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Pflegekindersystem aufarbeiten

Pfle­ge­kin­der hatten schon immer ein schwe­res Los und erle­ben bis heute Belas­ten­des, weiss Chris­toph Wick, Geschäfts­lei­ter der Kinder- und Jugend­hil­fe St. Gallen – ein Sozi­al­werk des Bistums St. Gallen. Er half mit, für das Buch «Auf-gefangen» die Geschich­te der Insti­tu­ti­on aufzuarbeiten.

Das kürz­lich erschie­ne­ne Buch beleuch­tet die Entwick­lung vom Sera­phi­schen Liebes­werk zur Kinder- und Jugend­hil­fe (KJH) St. Gallen. Der Geschäfts­lei­ter und Sozi­al­ar­bei­ter Chris­toph Wick (63) erklärt, dass die histo­ri­sche Aufar­bei­tung schon länger ein Thema gewe­sen sei: «Wir sind schon seit über 50 Jahren an der Fron­gar­ten­stras­se und im Estrich unter­hiel­ten wir ein Archiv mit jahrzehnte-alten Dossiers. Dazu kamen die öffent­li­chen Diskus­sio­nen über Verding­kin­der. Wir woll­ten die eige­ne Geschich­te kennen und dabei auch die Schat­ten­sei­ten beleuch­ten.» Der Vorstand des Vereins KJH hat deshalb zwei Histo­ri­ke­rin­nen und einen Histo­ri­ker beauf­tragt, anhand von Archiv­ma­te­ri­al sowie Gesprä­chen mit Betrof­fe­nen die Entwick­lung dieser Orga­ni­sa­ti­on, die 1891 von Pries­ter Johann Josef Eber­le gegrün­det wurde, zu doku­men­tie­ren. Nun ist daraus ein Buch für die Öffent­lich­keit entstan­den, das Einbli­cke in die Lebens­um­stän­de von Kindern und Fami­li­en gibt. Bei der Aufar­bei­tung wurden die Einzel­schick­sa­le in den Kontext der Sozial- und Kirchen­ge­schich­te gestellt. Dabei werden aus heuti­ger Sicht proble­ma­ti­sche Seiten in der Betreu­ung von Kindern und Jugend­li­chen, insbe­son­de­re die Fremd­plat­zie­run­gen, thematisiert.

Margi­na­le Überprüfung

Wick war als Beirat bei der Erar­bei­tung dieses Buches betei­ligt. Aufgrund seiner 20-jährigen Erfah­rung hatte er schon Einbli­cke in die Dossiers und kann­te die Geschich­te vieler Einzel­schick­sa­le. «Durch diese Arbeit wurde mir erneut vor Augen geführt, wie viele Kinder damals in Pfle­ge­fa­mi­li­en vermit­telt wurden. Zwischen 1948 und 1980 betraf es rund 100 Kinder pro Jahr, heute sind es jähr­lich durch­schnitt­lich fünf.»  Ein Teil der Kinder sei unter sehr schwie­ri­gen Bedin­gun­gen aufge­wach­sen; ande­re wieder­um hätten sich in der Pfle­ge­fa­mi­lie wohl und aufge­ho­ben gefühlt. Die Kinder hatten kaum Kontak­te zu den Eltern oder Vertrau­ens­per­so­nen. Die Über­prü­fung der Pfle­ge­fa­mi­li­en war margi­nal, erklärt er. Mit der Neuaus­rich­tung in den 1980er-Jahren verän­der­te sich nicht nur der Name und das Erschei­nungs­bild des Kinder­hilfs­wer­kes, die Orga­ni­sa­ti­on erhielt auch neue Struk­tu­ren. Heute ist die KJH eine konfes­sio­nell neutra­le und profes­sio­nel­le Anlauf­stel­le für Fami­li­en. Recht­lich als Verein orga­ni­siert, ist die KJH ein Sozi­al­werk des Bistums St. Gallen.

Der schwe­re Ruck­sack bleibt

«Für Pfle­ge­kin­der haben sich die gesetz­li­chen, fach­li­chen und sozia­len Rahmen­be­din­gun­gen inso­fern verbes­sert, dass sich mehre­re Fach­leu­te engma­schig um sie, ihre Eltern und Pfle­ge­fa­mi­li­en kümmern. Früher hatte oftmals nur eine Person über das Schick­sal der betrof­fe­nen Kinder entschie­den. Nicht selten wuss­ten die Kinder nicht, weshalb sie nicht bei ihren Eltern aufwach­sen konn­ten. Manche litten auch, da sie sich gegen­über leib­li­chen Kindern der Pfle­ge­el­tern diskri­mi­niert fühl­ten», sagt Wick. Auch heute seien Pfle­ge­kin­der belas­tet. Der Umstand, dass sie nicht bei den eige­nen Eltern aufwach­sen, sei für Kinder eine gros­se Heraus­for­de­rung. Sie kämen nicht darum herum, sich mit ihrem Leben auf eine ande­re Art ausein­an­der­zu­set­zen im Gegen­satz zu Kindern, die in ihrer Herkunfts­fa­mi­lie aufwachsen. 

Bera­tung und prak­ti­sche Hilfe

Die KJH wird vom Katho­li­schen Konfes­si­ons­teil des Kantons St. Gallen finan­ziert. Sie hat je eine Bera­tungs­stel­le in St. Gallen und in Sargans mit 20 Fach­per­so­nen, 40 Pfle­ge­fa­mi­li­en und rund 40 Frei­wil­li­gen. Das Ange­bot umfasst Bera­tung für Fami­li­en, Kinder und Jugend­li­che, Fami­li­en­be­glei­tung sowie die Beglei­tung von Pfle­ge­fa­mi­li­en. Dazu kommt das Ange­bot «well­co­me – Prak­ti­sche Hilfe nach der Geburt» für Eltern, die in der ersten Phase mit einem Neuge­bo­re­nen Unter­stüt­zung benö­ti­gen. Wick erklärt: «Wir vermit­teln frei­wil­li­ge Mitar­bei­ten­de zur Entlas­tung von Müttern mit Baby und/oder Klein­kin­dern im ersten Lebens­jahr. Die Frei­wil­li­gen leis­ten prak­ti­sche Hilfe wie etwa einen Spazier­gang mit einem Kind oder eine Beglei­tung zum Kinder-Arzttermin». Laut Wick sind viele Eltern froh, mit einer Fach­per­son über ihre Sorgen spre­chen zu können und gemein­sam Lösun­gen zu erar­bei­ten. Die Proble­me seien sehr breit gefä­chert, von Über­for­de­rung, über einschnei­den­de Ereig­nis­se, bis alltäg­li­che Konfliktsituationen.

Pfle­ge­el­tern und Frei­wil­li­ge gesucht

Die KJH sucht Perso­nen, die ein Pfle­ge­kind bei sich aufneh­men, und Frei­wil­li­ge für das Ange­bot «well­co­me». → http://www.kjh.ch

Text: Katja Hong­ler, Bild: Regi­na Kühne

Veröf­fent­licht: 24.1.24

«Die Bildschirmzeit sollte man im Auge behalten»

In welchen analo­gen und digi­ta­len Lebens­wel­ten bewe­gen sich Jugend­li­che heute? Ennio Mock (14), Schü­ler am Gymna­si­um St. Anto­ni­us in Appen­zell, hat dem Pfar­rei­fo­rum erzählt, welche Apps er nutzt und wann er das Handy sofort weglegt.

Wie infor­mierst du dich über das Weltgeschehen? 

Ennio Mock: Online mehr­heit­lich über Insta­gram und manch­mal auch auf X (ehemals Twit­ter). Zu Hause disku­tie­ren wir viel am Fami­li­en­tisch über poli­ti­sche Themen. 

Wie gehst du mit Kriegs­nach­rich­ten um?

Ennio Mock: Ich infor­mie­re mich aktu­ell nicht so viel über Kriegs­the­men. Ich schaue keine Tages­schau, mein Bruder ist dies­be­züg­lich mehr auf dem Laufen­den und mit ihm rede ich ab und zu darüber. 

Inter­es­sierst du dich auch für loka­le News? Liest du die Zeitung? 

Ennio Mock: Ja, ich lese manch­mal am Morgen den «Appen­zel­ler Volks­freund». Und ich spre­che mit Kolle­gen oder mit meiner Fami­lie über aktu­el­le Gescheh­nis­se in der Region. 

Liest du Bücher oder hörst du Podcasts in deiner Freizeit?

Ennio Mock: Im Lese-Studium lese ich gera­de ein Buch über den Zwei­ten Welt­krieg. Das finde ich sehr inter­es­sant. Podcasts höre ich zum Beispiel während dem Rasen­mä­hen, vor allem unter­halt­sa­me Beiträge. 

Wie sieht dein typi­scher Alltag aus?

