Stricken und abschalten

Zahlreiche Frauen, Kinder und auch ein paar Männer strickten mehrere Monate lang einen «Glücksschal». «Länger als der Turm des Schlosses Sargans ist er geworden», freut sich Irene Gantner, Initiantin des Projektes. Mit dem Schal will sie Glück in die Gesellschaft bringen und anderen ermöglichen, sich zu erden.

«Mein Aufruf im Frühling hat ein grosses Echo ausgelöst: viele Personen aus dem ganzen Sarganserland haben mich mit Wolle eingedeckt, die schon lange ungebraucht herumlag», erzählt Irene Gantner. Als Betriebsleiterin beim Schloss Sargans sucht sie immer wieder Ideen und Projekte, um das Schloss zu beleben und Menschen in Kontakt zu bringen. «Ich wollte ein Projekt lancieren, dass das Miteinander stärkt. Stricken ist etwas, das vielen Freude macht, und fast jeder kann mitmachen. Gleichzeitig war es mir wichtig, dass wir mit dem Schal benachteiligte Personen in der Region unterstützen können.» Deshalb gelangte sie mit der Idee an die Sarganser Regionalstelle von Caritas St. Gallen-Appenzell.

 

Lismen erdet

Beim Saisonsstart am 1. April ging es los: Im Schloss wurden mehrere Tische mit Strick-Utensilien aufgestellt. «Viele nutzen die Gelegenheit, um beim Stricken für ein paar Momente abzuschalten. Rückmeldungen zeigten, dass das von vielen sehr geschätzt wurde.» Den beruhigenden Aspekt des Stricken habe auch sie selbst neu entdeckt: «Ich mache viel Sport und bin oft mit dem Hund unterwegs, deshalb habe ich bisher nicht so oft gestrickt», sagt sie und lacht, «aber diese Tätigkeit erdet dich. Und wer strickt, kann nicht gleichzeitig am Handy sein.» Der Schal aus Sargans soll Glück bringen: «Die Mitwirkenden wurden angeregt, Wünsche und gute Gedanken in den Schal hineinzustricken.»

Irene Gantner, hier am Schloss Sargans, motivierte mit ihrem Glücksschal viele Frauen und auch einige Männer zum Lismen.

Vierzig-Meter-Schal

Trotzdem: So ganz reibungslos klappte es nicht. «Nicht alle stricken gleich gut und schön, deshalb mussten ein paar Stelle ausgebessert werden», sagt Irene Gantner und lacht. Manchmal habe sie ein Bewusstsein dafür schaffen müssen, dass es nicht darum gehe, den perfekten Schal zu stricken. Als die eine oder andere Stelle ausgebessert und die zahlreichen Anfangsfäden vernäht werden mussten, erhielt sie Unterstützung von der Kath. Frauengemeinschaft Sargans. Diese verlegte spontan einen ihrer Handarbeitsnachmittage aufs Schloss Sargans: «Einige Frauen waren danach so motiviert, dass sie zu Hause für den Glücksschal weiterstrickten.» Ursprünglich sollte der Schal 30 Meter lang werden. Wegen des heissen Sommers verzeichnete das Schloss dieses Jahr jedoch weniger Besuchende und es war unklar, ob das Ziel erreicht werden kann. «Jetzt ist der Schal sogar 40 Meter lang geworden», freut sich Irene Gantner.

Zahlreiche Personen nutzten die Gelegenheit, mitzustricken und dabei abzuschalten.

Für Caritas versteigert

Beim Schweizerischen Schlössertag am 4. Oktober wurde der Schal schliesslich präsentiert – und zwar wurde wie im Märchen Rapunzel der Schal von oben aus dem Turmfenster heruntergerollt. Die einzelnen Schal-Stücke wurden versteigert, der Erlös kommt Caritas St. Gallen-Appenzell zugute. «Bestimmt begegnen sich in Sargans und Umgebung einige, die diesen Schal tragen, so etwas stärkt sicher die Gemeinschaft und fördert Kontakte.»

 

Bilder: Manuela Matt

Stephan Sigg
Leitender Redaktor
Veröffentlichung: 15.10.2026