Zwischenrast im Kirchenwald

Wie schmeckt Waldluft auf der Zunge? Und wie klingt es in einer kleinen Wasserwalze? ­Bettina Flick und Ariane Rossmanith von der Seelsorgeeinheit Obersee führen durch den Kirchenwald bei Gommiswald.

Waldluft einatmen. «Mein Vater sagte immer, das sei das Guetzli der armen Leute», sagt Bettina Flick, Seelsorgerin in der Region Obersee. Zusammen mit Seelsorgemitarbeiterin Ariane Rossmanith steht sie im Kirchenwald oberhalb von Gommiswald. Wir nehmen einen tiefen Atemzug und tatsächlich schmeckt es erdig, süss und harzig. Sich auf etwas einlassen, das man sonst womöglich nicht bemerken würde: Das ist die Idee hinter dem Kirchenwald. So heisst neuerdings das kleine Waldstück im Toggenbüel unterhalb der Alp Rittmarren, einem belieben Aussichts- und Ausflugsort in der Region. Vor Kurzem hat die Seelsorgeeinheit dort verschiedene Erlebnisstationen eröffnet.

Wer den Kirchenwald betritt, tut Gutes fürs innere Gleichgewicht. (Bilder: Nina Rudnicki)

Ins Wasser hinein hören

«Schön habt ihr es hier», sagt ein älterer Herr aus Berlin, der auf der Bank bei der neuen Feuerstelle sitzt. Bei seinen Füssen liegt sein Hund. Er kenne die Region gut, da seine Schwester vor vielen Jahren von Berlin hierhergezogen sei, erzählt er. Am Kirchenwald sei er aber bislang immer vorbeigegangen. Dank des neuen Schildes habe er den Kirchenwald nun erstmals bemerkt. Vom Hauptwanderweg, der bei der Bushaltestelle Rittmarren beginnt, weist dieses nach einigen hundert Metern hinunter zum Kirchenwald. Nebst der Feuerstelle mit bereitgestellten Grillstecken gibt es weitere Stationen mit Balancierbalken für das innere Gleichgewicht, einen Barfussweg, gefüllt mit Tannenzapfen, Steinen, Ästen und Moosen, sowie Bilderrahmen, durch die der Blick wahlweise in die Ferne oder auf einen in der Sonne glitzernden Bach fällt. Eine der Lieblingsstellen von Ariane Rossmanith ist die Kneippstelle im Bach. Dort greift sie zum Gurgelstab, der an einem Baumstamm lehnt. Am oberen und unteren Ende des Steckens ist jeweils eine lange, gerade Kante herausgeschnitzt. Das eine Ende hält sie in eine kleine Wasserwalze, das andere an ihr Ohr. «Auf diese Weise  werden die Schwingungen und Geräusche aus dem Wasser hörbar», sagt sie.

 

Leises und Kleines

«Sich auf Kleines und Leises einzulassen, schärft das Bewusstsein dafür, wie dankbar wir für jedes Stück Natur und jedes Stück Wald sein müssen», sagt Bettina Flick. Wir reden über CO2 und wie Wälder dieses binden, über den sauren Regen und das Waldsterben in den 1980er-Jahren in der Schweiz, über die Artenvielfalt und die Vögel und darüber, wieso wir wohl den ganzen Vormittag an diesem Ort verbringen könnten.

Der Barfussweg und die Feuerstelle mit vorbereiteten Grillstecken laden zum Verweilen ein.

Wir gehen zum Ausgangspunkt zurück. Der Blick fällt nochmals auf die Tafel, die die Wandernden einlädt, den Kirchenwald zu betreten. Die Natur – der Wald – sei Nahrung für die Seele, erfrische wie sprudelndes Wasser und berühre unser Wesen auf einzigartige Weise, ist dort zu lesen. «Macht etwas aus unserem Waldstück.» Diesen Auftrag hat die Kirchenverwaltung im vergangenen Jahr an das Team rund um Ariane ­Rossmanith und Bettina Flick herangetragen. «Während der Waldbegehungen entstand so die Idee für den Erlebnisweg», sagt Ariane Rossmanith. «Es ist eine der schönsten Weisen, sich auf die Schöpfung einzulassen.»

Ariane Rossmanith hält den selbstgeschnitzten Gurgelstab ans Ohr. Er macht die Geräusche aus der kleine Wasserwalze hörbar.
Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 23.06.2026