Ennio Mock: Ich habe jeden Tag bis am späten Nach­mit­tag Schu­le, ausser am Mitt­woch­nach­mit­tag habe ich frei; dann trai­nie­re ich von 17.00 bis 20.00 Uhr Uniho­ckey. Zudem trai­nie­re ich am Frei­tag­abend und am Sams­tag­mor­gen. Am Wochen­en­de kommen noch Spie­le oder Turnie­re dazu und ich tref­fe mich mit Freun­den oder unter­neh­me etwas mit meiner Fami­lie. Ich bin eigent­lich recht viel unterwegs. 

Das Handy ist zwar immer griff­be­reit, doch hat Ennio eine kriti­sche Haltung ­gegen­über seinem eige­nen Medienkonsum.

Welche Rolle spielt dein Smart­phone in deinem Leben?

Ennio Mock: Ich habe es eigent­lich immer im Hosen­sack. Ich der Schu­le benö­ti­gen wir es regel­mäs­sig für den Unter­richt. Ich brau­che es auch, um mich mit meinen Kolle­gen zu verab­re­den oder um meine Eltern anzu­ru­fen. Abends oder am Wochen­en­de game ich gerne mal online mit Freun­den oder schaue mir Vide­os und Bilder auf sozia­len Netz­wer­ken an. Bei schlech­tem Wetter schaue ich auch mal einen Film auf Netflix. Viel Frei­zeit bleibt mir nicht nebst Schu­le und Sport.

Auf welchen sozia­len Netz­wer­ken bist du unterwegs?

Ennio Mock: Ich nutze mehr­heit­lich Insta­gram und Snap­chat, gele­gent­lich auch X und Filme schaue ich mir auf Netflix an. Auf Insta­gram schaue ich mir Vide­os an und poste ab und zu ein Land­schafts­bild oder Eindrü­cke von Reisen mit meiner Fami­lie. Snap­chat nutze ich vor allem aus Spass und um meine Flämm­chen zu pflegen. 

Kannst du das mit den Flämm­chen auf Snap­chat erklären?

Ennio Mock: Das Flam­men­sym­bol bedeu­tet, dass zwei Freun­de mindes­tens drei Tage am Stück jeweils inner­halb 24 Stun­den «Snaps» ausge­tauscht haben. Um die Flam­men zu halten, muss die betei­lig­te Person täglich ein Foto oder Video im Chat senden, sonst erlischt sie. Eigent­lich ist es ein doofes Beloh­nungs­sys­tem – aber trotz­dem macht es jeder. 

Wie kommu­ni­zierst du mit deinen Freun­den? Welche Messenger-Dienste nutzt du? 

Ennio Mock: Alle wich­ti­gen Nach­rich­ten laufen via Whats­App. Um mit Freun­den abzu­ma­chen, nutze ich Sprach­nach­rich­ten. Wir haben zum Beispiel auch einen Klas­sen­chat sowie einen Team­chat vom Uniho­ckey auf WhatsApp. 

Gemäss der JAMES-Studie 2022 nutzen Jugend­li­che ihr Handy nach eige­nen Anga­ben an einem durch­schnitt­li­chen Wochen­tag rund drei Stun­den, am Wochen­en­de fast fünf Stun­den. Über­ra­schen dich diese Bildschirmzeiten?

Ennio Mock: (denkt nach) Nein, eigent­lich über­ra­schen mich diese Anga­ben nicht, aber es ist schon viel Zeit, die so verschwen­det wird. Eigent­lich soll­te man sie für sinn­vol­le­re Beschäf­ti­gun­gen nutzen.

Löst das Thema «Bild­schirm­zeit» in deiner Fami­lie oder in deinem Freun­des­kreis auch Diskus­sio­nen aus? 

Ennio Mock: Ja, immer mal wieder. Wenn sich meine Noten verschlech­tern, dann möch­ten meine Eltern meine Bild­schirm­zeit über­prü­fen. Manch­mal merke ich dann, dass ich eigent­lich doch noch viel Zeit online bin. Darum finde ich es auch gut, dass man seine eige­ne Bild­schirm­zeit kritisch im Auge behält.

Befolgst du irgend­wel­che Regeln oder Stra­te­gien im Umgang mit deinem Smart­phone? Und wie hand­habt ihr das unter Freunden?

Ennio Mock: Wenn ich ein Video nach dem ande­ren schaue, merke ich gar nicht, was ich konkret geschaut habe, man verliert sich gedank­lich dabei. Und dann kommt plötz­lich ein Moti­va­ti­ons­vi­deo mit so einer Botschaft wie «Hör einfach auf zu scrol­len, leg dein Handy weg. Mach etwas, das dich wirk­lich glück­lich macht» – und dann lege ich mein Handy sofort weg, weil mich das irgend­wie berührt. Der Umgang mit dem Handy ist unter Freun­den recht unter­schied­lich. Mit den einen gehe ich oft raus und unter­neh­me etwas wie Biken oder Fuss­ball­spie­len. Mit ande­ren game ich eher. Ich kenne auch Jugend­li­che, die sich prak­tisch nur noch «online» tref­fen, das finde ich sehr schade.

Die Studie sagt auch, dass Jungs häufi­ger gamen als Mädchen. Mädchen würden dage­gen mehr Zeit auf sozia­len Netz­wer­ken wie TikTok oder Insta­gram verbrin­gen. Erlebst du dies auch so in deinem Umfeld?

Ennio Mock: Ja, das ist voll so. Ich glau­be die Mädchen eifern mehr Influen­cern oder irgend­wel­chen Trends nach. Wir Jungs suchen eher den Wett­kampf. Darum spie­len wir mehr «Clash of Clans» oder «Fort­ni­te». Wir können uns dabei messen und jeder kann persön­lich neue Levels erreichen.

Machst du dir Gedan­ken zu deinem Daten­schutz? Oder anders gefragt: Hast du Einstel­lun­gen zum Schutz deiner Privat­sphä­re aktiviert? 

Ennio Mock: Ja, meine Accounts sind privat und ich folge nur Leuten, die ich kenne. Ich mache mir allge­mein wenig Sorgen über meine Daten, weil ich nicht viel Priva­tes preis­ge­be und mir bewusst ist, dass man sie im Inter­net nicht löschen kann.

Hast du selbst schon Belei­di­gun­gen in Chats oder via Social Media erfah­ren oder von Freun­den miterlebt? 

Ennio Mock: Nein, ich selbst war noch nie betrof­fen. Aber ich habe auch schon mitbe­kom­men, dass sich junge Menschen durch nega­ti­ve Kommen­ta­re gemobbt fühlten. 

Was denkst du, wie wird sich die Welt mit der künst­li­chen Intel­li­genz entwi­ckeln? Wie stark wird sie dein Privat- und Berufs­le­ben beeinflussen? 

Ennio Mock: Ich habe noch nicht so viel Erfah­rung mit ChatGPT und ande­ren KI-Tools, aber ich denke, sie werden unser Leben verein­fa­chen. Wahr­schein­lich brau­chen wir für gewis­se Arbeits­ab­läu­fe in Zukunft weni­ger Zeit  als unse­re Mütter und Väter. 

Ich habe schon mitbe­kom­men, dass sich junge Menschen durch nega­ti­ve Kommen­ta­re gemobbt fühlten.

Ennio Mock, Schü­ler der 2. Klas­se am Gymna­si­um St. Anto­ni­us in Appenzell

JAMES-Studie

JAMES steht für Jugend, Akti­vi­tä­ten, ­Medi­en – Erhe­bung Schweiz. Die Studie der Zürcher Hoch­schu­le für Ange­wand­te Wissen­schaf­ten befragt jeweils über 1000 Jugend­li­che im Alter von 12 bis 19 Jahren zum Freizeit- und Medi­en­ver­hal­ten. → www.zhaw.ch

Veröf­fent­licht am 26. Dezem­ber 2023

Text: Katja Hong­ler, Bilder: Ana Kontoulis

«Zu viel Konsum kollidiert mit der Totenruhe»

Der Fried­hof als Gedenk­ort für Verstor­be­ne verliert an Bedeu­tung. Das stellt Dani­el Klin­gen­berg, refor­mier­ter Pfar­rer im Toggen­burg, fest. Was bedeu­tet das für unse­re Gesell­schaft und den Umgang mit dem Tod und der Trauer?

Dani­el Klin­gen­berg (61) zeigt in seinem Beitrag «Die Aufer­ste­hung der Fried­hö­fe als multi­funk­tio­na­ler Raum», der im Neujahrs­blatt 2023 des Histo­ri­schen Vereins des Kantons St. Gallen erschie­nen ist, die Nutzungs­ver­än­de­rung von Fried­hö­fen an Beispie­len aus den Städ­ten St. Gallen und Bern auf. Sein Befund ist eindeu­tig: Immer weni­ger Erdbe­stat­tun­gen, immer mehr Krema­tio­nen. Urnen­be­stat­tun­gen brau­chen weni­ger Platz, wodurch die frei werden­den Grün­flä­chen auf den Fried­hö­fen zuneh­men. Mit dem zahlen­mäs­si­gen Rück­gang kirch­li­cher Bestat­tungs­ri­tua­le kommt ein neuer Trend dazu: Immer mehr Menschen wünschen eine indi­vi­du­el­le Bestat­tung ohne kirch­li­che Liturgie. 

