Es wird viel gelacht an diesem Morgen im Februar. Thomas Reschke, Uniseelsorger der Universität St. Gallen, und Leonardo Moser, Präsident der Studentenschaft, stehen auf dem fast menschenleeren Campus. Sie scherzen darüber, welcher Händedruck auf den Fotos wohl am besten wirke. «Der hier sieht offiziell aus», sagt Leonardo Moser und schiebt noch eine coolere Version des Händeschüttelns nach: halb Griff, halb Geste. Thomas Reschke entgegnet: «Dann nehmen wir den, der weniger steif ist.» Die beiden verstehen sich gut, das merkt man sofort. Sie bleiben nicht unbemerkt. Am Tag nach dem Rundgang über das Campusgelände erscheint auf Social Media ein Foto von ihnen. Ein Student kommentiert mit Selbstironie: «Was war der Anlass? Elitäre Lunches an der HSG?» Ein weitere Person spielt auf die Ähnlichkeit von Reschke mit dem aktuellen Papst an. Er schreibt: «Schön, dass sich P um unsere bescheidene Uni schert.»
Am Morgen des Besuchs wirkt der Campus allerdings eher verschlafen. Die letzten Prüfungen sind vorbei und bis zum Semesterstart dauert es noch einige Tage. Kaum jemand ist auf dem Campus unterwegs. Dicker Nebel zieht sich über die Stadt. Das passt zum Thema: Wie gehen junge Menschen mit dem grossen Leistungsdruck, der unsicheren wirtschaftlichen Lage und vor allem mit der permanenten Vergleichbarkeit durch Social Media um? Wieso leiden immer mehr junge Menschen an Depression, wie es uns aktuelle Studien nahelegen? Und welche Rolle spielt der Glaube für sie?
Vollzeit im Einsatz
Auf Social Media angesprochen sagt Leonardo Moser. «Social Media ist extrem schnell. Man hat ständig das Gefühl, etwas zu verpassen oder nicht genug erreicht zu haben.» Zudem entstehe der Eindruck, alles müsse sofort verfügbar sein. Was helfe, sei Teil einer Gemeinschaft oder eines Vereins zu sein und den Blick auf die Realität zu richten: «Dann sieht man, dass man nicht der Einzige ist, der lernt oder mit Prüfungsangst zu kämpfen hat. Man sitzt mit anderen im selben Boot und kann über seine Gefühle reden.»
Der 24-Jährige selbst engagiert sich als Präsident der Studentenschaft, also der offiziellen Vertretung aller Studierenden. Das Büro befindet sich gleich über der Studierendenbar Ad hoc, die ebenfalls von der Studentenschaft betrieben wird. «In diesem Amt lernt man hier fast alle kennen», sagt er. «Im Prinzip führe ich ein Unternehmen mit rund 250 Personen», sagt er. Die Studentenschaft ist die Dachorganisation von rund 140 studentischen Vereinen und ist etwa im Senat der Universität und in vielen weiteren Gremien vertreten.
«Ich investiere 50 bis 60 Stunden pro Woche unbezahlte Arbeit in mein Amt», sagt der 24-jährige BWL-Student, der ursprünglich eine kaufmännische Lehre bei einer Versicherung gemacht hat. Als Gegenleistung enthält er pro Jahr 12 ECTS-Punkte als Studienleistung angerechnet. Zum Vergleich: 30 ETCS-Punkte entsprechen in etwa den Seminaren und Vorlesungen, die man im Schnitt pro Semester belegt. «Nebst meinem Amt liegt höchstens noch ein Kurs pro Semester drin», sagt er.
Probleme, die es gar nicht gab
Längst sind wir drin im Thema des Besuchs: dem Leistungsdruck, den vielen digitalen Einflüssen und was das alles mit uns macht. «Etwas muss man den jungen Menschen, vielleicht gerade auch den Studierenden der Universität St. Gallen, lassen: Viele sind extrem fokussiert und zielgerichtet. Diese Haltung hilft ihnen, auch durch schwere Tage zu kommen und Herausforderungen zu meistern», sagt Uniseelsorger Thomas Reschke. Er kennt aber auch die andere Seite. Junge Menschen, die dem Druck nicht standhalten oder durch private Schicksalsschläge aus der Bahn geworfen werden.
«Gerade an der Universität gibt es heute eine grosse Sensibilität rund um das Thema der psychischen Gesundheit», sagt Thomas Reschke. Es gebe ein Care Team und nebst der Uniseelsorge etwa auch den psychologischen Beratungsdienst, an die sich die Studierenden wenden können. «Als ich vor über 25 Jahren als Uniseelsorger angefangen habe, war das ganz anders», sagt er. «Damals herrschte die Meinung, dass es an einer Universität solche Probleme gar nicht erst gibt.»
