir hilft, herunterzufahren und den Tag loszulassen. Ist das zu «weltlich»? Darf ich als Seelsorgerin schreiben, dass mir auch das simple Handyspiel «2048» hilft? Man erwartet von mir sicher andere, «frömmere» Praktiken.

 

Natürlich gibt es auch die: Die Meditationsstunde am Donnerstagabend ist ein fester Anker in meiner Woche. Gemeinsam in der Gruppe in die Stille gehen – immer der gleiche Ablauf. In all den Jahren war ich an keinem Donnerstagabend allein. Die Teilnehmenden tragen mich mit und helfen mir, zur Ruhe zu finden. Ich leite die Meditation zwar an, werde dabei aber selbst genährt. Mein Neffe, ein Familienvater im stressigen Berufsalltag, meinte einmal scherzhaft: «Was, du wirst fürs Meditieren bezahlt? Das wäre auch mein Traumjob!»

 

Klosteraufenthalt, Natur und Velotour

Nach einer längeren Krankheitsphase erzählte ich meiner Ärztin einmal, wie sehr mir ein Klosteraufenthalt bei der Genesung geholfen hatte. Sie meinte nur: «Stille statt Pille! Das sollte ich eigentlich auf Rezept verschreiben.»

 

Auch Natur und Bewegung gehören für mich dazu. Ich lege meinen Arbeitsweg immer mit dem Velo zurück. So manche Predigt ist im Sattel entstanden. Morgens weckt mich der Fahrtwind  und abends hilft mir die Bewegung, die Gedanken zu ordnen und die Arbeit hinter mir zu lassen.

 

Leserfragen an info[at]pfarreiforum.ch

Bettina Flick
Seelsorgerin Kath. Kirche Obersee
Veröffentlichung: 21.04.2026