Dani­el Klin­gen­berg, Sie spre­chen von drei gesell­schaft­li­chen «Mega­trends» im Wandel der Fried­hö­fe. Können Sie diese kurz umschreiben?

Dani­el Klin­gen­berg: Es geht gene­rell um einen reli­gi­ons­so­zio­lo­gi­schen Befund. Das ist erstens die Indi­vi­dua­li­sie­rung unse­rer Gesell­schaft, die auch im Glau­bens­be­reich wirk­sam ange­kom­men ist. Dazu gehö­ren weiter der Werte­wan­del sowie die reli­giö­se Plura­li­sie­rung. Damit hat sich auch der Umgang mit dem Lebens­en­de verän­dert. Das kirch­li­che Stan­dard­ri­tu­al wird immer öfter durch selbst­ge­wähl­te Abschieds­for­men ersetzt.

Die Feuer­be­stat­tung hat in den letz­ten Jahren sehr stark zuge­nom­men. Wie erklä­ren Sie sich diese Entwicklung?

Dani­el Klin­gen­berg: Das kann man mit dem Werte­wan­del sehr schön aufzei­gen. Dass die Erdbe­stat­tung Voraus­set­zung ist für die christ­li­che Vorstel­lung von der Aufer­ste­hung des Leibes, und dass diese wich­tig sei, scheint heute unwich­tig. Seit dem Jahr 1963 ist die Feuer­be­stat­tung von der katho­li­schen Kirche auch lehr­mäs­sig akzep­tiert. Hinzu kommen prak­ti­sche Grün­de: Eine Krema­ti­on ist viel «platz­spa­ren­der» und bei der Urnen­bei­set­zung fallen oft ein indi­vi­du­el­ler Grab­stein sowie die Grab­pfle­ge weg.

Durch diesen dras­ti­schen Rück­gang der Erdbe­stat­tun­gen ist der Platz­be­darf auf den Fried­hö­fen entspre­chend geschrumpft und es gibt verschie­de­ne Ideen zur Umnut­zung dieser Grün­flä­chen. Was geht aus Ihrer Sicht gar nicht auf einem Friedhofsareal?

Dani­el Klin­gen­berg: Ich sehe vor allem bei Frei­zeit­nut­zun­gen ein Konflikt­po­ten­zi­al. Alles, was zu konsum­ori­en­tiert ist, kolli­diert meiner Meinung nach mit dem Phäno­men Tod. Ich kann mir ein Konzert auf einem Fried­hof vorstel­len, vorausgesetzt, die Örtlich­kei­ten werden in der Veran­stal­tung sinn­voll einge­bun­den. Es kommt also stark auf den Rahmen an. Grund­sätz­lich glau­be ich, dass auf einem Fried­hofs­are­al vieles möglich ist.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine sinn­vol­le Umnutzung?

Dani­el Klin­gen­berg: Wich­tig scheint mir, dass die Grün­flä­chen beibe­hal­ten werden und öffent­lich zugäng­lich sind. Dabei soll­te auf lärmi­ge und tempo­rei­che Akti­vi­tä­ten verzich­tet werden. Ich stel­le mir grüne Oasen vor, ohne inten­si­ve Nutzung und ohne Zweckbestimmung. 

Im 19. Jahr­hun­dert wurde die Fried­hofs­zu­stän­dig­keit von einer kirch­li­chen zu einer staat­li­chen Aufga­be. Sie schrei­ben in einer Schluss­fol­ge­rung «im Bereich der Neuge­stal­tung frei werden­der Fried­hofs­flä­chen als Orte der Ruhe hätten Kirchen spiri­tu­el­le Kompe­ten­zen einzu­brin­gen.» Finden Sie, die Kirche enga­giert sich dies­be­züg­lich zu wenig? 

Dani­el Klin­gen­berg: Tod und die Trau­er sind eigent­lich spiri­tu­el­le Themen, der Umgang damit gehört zur Kern­kom­pe­tenz der Kirche. Bei der Verän­de­rung der Fried­hofs­nut­zung wäre es daher nahe­lie­gend, dieses Wissen einzu­brin­gen. Die Poli­tik hat kaum Inter­es­se daran, was man mit der Lang­sam­keit des Umnut­zungs­pro­zes­ses erklä­ren kann. Das Thema geht quasi vergessen.

Immer häufi­ger wenden sich Menschen von kirch­li­chen Bestat­tun­gen ab und wollen eine Natur­be­stat­tung. Dabei wird die Asche in der frei­en Natur, etwa an einem persön­li­chen Kraft­ort des Verstor­be­nen oder in Bestat­tungs­wäl­dern verstreut. Was halten Sie davon? 

Dani­el Klin­gen­berg: Das geht mit einem Verlust einher. Ich empfin­de eine öffent­li­che Trau­er­fei­er als sehr wich­tig im ganzen Trau­er­pro­zess. Aus der Trau­er­for­schung ist bekannt, dass das gemein­sa­me Abschied­neh­men für Ange­hö­ri­ge sehr trös­tend sein kann. Durch die indi­vi­du­el­len Abschieds­fei­ern im priva­ten Rahmen verschwin­det dieses kollek­ti­ve Ritu­al. Zudem gibt es keinen öffent­lich zugäng­li­chen Gedenk­ort für die verstor­be­ne Person.

Was denken Sie, wie sehen unse­re Fried­hö­fe in 50 Jahren aus?

Dani­el Klin­gen­berg: Ich denke nicht, dass sich so schnell etwas ändern wird. Die Verän­de­rung der Fried­hö­fe ist ein sehr lang­sa­mer Prozess. Es ist wich­tig zu wissen, was die Bevöl­ke­rung denkt. Dabei ist eine verant­wor­tungs­be­wuss­te Planung entschei­dend. Weil das Thema mit vielen unter­schied­li­chen Meinun­gen, Emotio­nen und örtli­chen Gege­ben­hei­ten verknüpft ist, gibt es auch viel­fäl­ti­ge Vari­an­ten der Umnut­zung. Ich vermu­te, dass man die Grün­flä­chen als Oasen behal­ten wird. In einzel­nen Fällen wird es in urba­nen Räumen aufgrund des Sied­lungs­dru­ckes Umnut­zun­gen geben. 

Dani­el Klin­gen­berg ist Pfar­rer in der Evangelisch-reformierten Kirch­ge­mein­de Mitt­le­res Toggen­burg und Publizist.

Text: Katja Hongler

Bild: Regi­na Kühne / zVg.

Veröf­fent­licht: 23. Okto­ber 2023

«Beide mussten noch wachsen»

An einem golde­nen Herbst­tag auf die Alp Sell­amatt: Die Lukas-Kapelle hat nicht nur archi­tek­to­nisch eine beson­de­re Ausstrah­lung, auch deren ­Namens­ge­bung ist nicht alltäg­lich. Für die Fami­lie Lötscher, Gast­ge­be­rin auf der Sell­amatt, ist die Berg­ka­pel­le von gros­ser, emotio­na­ler Bedeutung.

Der Bau dieser Kapel­le war ein lang ersehn­ter Wunsch unse­rer Fami­lie», sagt Magda­le­na Lötscher (50). Ihre Eltern Hanni und Valen­tin Lötscher führ­ten den Berg­gast­hof Sell­amatt in zwei­ter Gene­ra­ti­on und woll­ten aus Dank­bar­keit, für das, was sie erreicht haben, eine Kapel­le erbau­en lassen. «Es war aller­dings ein langer Weg, bis alle einver­stan­den waren mit dem Bauvor­ha­ben», erin­nert sich Magda­le­na. «Ich war gera­de mit unse­rem ältes­ten Sohn schwan­ger, als die Bauar­bei­ten im Jahr 2002 star­ten konn­ten. Als es zu einer Früh­ge­burt kam, hatten die Gross­eltern die Idee, die Kapel­le nach dem Namen ihres ersten Enkels zu benen­nen.» Es sei wie ein zufäl­li­ges Zeichen gewe­sen, «beide muss­ten noch wach­sen, Lukas und die Kapelle». 

Nach der Frühgeburt ihres ersten Sohnes haben Magdalena Lötscher und Franz Niederberger auf der Sellamatt in der Lukas-Kapelle geheiratet. Das war vor 20 Jahren. Bis heute prägt dieser Ort ihre Familiengeschichte ganz besonders.
Nach der Früh­ge­burt ihres ersten Sohnes haben Magda­le­na Lötscher und Franz Nieder­ber­ger auf der Alp Sell­amatt in der Lukas-Kapelle geheiratet. 

