«Wie eine Seilschaft am Berg»

Die Nachfrage nach Beratungen ist gross. Zwei bis drei Monate dauert es im Schnitt, bis eine Einzelperson, ein Paar oder eine Familie einen Termin bei Yvonne Menzi bekommt. (Bilder: Ana Kontoulis)

Wie läuft eine Beziehungsberatung ab? Was sind die Anliegen von Einzelpersonen, Familien und Paaren? Auskunft gibt Yvonne Menzi von der Paar- und Familienberatung Rheintal in Altstätten. Dass das Angebot von den Kirchen mitfinanziert wird, überrascht viele.

«Eine Partnerschaft ist wie eine Seilschaft am Berg. Ohne sicheres Seil droht ein Absturz», sagt Yvonne Menzi. Die 44-Jährige ist Beraterin bei der Paar- und Familienberatung Rheintal in Altstätten. Die Stelle wird sowohl von den Politischen Gemeinden als auch von den evangelischen und katholischen Kirchgemeinden der Region finanziert (Kasten S. 4) An diesem Tag schlägt sie als Treffpunkt aber die Anhöhe bei der Forstkapelle bei Altstätten vor. Von dort aus gleitet der Blick einerseits über eine Ebene in Richtung Hinterforst und dahinter auf die Berge. Auf der anderen Seite liegt die Altstätter Altstadt.

 

Mithilfe der Natur nachdenken

Mit dabei hat Yvonne Menzi ein Seil, eines ihrer Lieblingssymbole, weil es für Verbindung und Sicherheit in Beziehungen steht. Mit ihrem neuen Angebot «Spaziergang für Paare» möchte Yvonne Menzi die Verbundenheit von Paaren an solchen Orten draussen in der Natur stärken. Sich anmelden können alle Interessierten. Die Natur gibt Anlass darüber nachzudenken: Was sind unsere Gipfel in der Beziehung, wo liegen unsere Ebenen? Ein steiler Weg kann Anlass dazu sein, zu überlegen, was einen ins Schwitzen bringt. Der Blick in die Stadt hinunter lässt darüber nachdenken, was man als Paar bisher zusammen erlebt hat. Der Panoramablick in die Ferne führt in die Zukunft und Sehnsüchte.

 

Der rote Faden kommt in Yvonne Menzis Beratungen immer wieder symbolisch zum Einsatz: Auch in einer Beziehung kann man den roten Faden verlieren, er kann dünn werden und reissen, aber man kann ihn auch wieder aufnehmen, zusammenknüpfen, weiterreichen.

Anonym, aber gemütlich

Wünsche und Träume: Häufig sind sie Beziehungsstress, Alltagsdruck und Krisen gewichen, wenn man die Beratungsstelle für Paare und Familien von Yvonne Menzi mitten in Altstätten betritt. Im alten Stadthaus, in dem sich einst eine Bankfiliale befand, fühlt man sich aber sofort wohl. Viele der Klientinnen und Klienten finden die Beratungsstelle zunächst übers Internet. Wenigen ist bewusst, dass es sich auch um eine kirchlich finanzierte Stelle handelt. «Sie sind dann positiv überrascht und sagen: ‹Ah, endlich kann ich einmal etwas nutzen, dass ich über die Kirchensteuer mitfinanziere›», sagt Yvonne Menzi, die die Stelle seit 13 Jahren leitet und aktuell mit einem Arbeitskollegen teilt. Sie selbst hat Theologie studiert und sich später im Bereich Beziehungsberatung weitergebildet. «Das Angebot steht für alle offen, unabhängig von Alter, Konfession, Religion und sexueller und geschlechtlicher Identität», wie Yvonne Menzi betont.

 

Platzt gleich die Bombe?

Die Nachfrage nach Beratungen ist gross. Zwei bis drei Monate dauert es im Schnitt, bis eine Einzelperson, ein Paar oder eine Familie einen Termin bei Yvonne Menzi bekommt. «Auch wenn sich vieles um uns herum verändert, so bleiben die Probleme von Paaren und Familien häufig dieselben. Viele berichten davon, nicht mehr miteinander reden zu können, immer mehr zu streiten, sich im Kreis zu drehen oder das Gefühl zu haben, festzustecken», sagt sie. Vor dem ersten Gespräch seien viele angespannt. Manche hätten Angst, dass der Partner eine Bombe platzen lassen könnte und etwas völlig Unerwartetes angesprochen werde. Andere empfänden es noch immer als Tabuthema, eine Beratung aufsuchen zu müssen. Zunächst holt Yvonne Menzi im Gespräch die Bedürfnisse der Paare, Familien oder Einzelpersonen ab. Wo stehen sie? Was ist ihr Ziel? Soll an der Beziehung gearbeitet werden? Oder geht es viel eher darum, eine Trennung zu begleiten? Möchte eine Familie mit ihren erwachsenen Kindern etwas aufarbeiten, das in der Vergangenheit liegt?

 

Wie ein roter Faden

Ein roter, zu einem Knäuel zusammengerollter Faden, ein Holzbrett, auf dem sich Kugeln in einer Unendlichkeitsschlaufe hin und her rollen lassen, oder einfach ein Flip Chart: Mittels Hilfsmitteln wie diesen geht es Yvonne Menzi zunächst darum, die Probleme eines Paares oder einer Familie sichtbar zu machen und zu visualisieren. Als Beziehungsberaterin beurteilt sie nicht. Sie gibt auch keine Tipps oder Prognosen. Viel mehr sieht sie sich als Übersetzungshilfe, hört zu, hilft, andere Perspektiven einzunehmen und würdigt die verschiedenen Aussagen. Wenn es jemandem schwer fällt, über seine Gefühle und Bedürfnisse zu reden, dann hakt sie sie nicht noch nach, sondern gibt Hilfestellungen, etwa indem sie sagt: «Das stelle ich mir schwer vor.» Auf keinen Fall wolle sie jemandem das Gefühl vermitteln, er könne nicht gut kommunizieren, wenn genau das der Vorwurf sei, den er regelmässig in der Beziehung zu hören bekomme.

 

Mit ihrem neuen Angebot «Spaziergang für Paare» möchte Yvonne Menzi die Verbundenheit von Paaren an solchen Orten draussen in der Natur stärken. Die Natur gibt Anlass darüber nachzudenken: Was sind unsere Gipfel in der Beziehung, wo liegen unsere Ebenen?

Regionales Netzwerk

Beziehungsberatung Ostschweiz ist ein regionales Netzwerk von Fachstellen. Dort erhalten Einzelpersonen, Paare und Familien Unterstützung bei Themen wie: Beziehungskonflikte und Kommunikationsprobleme, Trennung oder Scheidung, Krisen in Partnerschaft oder Familie, persönliche Belastungen im Zusammenhang mit Beziehungen. Es gibt Beratungsstellen in Altstätten, Appenzell, Sargans und St. Gallen. Finanziert werden diese unter anderem durch kirchliche Trägerschaften. Die Beratungen sind dadurch oft stark vergünstigt. Neu gibt es auch Veranstaltungen für alle Interessierten wie Beziehungscheck, Spaziergang für Paare sowie Social Media und Beziehungen.

→ www.beziehungsberatung-ostschweiz.ch

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 19.05.2026