Zum Lunch oder vor dem Feuer
Thomas Reschke kennt rund 500 Studierende mit Vornamen, also jede und jeden Zwanzigsten, wie er selbst sagt. «So gross ist mein Netzwerk alleine mit den Studierenden. Da kann man einiges gestalten.» Auf dem Campus gibt es eine interreligiös genutzte Kapelle. Dort finden beispielsweise regelmässig Besinnungen vor Rektoratssitzungen statt. Zudem hält Thomas Reschke öffentliche Vorlesungen zu verschiedenen religiösen Themen. Treffpunkt mit den Studierenden ist allerdings meist das Akademikerhaus an der Dufourstrasse rund einen Kilometer vom Campus entfernt. In dem Jugendstilgebäude, dessen obere Stockwerke Thomas Reschke zusammen mit seiner Familie bewohnt, können die Studierenden den Uniseelsorger zu Einzelgesprächen treffen. Aber auch Trauergespräche oder Hochzeitsvorbereitungen finden dort statt. «Regelmässig wollen Paare, die sich an der Universität St. Gallen kennengelernt haben, gerne auch vom Uniseelsorger getraut werden», sagt der 61-Jährige.
Der Höhepunkt des Akademikerhauses befindet sich aber im Halbuntergeschoss. Nebst einem grossen Gemeinschaftsraum ist dort eine kleine Profi-Küche eingebaut. Immer mittwochs kann spontan, wer möchte, «Lunch mit Gästen» besuchen. Nebst den Studierenden sind Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft eingeladen wie im April etwa die St. Galler Regierungsrätin Laura Bucher. Im Schnitt sind laut Reschke 50 Studierende dabei. In den Sommermonaten gibt es auch regelmässige Treffen im Garten vor dem Haus, etwa an einem Feuer. «Viele der Studierenden sind Schweizerinnen und Schweizer, was mich freut. Denn es bestätigt, dass Glaube und Gemeinschaft bei uns stattfindet, nicht irgendwo weit weg.»
Junge Menschen würden heute durchaus bewusst nach Sinn und Glaube suchen, sagt Thomas Reschke. Das zeige sich unter anderem darin, dass einige der Studierenden zunächst über TikTok oder Instagram den Glauben entdecken. «Häufig würde auf diesen Plattformen aber eine radikale Form vertreten», sagt Thomas Reschke. «Kommen die Studierenden dann einmal bei der Uniseelsorge vorbei, erleben sie, wie entspannt und zeitgemäss Glaube auch sein kann. Das ist die Stärke der Landeskirchen: Das wir extreme Pole verbinden.»
Wo niemand Hände schüttelt
Leonardo Moser gehört nicht zu jenen Studierenden, die die Angebote der Uniseelsorge nutzen. Was er aber sehr mag, sind die ruhigen Momente in Kirchen. «Sie gehören zu den Orten, in denen du einfach abschalten und bei dir sein kannst. Dort will niemand etwas von dir», sagt er und Thomas Reschke fügt an: «Ja, wenn du in einer Kirchenbank sitzt, wird dir definitiv niemand die Hand schütteln.»
Ein Eisbad zum Ausgleich
Auf Stress und Leistungsdruck bei ihm selbst angesprochen, wird Leonardo Moser ernst. «Manchmal sind der Druck und die Erwartungen schon gross und ich muss bewusst etwas dagegen tun», sagt er. Meditieren und Eisbaden helfe ihm persönlich oder auch übers Wochenende in seine Heimat Thun zurückzukehren. «Aber mich stellvertretend für alle Studierenden an der Universität einbringen zu können und auch selbst für andere etwas tun zu können, überwiegt einfach», sagt er und fügt an: «Wir Menschen sind heute global so stark vernetzt. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, sind ziemlich häufig auch Studierende hier betroffen.» Thomas Reschke nennt die Brandkatastrophe in Crans-Montana oder den tödlichen Haiangriff in Australien, bei dem eine Studentin der Universität St. Gallen ums Leben kam. «Wenn so etwas geschieht und gleichzeitig Prüfungsstress herrscht, wie soll man das schaffen?», fragt er. Da würden gerade kleinere und grössere Gesten wie Fristverlängerungen oder Kondolenzbücher sichtbar machen, dass die Gemeinschaft trägt.
Seelsorge an der Uni: Das Akademikerhaus an der Dufourstrasse 87 ist seit 1963 das Haus der katholischen Seelsorge des Bistums St. Gallen an der Universität St. Gallen. Seit 2001 wirkt Diakon Thomas Reschke als Universitätsseelsorger, zusammen mit einem evangelischen Kollegen. Zur Förderung der Studentenseelsorge gründete der erste Universitätsseelsorger 1968 zwei Vereine. Der Verein «Katholisches Akademikerhaus St. Gallen» unterstützt die katholische Studierenden- und Erwachsenenbildung in ökumenischer Offenheit und verwaltet das Akademikerhaus. Finanziert wird er durch den Katholischen Konfessionsteil des Kantons St. Gallen. Der Verein «Katholisches Studentenhaus St. Gallen» stellt Studierenden preisgünstige Zimmer zur Verfügung und betreut zwei Liegenschaften an der Zwinglistrasse 15 und der Tigerbergstrasse 21. Zu den Aufgaben des Universitätsseelsorgers gehören Gottesdienste, persönliche Seelsorge und Mitarbeit im Care Team. Dazu kommt die Lehrtätigkeit sowie die Förderung von Gemeinschaft.