Stol­zer Namensgeber 

Und beides verlief wie erhofft: Lukas wurde kräf­ti­ger und das Baupro­jekt konn­te im darauf­fol­gen­den Jahr erfolg­reich abge­schlos­sen werden. Zur Krönung heira­te­ten die Eltern Magda­le­na Lötscher und Franz Nieder­ber­ger in eben dieser neu erbau­ten Kapel­le. Lukas Nieder­ber­ger ist mitt­ler­wei­le 21 Jahre alt, ausge­bil­de­ter Schrei­ner und aktu­ell in seiner Zweit­aus­bil­dung zum Zimmer­mann. Was bedeu­tet es für ihn persön­lich, dass die Kapel­le nach ihm benannt ist? «Es ist mir eine Ehre und erfüllt mich schon ein wenig mit Stolz», antwor­tet er. Denn schliess­lich habe nicht jeder eine Kapel­le, die ihm gewid­met sei. Er und seine Fami­lie besu­chen jedes Jahr den Weih­nachts­got­tes­dienst hier in der Kapel­le. «Seit ich grös­ser bin, darf ich manch­mal auch die Lesung lesen.» Beim Alpgot­tes­dienst im Juli komme er auch immer auf die Sell­amatt und als sein Gotti vor drei­zehn Jahren hier oben heira­te­te, durf­te er die Ringe über­ge­ben: «Das war sehr emotio­nal für mich.» Gene­rell bedeu­tet ihm dieser Ort und die Umge­bung sehr viel: «Die Aussicht an diesem Pätz­li ist einfach einma­lig. Im Norden der ganze Alpstein und im Süden die Churfirsten.»

Aus dem «Frühchen» Lukas ist ein lebensfroher, junger Mann geworden.
Aus dem «Früh­chen» Lukas ist ein lebens­fro­her, junger Mann geworden.

«Es ist mir eine Ehre und ­erfüllt mich schon ein wenig mit Stolz.»

Markant und begehrt

Die mit markan­ten Natur­stei­nen gebau­te Berg­ka­pel­le ähnelt einem Tessi­ner Grot­to. Der quadra­ti­sche Baukör­per und der frei­ste­hen­de Turm stehen an ausge­zeich­ne­ter Lage auf einem Vorsprung an der Lich­tung beim Gast­haus Sell­amatt auf 1400 m ü. M. Der gross­zü­gi­ge Fens­ter­kranz lässt die bezau­bern­de Natur durch­bli­cken und der Innen­raum ist mit behag­li­chem Holz ausge­klei­det. Gebaut wurde die Berg­ka­pel­le von der Archi­tek­tur­ge­mein­schaft Güttin­ger und Busch­or aus Watt­wil. Das Berg­gast­haus Sell­amatt verwal­tet und pflegt die Kapel­le. Die Nach­fra­ge für Hoch­zei­ten, Taufen und immer mehr auch für Abdan­kungs­fei­ern ist gross. Letz­te­re bieten sich insbe­son­de­re an, weil es neben der Kapel­le einen unkon­ven­tio­nel­len Fried­hof für Natur­be­stat­tun­gen gibt. Die Asche der Verstor­be­nen wird in die Erde unter einen Fels­stein gestreut. «Auch für Chor­pro­ben ist die Kapel­le sehr gefragt, weil die Akus­tik ideal ist», ergänzt Franz, der selbst im loka­len «Chur­firs­ten­chör­li» mitsingt.

«Erin­ne­rungs­bänk­li»

Seit diesem Sommer hat dieser Ort für die Fami­lie Lötscher noch eine zusätz­li­che Bedeu­tung erhal­ten. Die Gross­mutter von Lukas ist im Früh­jahr verstor­ben und im August hat die Fami­lie in der Kapel­le ihren Abschied gefei­ert und eine Gedenk­stät­te für sie errich­tet. Auf der Anhö­he vor der Kapel­le umrah­men zwei «Erin­ne­rungs­bänk­li» diesen einzig­ar­ti­gen Platz mit einem Ahorn­baum und einem Brun­nen. Toch­ter und Schwie­ger­sohn der Verstor­be­nen sind sich einig: «Es wäre ihr vergönnt gewe­sen, noch ein biss­chen länger den Ruhe­stand genies­sen zu können. Sie war stets hier oben und hat jeden Tag im Betrieb gearbeitet.»

In Gedenken an Hanni Lötscher (Grossmutter von Lukas) ist diese Gedenkstätte mit zwei Erinnerungsbänkli entstanden.
In Geden­ken an Hanni Lötscher (Gross­mutter von Lukas) ist diese Gedenk­stät­te mit zwei Erin­ne­rungs­bänk­li entstanden.

Besinn­li­cher Ort

Ihr Able­ben erin­nert Magda­le­na und Franz auch daran, das eige­ne Leben bewusst zu genies­sen und auch mal inne­zu­hal­ten. Magda­le­na sagt: «Ich gehe gerne in die Kapel­le, um meinen Gedan­ken nach­zu­ge­hen oder zu beten. Ich mag die Stil­le hier.» Für Franz ist die Kapel­le ein Kraft­ort, wo er Ener­gie auftan­ken kann und Distanz zum Alltags­stru­del findet: «Ich stel­le mir manch­mal vor, wie mein Leben und mein Umfeld in zwan­zig Jahren wohl ausse­hen werden. Wenn man über weite Zeit­span­nen voraus- und zurück­schaut, werden die aktu­el­len Sorgen oft kleiner.»

Alp Sell­amatt 

Die Anrei­se mit öffent­li­chen Verkehrs­mit­teln führt mit der Bahn von Wil nach Ness­lau. Ab Ness­lau fährt das Post­au­to nach Alt St. Johann. Die Alp Sell­amatt erreicht man ganz­jäh­rig mit der Berg­bahn. Die Kombi-Bahn mit offe­nen Vierer­ses­seln und geschlos­se­nen Gondeln führt von Alt St. Johann in sechs Minu­ten auf die Sell­amatt (1400 m ü. M.). Während des Sommer­be­trie­bes ist die gebüh­ren­pflich­ti­ge Alps­tras­se bis zur Alp Sell­amatt gut fahr­bar. Die Berg­sta­ti­on befin­det sich unmit­tel­bar neben dem roll­stuhl­gän­gi­gen Berg­ho­tel Sellamatt. 

Wander­emp­feh­lung 

Ausgangs­punkt für diese mode­ra­te Wande­rung ist der kosten­lo­se Park­platz bei der Talsta­ti­on der Sallamatt-Bahn in Alt St. Johann. Von hier aus geht es in 25 Gehmi­nu­ten nach Unter­was­ser. Dann führt ein stün­di­ger Anstieg hinauf zum Schwen­di­see im Natur­schutz­ge­biet. Das Ufer des Schwen­di­sees ist von Schilf gesäumt und bietet an beiden Enden Grill­mög­lich­kei­ten. Weiter geht es über Hinter­seen entlang des Klang­we­ges via Ilti­os zur Alp Sell­amatt (1 h). Der Abstieg zurück nach Alt St. Johann ist mit der Sellamatt-Bahn oder über die Wander­rou­te Chueweid-Pfruendwald (1 h) möglich. 

High­lights

Schwen­di­see, Klang­weg, Berg­pan­ora­ma auf der Sell­amatt mit Blick auf Alpstein mit Säntis und Churfirsten. 

Höhen­dif­fe­renz

500 Höhen­me­ter

Reine Wander­zeit 

3,5 Stun­den inklu­si­ve Abstieg nach Alt ­St.­­ Johann

Text: Katja Hongler

Bilder: Ana Kontoulis

Veröf­fent­licht: 25.9.2023

Bananen retten mit dem Smartphone

Es gibt auch gute Nach­rich­ten bezüg­lich Food­was­te: Mit Chats und Apps kann heute jeder Einzel­ne helfen, Obst und Gemü­se sowie Mahl­zei­ten vor der Müll­ton­ne zu retten. So kann «Ernte­dank» ganz konkret gelebt werden.

Kirschen: zu klein für Handel, Eier: zu klei­nes Kali­ber, Blau­bee­ren: Retouren, Bana­nen: zu gelb für Handel», so liest sich die aktu­el­le Mängel­lis­te, die Ivo Streiff (52) von «Foodchat.ch» jeweils seinen Kunden in Gais, Heris­au oder St. Gallen schickt. «Wir verkau­fen Gemü­se und Früch­te mit Mängeln oder aus Über­pro­duk­ti­on und vermei­den so, dass tonnen­wei­se Lebens­mit­tel im Abfall landen.» Der Jurist und ehema­li­ge Versi­che­rungs­ma­na­ger hat seine Geschäfts­idee bei einem Glas Wein mit einem guten Freund und Lebens­mit­tel­händ­ler entwi­ckelt. «Er hat mir an jenem Abend erzählt, dass er zwei Tonnen beste Trau­ben wegschmeis­sen müsse. Ich habe dann kurzer­hand einen Grup­pen­chat für das ganze Dorf orga­ni­siert, um die Früch­te an verschie­de­ne Abneh­mer auszuliefern.» 

Obst und Gemü­se mit Handicap

Die Geschich­te mit den Trau­ben ist leider kein Einzel­fall. Oft wird einwand­frei­es Gemü­se und Obst wegge­wor­fen, nur weil es nicht der Optik entspricht oder über­schüs­sig produ­ziert wurde. Laut Medi­en­mit­tei­lung des Bundes­ra­tes wird fast ein Drit­tel der für den Schwei­zer Konsum produ­zier­ten Lebens­mit­tel verschwen­det oder unnö­tig wegge­wor­fen. Dies entspricht rund 330 Kilo­gramm Abfall pro Kopf und Jahr. Mit dem nach­hal­ti­gen Geschäfts­mo­dell konn­te «Food­chat» im letz­ten Jahr 300 Tonnen Frisch­pro­duk­te retten. Inter­es­sier­te können sich auf der Website für den Gruppen-Chat regis­trie­ren. Streiff infor­miert sie dann über die aktu­el­len Ange­bo­te, inklu­si­ve Herkunft, Preis und «Handi­cap». Mitt­ler­wei­le bedient der Thur­gau­er 20 Stand­or­te in der Ostschweiz und stösst allmäh­lich an seine Kapa­zi­täts­gren­zen. «Ich bin Montag bis Frei­tag unter­wegs und verkau­fe die Frisch­pro­duk­te über die Rampe meines Liefer­wa­gens und abends fülle ich das Lager mit neuen Produk­ten auf, die palet­ten­wei­se ange­lie­fert werden». Nun steht der nächs­te Schritt an: «Ich werde eine zusätz­li­che Person anstel­len und einen grös­se­ren Liefer­wa­gen anschaffen.» Der Erfolg seiner drei­jäh­ri­gen Firma ist auch auf seiner Whatsapp-Liste offen­sicht­lich: «Ich habe mitt­ler­wei­le 10 000 Kontakte.» 

Mahl­zei­ten retten

Im April 2022 hat der Bundes­rat einen Akti­ons­plan verab­schie­det mit dem Ziel, die Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung bis 2030 im Vergleich zu 2017 zu halbie­ren. Er rich­tet sich an alle Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen der Lebens­mit­tel­bran­che sowie an Bund, Kanto­ne und Gemein­den. Eine von vielen Akteu­ren ist die welt­wei­te Orga­ni­sa­ti­on «Too Good to Go». Mit Hilfe dieser App können unver­kauf­te Lebens­mit­tel von Geschäf­ten und Restau­rants vor dem Wegwer­fen verschont werden. Die App ist seit 2018 in der Schweiz aktiv und entwi­ckel­te sich in kürzes­ter Zeit zur bekann­tes­ten Marke im Kampf gegen Food­was­te. Laut Unter­neh­men zählt sie über 2 Millio­nen User*innen in der Schweiz und arbei­tet mit mehr als 7100 Part­ner­be­trie­ben zusam­men, darun­ter auch Migros und Coop. In den vergan­gen fünf Jahren konn­ten bereits über acht Millio­nen «Mahl­zei­ten­päck­li» geret­tet werden. 

Bewusst einkau­fen

Was kann ich als einzel­ner schon bewe­gen? Eigent­lich sehr viel! Mit rund einem Drit­tel Anteil am Food­was­te gehört der Endkon­su­ment zu den Haupt­ver­ur­sa­chern. Es liegt letzt­lich in der Verant­wor­tung jedes einzel­nen Haus­halts, einen umsich­ti­gen Umgang mit unse­ren Lebens­mit­teln zu pfle­gen. Bewusst einkau­fen lohnt sich für die Umwelt sowie das Haus­halts­bud­get. Und manch­mal geht es sogar fast ganz gratis: Lässt die Nach­ba­rin an ihren Sträu­chern oder Bäumen das Obst oder das Gemü­se verder­ben? Warum frage ich sie nicht, ob ich das für sie über­neh­men und das Geern­te­te verwen­den darf? 

Herbst­zeit ist Ernte­zeit – in den Pfar­rei­en wird Ernte­dank gefei­ert und die ökume­ni­sche Akti­on «Schöp­fungs­zeit» sensi­bi­li­siert für Schöp­fungs­ver­ant­wor­tung – der idea­le Zeit­punkt, um Apps gegen Food­was­te zu instal­lie­ren oder das Einkaufs­ver­hal­ten unter die Lupe zu nehmen. Tipps von WWF gegen Foodwaste:

– bewusst Gemü­se und Obst kaufen, das nicht perfekt ist: z. B. eine App instal­lie­ren, die unper­fek­tes Gemü­se und Obst verkauft

– Unnö­ti­ge Einkäu­fe vermei­den = Blick in Kühl­schrank vor dem Einkaufen

– Einkäu­fe planen: Menü­plan und Einkaufs­lis­te erstellen

– Frisches kaufen: Lieber häufi­ger, dafür geziel­ter einkaufen

– Verfall­da­tum hinter­fra­gen: Zuerst testen, ob abge­lau­fe­ne Produk­te wirk­lich nicht mehr geniess­bar sind

Text: Katja Hongler

Bild: pixabay.com

Veröf­fent­licht: 11. Septem­ber 2023

Matthias Wenk ist neu am Lenker der mobilen Cityseelsorge.

«Die City ist unsere Kirche»

Um mit Passan­ten ins Gespräch zu kommen, ist Matthi­as Wenk (46) mit dem Cargo-Velo mit der Aufschrift «kost­Bar» in St. Gallen unter­wegs. Der katho­li­sche City­se­el­sor­ger erklärt, was an dieser Bar «ausge­schenkt» wird. 

Bei uns gibt es keinen Alltag. Wir orien­tie­ren uns an dem, was in der Stadt läuft. Wir sind mit unse­rem Velo an Brenn­punk­ten im öffent­li­chen Raum unter­wegs», sagt ­Matthi­as Wenk von der mobi­len City­se­el­sor­ge St. Gallen. Zudem sind sie an Märk­ten und Veran­stal­tun­gen präsent, etwa beim Willkommens-Anlass für Neuzu­zü­ger. Dort hat die City­se­el­sor­ge einen gemein­sa­men Stand mit der Refor­mier­ten Kirche. «Sich immer wieder auf neue Orte und neue Begeg­nun­gen einzu­las­sen, ist heraus­for­dernd», sagt der Theo­lo­ge und Sozi­al­ar­bei­ter. «Es ist aber auch immer wieder schön, an vorders­ter Front mit Menschen in Kontakt zu kommen.» Er über­nimmt die mobi­le City­se­el­sor­ge offi­zi­ell per 1. August. Punk­tu­ell hat er bereits Aufga­ben über­nom­men. Wenk ist kein Neuer: Er arbei­tet bereits seit 2018 im Teil­zeit­pen­sum für den Bereich «Spiri­tua­li­tät und neue Gottes­dienst­for­men» bei der City­se­el­sor­ge. Nun gibt er dieser Tage die Pfar­rei­lei­tung der ökume­ni­schen Gemein­de Halden ab und widmet sich künf­tig in einem 80-Prozent-Pensum der Cityseelsorge.

Wie entsteht ein Dialog?

Um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, hat das Team verschie­de­ne nieder­schwel­li­ge Hilfs­mit­tel entwi­ckelt. «Es braucht einfa­che Anknüp­fungs­punk­te», weiss Wenk und zeigt seine alten Krüge, die er jeweils auf der Velo-Bar auftischt. Darin verste­cken sich verschie­de­ne Symbol­trä­ger wie beispiels­wei­se klei­ne Lego-Figuren oder eine Armband­uhr – der letz­te Krug beinhal­tet eine beson­ders berüh­ren­de Über­ra­schung, die hier nicht verra­ten werden soll. «Es geht darum, die Menschen zum Nach­den­ken anzu­re­gen und ihnen bewusst zu machen, was ihnen wich­tig und kost­bar erscheint», erklärt Wenk. Dabei kann ein unver­krampf­ter Dialog über Spiri­tua­li­tät entste­hen: «Setzt man man sich mit Lebens­fra­gen ausein­an­der, kommt der Glau­be auto­ma­tisch ins Spiel.» Und was brennt den Menschen in St. Gallen unter den Finger­nä­geln? «Das ist sehr indi­vi­du­ell, viele sind gespal­ten bei gesell­schaft­li­chen Themen, aktu­ell drehen sich die Gesprä­che oft um die Klima­si­tua­ti­on. Wir hören auch persön­li­che Geschich­ten, erfah­ren von Sorgen und Ängs­ten, die uns Menschen umtrei­ben oder auch von Notsi­tua­tio­nen.» Wenk betont, dass sie für alle Menschen da sein möch­ten. Einen spezi­el­len Fokus würden sie auf jene rich­ten, die offen seien für Glau­bens­fra­gen, aber keine klas­si­schen Gottes­diens­te besu­chen. «Das sind in St. Gallen immer­hin 91 Prozent der Kirchensteuerzahler», sagt Wenk.

Gut vernetzt

Das vier­köp­fi­ge Team der City­se­el­sor­ge trifft sich vor den gemein­sa­men Sitzun­gen zum Gebet und Austausch. «Wir teilen unse­re Erleb­nis­se bewusst mitein­an­der und notie­ren das Wich­tigs­te auf einer gros­sen Schrift­rol­le. Diese ist mitt­ler­wei­le bestimmt zehn Meter lang und wird später im Sinne einer Rück­schau wieder ausge­rollt.» Die Zusam­men­ar­beit im Team sowie mit ande­ren Anlauf­stel­len der Kirche ist Wenk sehr wich­tig. Man lerne sehr viel vonein­an­der und könne die viel­schich­ti­gen Anlie­gen oder Hilfe­ru­fe aus den eige­nen Begeg­nun­gen auch an ande­re Fach­leu­te weiter­rei­chen. Ab August erhält das Team zusätz­li­che Verstär­kung für den Bereich «Mobi­le Ökopro­jek­te». Eine gros­se Unter­stüt­zung sind auch die Frei­wil­li­gen: «Unse­re Arbeit würde ohne sie nicht funk­tio­nie­ren», sagt Wenk. Dazu kommen projekt­be­zo­ge­ne Part­ner­schaf­ten wie beispiels­wei­se mit der Refor­mier­ten Kirche. Für nächs­tes Jahr ist eine Part­ner­schaft mit «Wohn­mo­bil­land Schweiz» vorge­se­hen. Wenk verrät, dass sie einen grös­se­ren Event mit Camper-Segnungen planen.

Werk­zeug für den Frieden

Wenk zitiert eine Stel­le aus einem Gebet, das Franz von Assi­si zuge­schrie­ben wird. Diese scheint ihm für seine Arbeit sehr wesent­lich: «Gott, mach mich zu einem Werk­zeug deines Frie­dens.» Diese Meta­pher helfe ihm, seine Aufga­be wahr­zu­neh­men und sich immer wieder auf neue Begeg­nun­gen einzu­las­sen. Die mobi­le City­se­el­sor­ge bespielt bewusst keine eige­nen Räum­lich­kei­ten. «Wir sind immer draus­sen unter­wegs am Puls der Gesell­schaft. Unse­re Kirche ist die City.» Auch hier versu­chen sie, «das Gött­li­che in die Welt zu spie­geln». So sieht Wenk das Ange­bot der mobi­len City­se­el­sor­ge auch als Ergän­zung zu den Pfar­rei­en, die bereits sehr wert­vol­le Arbeit leis­ten würden.

Ein Blick in den Krug: Lego-Figuren als ­Symbol für unsere Mitmenschen.

Text und Bilder: Katja Hongler

Veröf­fent­li­chung: 24.07.2023

Wolfgang Sieber, Präsident Kolumbansweg Schweiz, stellt anlässlich der «Kolumban’s Days» in St. Gallen die Partnerschafts-Charta vor.

Charta zu Ehren von Kolumban

Vom 7. bis 11. Juli 2023 wird St. Gallen zum Treff­punkt der euro­päi­schen Kolumban-­Bewegung. Höhe­punkt ist die Unter­zeich­nung der neuen Kolumbansweg-Charta. Erwar­tet werden 100 Vertre­ter und Vertre­te­rin­nen aus Irland, Frank­reich, Itali­en und der Schweiz.

Seit der Eröff­nung des Kolumb­ans­wegs in der Schweiz im Juni 2020 hat der Verein «IG Kolumb­ans­weg Schweiz» eini­ge Mass­nah­men ange­stos­sen, um diesen Erin­ne­rungs­weg, der quer durch die Ostschweiz führt, popu­lä­rer zu machen. «Wir haben unter ande­rem eine App entwi­ckelt und zahl­rei­che medi­en­wirk­sa­me Veran­stal­tun­gen mit Promi­nen­ten durch­ge­führt», sagt Wolf­gang Sieber, Vereins­prä­si­dent aus Sargans. Der Bekannt­heits­grad des schweizerischen-österreichischen-liechtensteinischen Teil­stü­ckes der «Via Colum­ba­ni» habe in der Folge laufend zuge­nom­men, ist aber noch nicht so bekannt wie in Irland oder Frank­reich. Nun stehen weite­re Projek­te an, um den Weg bei Pilge­rin­nen wie Wande­rern noch belieb­ter zu machen und die Erin­ne­rung an Kolum­ban leben­dig zu halten sowie die Leis­tun­gen der Mönche zu würdi­gen. Der nächs­te Meilen­stein ist gesetzt: Zum Auftakt des «Columban’s Day» wird die Partnerschafts-Charta für die «Via Colum­ba­ni» vorge­stellt und unter­zeich­net. «Davon profi­tiert natür­lich der Kolumb­ans­weg Schweiz-Österreich-Liechtenstein sehr», sagt Sieber. Während dieser fünf Tage werden insge­samt 500 natio­na­le und inter­na­tio­na­le Gäste erwartet.

Char­ta statt Verein

Die Partnerschafts-Charta beab­sich­tigt, Menschen zusam­men­zu­brin­gen und ein Bezie­hungs­netz zwischen allen Betei­lig­ten zu schaf­fen. Alle, die daran inter­es­siert sind, das Vermächt­nis von Kolum­ban weiter­zu­füh­ren, sind einge­la­den, diese Char­ta zu unter­zeich­nen. Dazu gehö­ren Perso­nen aus loka­len Behör­den, kultu­rel­le Grup­pen, Pilger- und Wander­grup­pen, kirch­li­che Gemein­schaf­ten, Schu­len sowie sozia­le und kommu­na­le Orga­ni­sa­tio­nen, Sport­ver­ei­ne, Beher­ber­ger und Tourismus-Organisationen. Aufgrund von unbe­frie­di­gen­den Erfah­run­gen mit einem inter­na­tio­na­len Verein wurde die Schaf­fung einer Char­ta beschlos­sen. Das Ziel dieser losen Part­ner­schaft ist es, den Kolumb­ans­weg vom Euro­pa­rat als euro­päi­schen Kultur­weg aner­ken­nen zu lassen. «Dieses Ziel soll in eins, zwei Jahren erreicht werden», schätzt Sieber. Der «Columban’s Day» findet jedes Mal an einem ande­ren Ort in Euro­pa statt und dauert norma­ler­wei­se nur zwei Tage. Doch wegen der Char­ta reisen gegen 100 Vertre­ter und Vertre­te­rin­nen aus Irland, Frank­reich, Itali­en und der Schweiz an. «Für die Gäste aus dem Ausland wollen wir ein attrak­ti­ves Rahmen­pro­gramm mit Exkur­sio­nen nach Bregenz und ins Appen­zel­ler­land anbie­ten», sagt Sieber. Und ergänzt: «Wenn sie schon eine solche Reise auf sich nehmen, dann sollen sie auch etwas von der Regi­on sehen und ein paar Tage verweilen.»

Aufnah­me ins Mobil Netz

Eine Zerti­fi­zie­rung würde auch ande­re Projek­te begüns­ti­gen. «Wir sind schon seit Länge­rem mit Schweiz Mobil in Verhand­lung, um eine eige­ne Routen-Nummer für den Kolumb­ans­weg zu erhal­ten, analog zum Jakobs­weg der mit Nummer vier gekenn­zeich­net ist», erklärt Sieber. Ein weite­res Ziel ist eine Liste mit einfa­chen und erschwing­li­chen Pilger­un­ter­künf­ten: «Wir haben zwar auf unse­rer Website verschie­de­ne Hotels, B&B’s und ande­re Herber­gen aufge­lis­tet, aber wir haben immer wieder Anfra­gen nach möglichst güns­ti­gen Unter­künf­ten.» Zudem sei der Verein bemüht, die Plaket­ten und Kleber mit dem Kolumbans-Logo weiter zu vertei­len, um auf den Weg aufmerk­sam zu machen. «Wir haben auch eine Stem­pel­vor­la­ge für Herber­gen und Restau­rants kreiert, damit die Pilge­rin­nen und Pilger an den Etap­pen­zie­len ihre Pilger­päs­se abstem­peln lassen können.» 

Die Plakette, die entlang der 500 Kilometer an ­verschiedenen ­Unterkünften, ­historischen Stätten und Gebäuden angebracht ist.

Pilgern auf der Via Columbani 

Auf der 500 Kilo­me­ter langen Pilger­rou­te von ­Basel bis Chia­ven­na (Itali­en) wird ein Teil­stück nach­ge­bil­det, das der irische Mönch Kolum­ban mit seinen zwölf Gefähr­ten im 6. Jh. von Bangor (Nord­ir­land) nach Bobbio (Nord­ita­li­en) gewan­dert ist. Der Weg durch das Gebiet Schweiz-Österreich-Liechtenstein ist Teil­stück des euro­päi­schen Kolumban-Kulturweges «Via Colum­ba­ni». Die Route ist in 21 Etap­pen à rund 25 km aufge­teilt. Weite­re Infor­ma­tio­nen zum Kolumb­ans­weg und zum «Columban’s Day»: www.kolumbansweg.ch

Text: Katja Hong­ler, Bilder: zVg.

Einem Käfer ebenbürtig

Mina Inauen-Neff von Appen­zell (73) singt den Betruf seit sie als zwölf­jäh­ri­ges Mädchen bei ihrem Vater auf der Alp gear­bei­tet hat. «Es hat sich so erge­ben», sagt die Älple­rin, die 2012 im Kino­film «Alpse­gen» porträ­tiert wurde. 

Seit zwan­zig Jahren verbringt Mina Inauen-Neff die Sommer­mo­na­te zusam­men mit ihrem Mann sowie rund 40 Tieren auf der Alp Streck­wees (1257 m. ü. M) im Alpstein, wo sie jeden Abend den tradi­tio­nel­len Betruf durch den Trich­ter singt. Als Mesme­rin ist sie zudem für die Berg­got­tes­diens­te in der nahge­le­ge­nen Kapel­le «Maria Heim­su­chung» zustän­dig. Die pensio­nier­te Handarbeits- und Haus­wirt­schafts­leh­re­rin ruft den Alpse­gen aus tiefer, inne­rer Über­zeu­gung: «Der Betruf gibt mir Kraft und ich kann damit meine Dank­bar­keit ausdrü­cken. Wir sind in der Natur in Gottes Hand gebor­gen, aber wir sind nicht mehr als ein Teil davon.» Wer den Natur­ge­wal­ten in der Berg­welt ausge­setzt ist, erlebt die eige­ne Exis­tenz ganz bewusst als Teil des Ganzen. «Du bist nicht mehr als so ein Käfer – du bist ande­ren Lebe­we­sen eben­bür­tig und du sollst dich nicht als Beherr­scher der Natur aufspie­len», sagt sie. 

Volks­tüm­li­cher Charakter

Den Betruf bezeich­net Inau­en als «singen­des Gebet», von dem man sagt, es sei doppelt so viel wert. Man bittet die Heili­gen und Schutzpatrone, sie mögen Mensch, Tier und Alp von Unge­mach fern­hal­ten. Am besten gefällt ihr die Text­stel­le «Bhüets Gott allsa­me, seis Fründ oder Feind ond di lieb Mutter Gottes mit erem Chend», weil mit «allsa­me», alle gemeint sind und somit alle Menschen ins Gebet aufge­nom­men werden. «Wir bitten Gott, dass er uns alle beschützt und behü­tet», so Inau­en. Der Wort­laut des Betrufs vari­iert von Regi­on zu Regi­on. Der Text des Inner­rho­der Betrufs in der Fassung von 1948 stammt von Pater Erich Eber­le und basiert auf der Melo­die von Pater Ekke­hard Högger, «wobei es bei der Tonla­ge schon klei­ne­re Abwei­chun­gen gibt, je nach­dem wer den Betruf ausruft», ergänzt Inau­en. Der halb gespro­che­ne, halb gesun­ge­ne Alpse­gen erhält zusam­men mit dem mund­art­lich gefärb­ten Hoch­deutsch seinen unver­kenn­ba­ren, volks­tüm­li­chen Charakter. 

Keine Sonder­rol­le als Frau

Übli­cher­wei­se ruft der Senn den Betruf aus. Dass sie die einzi­ge Frau sein soll, die den Alpse­gen pflegt, hat für sie wenig Bedeu­tung. Ihrer Meinung nach können Frau­en und Männer gleich wohl beten. Es habe sich damals einfach so erge­ben. Sie erin­nert sich: «Als ich damals als zwölf­jäh­ri­ges Mädchen als ‹Hand­bueb› bei meinem Vater auf der Alp gear­bei­tet habe, hat mich der Milch­kon­trol­leur eines Tages auf den Trich­ter ange­spro­chen. Es herrsch­te schlech­tes Wetter und er hatte gera­de Zeit, mir den Betruf beizu­brin­gen.» Seit­her holt sie den Holz­trich­ter jeden Abend zwischen 19 und 20 Uhr hervor und steht auf den Stein neben der Alphüt­te. «Ich mache es immer zu dieser Zeit – und ich mache es auch nicht den Touris­ten zulie­be früher oder später», sagt die Älplerin. 

Tradi­ti­on soll weitergehen

Sie wird heute noch oft auf ihre Rolle im Kino­film «Alpse­gen» von Bruno Moll ange­spro­chen, der 2012 ausge­strahlt wurde. Es sei eine schö­ne Erfah­rung gewe­sen, aber auch streng, weil sie vor laufen­der Kame­ra spon­tan auf tief­grün­di­ge Fragen antwor­ten muss­te. «Ich habe sehr viele, posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen erhal­ten und ich habe gemerkt, dass viele Leute nur wenig Ahnung vom Alple­ben haben.» Laut Inau­en zeigt der Film neben den schö­nen Seiten auch die anstren­gen­de Arbeit und die unmit­tel­ba­ren Gefah­ren in der Berg­welt. Wie es mit der Fami­li­en­tra­di­ti­on einmal weiter­ge­hen soll, weiss sie noch nicht. Wich­tig sei ihr, dass der Alpse­gen nicht zur Touris­ten­ak­ti­on verkom­me. «Ich bin zuver­sicht­lich, dass diese schö­ne Tradi­ti­on auf der Alp Streck­wees weiter­ge­pflegt wird».

Text: Katja Hongler

Bild: Annet­te Boutellier

Veröf­fent­licht: 05. Juni 2023

Gefangen und ausgestellt

Ein Käfig als Sinn­bild für die Situa­ti­on von Armuts­be­trof­fe­nen: Cari­tas St. Gallen-Appenzell stell­te das Projekt rund um die Kunst­in­stal­la­ti­on beim Diakonie-Treffen in Rorschach vor. 

«Will­kür», «Schuld», «Vorur­tei­le», «Ohnmacht», «Scham» und «Fremd­be­stim­mung» steht auf verschie­de­nen Schil­dern. Sie konfron­tie­ren den Betrach­ter mit der komple­xen Situa­ti­on von armuts­be­trof­fe­nen Menschen, die sich durch alle Lebens­be­rei­che zieht. Im Innern des Käfigs sind emotio­na­le State­ments von Armuts­be­trof­fe­nen auf lami­nier­tem Papier zu lesen. Beim Tref­fen der Diakonie-Ressortbeauftragten aus dem ganzen Bistum St. Gallen Mitte März in Rorschach zeig­te Cari­tas St. Gallen-Appenzell den beklem­men­den Käfig zum ersten Mal und stell­te Ideen für zukünf­ti­ge Einsät­ze in den Seel­sor­ge­ein­hei­ten zur Diskus­si­on. «Die Anre­gung für die Käfig-Kunstinstallation ist im Herbst 2022 bei einem Tref­fen mit der Orga­ni­sa­ti­on ‹verkehrt Bern› entstan­den», sagt Olivia Conrad, Mitar­bei­te­rin Diako­nie­ani­ma­ti­on der Cari­tas Regio­nal­stel­le Sargans. «verkehrt Bern» ist eine Gemein­schaft aus Sozi­al­ar­bei­ten­den und armuts­be­trof­fe­nen Menschen, die sich frei­wil­lig enga­gie­ren und mit krea­ti­ven Aktio­nen auf die Armuts­si­tua­ti­on in der Schweiz aufmerk­sam machen. «Ich habe sie kontak­tiert, weil ich gerne eine über­kan­to­na­le Akti­on planen woll­te, die möglichst viele Menschen in der Ostschweiz erreicht», erklärt die Sozi­al­ar­bei­te­rin. Im gemein­sa­men Brain­stor­ming mit Armuts­be­trof­fe­nen ist die Idee mit dem Käfig entstan­den: «Wir wollen mit einem 3D-Objekt das Gefühl von gefan­gen und ausge­stellt sein sicht­bar machen», sagt Conrad. Für die plas­ti­sche Gestal­tung wurde der frei­schaf­fen­de Künst­ler Manfred Syts­ma aus Bern enga­giert. Er hat eine modu­la­re Holz­kon­struk­ti­on gefer­tigt, die durch den rost­ar­ti­gen Anstrich sehr authen­tisch wirkt. 

Einbin­den statt ausgrenzen

Den ersten Auftritt hatte der Käfig auf dem Berner Bundes­platz im Febru­ar 2023 am inter­na­tio­na­len Tag der sozia­len Gerech­tig­keit. «Der Käfig zog viele inter­es­sier­te Menschen aus allen sozia­len Schich­ten an und es entstan­den span­nen­de Gesprä­che», so Conrad. Nun geht es darum, weite­re Aktio­nen in den verschie­de­nen Seel­sor­ge­ein­hei­ten des Bistums zu planen. Inter­es­se am Aufbau des Käfigs zeigt Franz Schi­b­li, Leiter Sozia­les der Katho­li­schen Pfarr- und Kirch­ge­mein­de Wil: «Fürs nächs­te Jahr planen wir, zusam­men mit ande­ren Sozi­al­part­nern neue Gefäs­se zu schaf­fen, um gemein­sam mit betrof­fe­nen Perso­nen konkre­te Mass­nah­men in der Armuts­prä­ven­ti­on und ‑bekämp­fung anzu­stos­sen.» Zentral dabei sei, dass das Wissen und die Erfah­rung von Betrof­fe­nen vor allem auch in der Sozi­al­hil­fe einbe­zo­gen werden. Es gehe auch darum, Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ge­rin­nen und ‑empfän­ger eine Stim­me zu geben, die gehört werde. Das wäre der erste Schritt, aus der Armuts­spi­ra­le auszu­bre­chen. Das Ganze mache jedoch nur Sinn, wenn auch die loka­le Sozi­al­be­hör­de gewillt sei, einen derar­ti­gen Prozess zu unter­stüt­zen. «Für den Start­schuss dieser Akti­on wäre der Käfig ein idea­les Symbol gegen die Demü­ti­gung von Armuts­be­trof­fe­nen», sagt der Theo­lo­ge und Sozi­al­ar­bei­ter und spricht damit die gros­se Hürde bei einer Sozialhilfe-Anmeldung an: «Wenn jemand beim Sozi­al­amt um Hilfe bittet, muss man ein 15-seitiges Formu­lar mit 25 Beila­gen einrei­chen und somit das komplet­te Privat­le­ben preisgeben.»

Armut kann alle treffen

Armut wird ausge­löst durch Schick­sa­le wie Krank­heit, Unfall, Schei­dung, Arbeits­lo­sig­keit oder Erwerbs­tä­tig­keit im Tief­lohn­seg­ment. Es kann jeden und jede tref­fen. Dies zu verste­hen, hilft die Klischees abzu­bau­en, die an armuts­be­trof­fe­nen Menschen haften. «Viele glau­ben, dass ihre Situa­ti­on selbst­ver­schul­det ist. Diese Pauscha­li­sie­rung ist falsch und löst bei Betrof­fe­nen oft Scham­ge­füh­le aus», weiss Conrad aus ihrer Arbeit mit armuts­be­trof­fe­nen Menschen. Laut der Schwei­ze­ri­schen Konfe­renz für Sozi­al­hil­fe (SKOS) haben im Jahr 2021 über 265 000 Menschen in der Schweiz Sozi­al­hil­fe bezo­gen. Die Sozi­al­hil­fe ist das letz­te Netz, wenn jemand keine Arbeit mehr findet, alles Vermö­gen aufge­braucht ist und keine der Sozi­al­ver­si­che­run­gen zustän­dig ist. 

Gefan­gen im System

Aus dieser Situa­ti­on heraus­zu­kom­men, ist nicht einfach. Auch wenn man wieder Arbeit findet, verlan­gen die Sozi­al­äm­ter in eini­gen Kanto­nen das Geld, das ausbe­zahlt wurde, zurück. «Für Betrof­fe­ne ist es deshalb schwie­rig bis aussichts­los, sich aus diesem Kreis­lauf jemals befrei­en zu können», sagt Conrad. Für diese Situa­ti­on ist der Käfig ein passen­des Sinn­bild. In der Armuts­the­ma­tik dürfen die soge­nann­ten «Working Poor» nicht verges­sen werden: Perso­nen, die im Tief­lohn­seg­ment arbei­ten und keinen Anspruch auf Sozi­al­hil­fe haben, aber trotz­dem am Exis­tenz­mi­ni­mum leben. Cari­tas St. Gallen-Appenzell geht davon aus, dass circa 50 000 Menschen im Kanton St. ­Gallen und den beiden Appen­zell  trotz Arbeit in Armut leben oder armuts­ge­fähr­det sind und keine staat­li­che Unter­stüt­zung beziehen.

Die modu­lar aufbau­ba­re Kunst­in­stal­la­ti­on kann für Anläs­se und Aktio­nen in den ­Seel­sor­ge­ein­hei­ten des Bistums St. Gallen ausge­lie­hen werden.

Text: Katja Hong­ler, Bilder: Ana Kontoulis

Firmgeschenke?

Zusam­men Zeit verbrin­gen, ein Glücks­brin­ger oder ein finan­zi­el­ler Zustupf: ​Was schenkt man jungen Menschen zur Firmung? Barba­ra Gahler, Firm­ver­ant­wort­li­che in Teufen, Bühler, Gais und Mörschwil, gibt Tipps, was zu diesem Schritt ins Erwach­se­nen­le­ben passt. 

Gemein­sa­mes Essen

Barba­ra Gahler hat bei ihren Firm­grup­pen nach­ge­fragt: «Die Firman­din­nen und Firman­den erwar­ten grund­sätz­lich keine Geschen­ke, jeden­falls nicht im gros­sen Stil. Eini­ge von ihnen hätten bei älte­ren Geschwis­tern oder Freun­den miter­lebt, dass diese zur Firmung etwa ein Buch oder einen klei­nen Geld­be­trag erhal­ten haben. Für die meis­ten ist das gemein­sa­me Essen und Feiern das Wich­tigs­te an diesem Tag.» Sie habe auch erfah­ren, dass sich die Jugend­li­chen im Anschluss an die Fami­li­en­fei­er eine Party mit Freun­den wünschen. Die Eltern würden dann anstel­le eines Geschen­kes die Kosten für die Party über­neh­men. Im Vorder­grund stehen offen­bar die Erleb­nis­se und der emotio­na­le Wert, nicht mate­ri­el­le  Geschen­ke, die man im Laden um die Ecke kaufen oder online bestel­len kann. Gahler weiss auch, dass die Bezie­hung zu den Firm­pa­tin­nen und ‑paten eine gros­se Rolle spielt. Oft sind es Eltern, Geschwis­ter, der Part­ner oder jemand aus dem Freun­des­kreis. Die Jugend­li­chen suchen sich bewusst nahe­ste­hen­de Menschen aus, auf die sie sich in jeder Hinsicht verlas­sen können. «Sie sehen die Bezie­hung als wert­volls­tes Geschenk an.» 

Schmuck

Ein Schmuck-Geschenk muss nicht immer aus teuren Diaman­ten bestehen. Ausge­wähl­te Glücks­brin­ger als Anhän­ger, Ketten und Armbän­der können einen persön­li­chen Wunsch für Glück, Schutz, inne­re Kraft und Mut über­brin­gen. «Die klas­si­schen Geschen­ke wie eine elegan­te Armband­uhr oder ein Schmuck­stück mit reli­giö­sem Motiv sind häufig nicht mehr gewünscht. Mode­schmuck ist hinge­gen beliebt», sagt Gahler. 

Finan­zi­el­ler Zustupf

Junge Leute haben gros­se Pläne. Besten­falls kann man sie dabei tatkräf­tig und mental unter­stüt­zen. Manch­mal ist auch eine finan­zi­el­le Betei­li­gung ein will­kom­me­nes Geschenk. Ein Grosi hat Gahler einmal erzählt, dass sie ihrem Gross­kind zur Firmung einen Betrag für die Auto­prü­fung geschenkt habe. «Das fand ich sehr passend», sagt sie.

Möbel­stück

Von einer Fami­lie hat Gahler erfah­ren, dass die gela­de­nen Gäste sich für ein gemein­sa­mes Geschenk entschie­den haben. Sie haben die Firman­din mit einem Möbel über­rascht. Ein Bett, ein Nacht­tisch, ein Schrank oder ein Side­board: Ein Möbel ist auf alle Fälle ein nach­hal­ti­ges Geschenk, das lang­fris­tig an die Firmung und Firm­gäs­te erin­nert. Allen­falls kann es auch ein mass­ge­fer­tig­tes Möbel­teil vom Schrei­ner sein.

Gemein­sa­me Zeit

Ein Gutschein für eine gemein­sa­me Akti­vi­tät hat eine beson­ders persön­li­che Note. Der Schen­ken­de über­legt sich nämlich, «über was würde er oder sie sich freu­en?» Je nach Vorlie­be kann dies ein gemein­sa­mes Essen, eine Berg­tour, eine Städ­te­rei­se, ein Frei­zeit­kurs, ein Musical- oder Konzert­be­such, eine Shop­ping­tour oder ein Well­ness­tag sein. 

Symbo­li­sches Geschenk

Symbo­li­sche Geschen­ke stehen als Zeichen der Zunei­gung und Verbun­den­heit. Ein solches Geschenk kommt von Herzen und hat einen hohen, emotio­na­len Wert. Dies kann ein Talis­man oder eine Pflan­ze sein oder etwas Selbst­ge­fer­tig­tes, wie beispiels­wei­se ein Traum­fän­ger, ein Gemäl­de oder ein Gedicht.

Text: Katja Hongler

Bild: Pixabay.com

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