«Liebe lohnt sich immer»

«Viele Paare müssen wieder lernen, einander zuzuhören», sagt Beziehungsberaterin Beatrice Tardino. (Bilder: Ana Kontoulis)

Blumen oder lieber Umarmungen? Die St. Galler ­Paar- und Familienberaterin Beatrice Tardino sagt, welche Rolle unser Individualismus spielt und wann Snapchat gut für Beziehungen ist.

Freuen Sie sich als Paarberaterin eigentlich für frisch verheiratete oder verlobte Paare?

Beatrice Tardino: Ja, ich freue mich für diese Paare. Als mich aber vor einiger Zeit meine Nichte fragte, ob ich mich bei ihrer Trauung einbringen würde, dachte ich zuerst: «Oh nein.» Ich bin Paarberaterin, ich helfe Probleme zu lösen. Eine Hochzeit ist eigentlich gar nicht meine Richtung. Im zweiten Moment dachte ich dann: «Cool, eine Trauung, ich helfe gerne.» Denn trotz der hohen Trennungs- und Scheidungsrate funktionieren Beziehungen auch heute noch. Wir müssen nur viel mehr darüber nachdenken, wie. Der Alltag ist schneller geworden, die Möglichkeiten sind grösser.

 

Ältere Paare, die ein Leben lang zusammengeblieben sind und alles geschafft haben: Was löst das bei Ihnen aus?

«Alles geschafft» ist vielleicht zu gross gesagt. Diese Paare hatten ebenfalls Probleme und Krisen. Aber früher kam eine Trennung einfach weniger in Betracht, sei es aus wirtschaftlichen Gründen oder einfach, weil das Credo galt, bis zum Tode zusammenzubleiben. Die gesellschaftlichen Erwartungen waren stärker und viele Paare haben sich zwangsläufig immer wieder zusammengerauft.

 

Haben wir mit unserem Individualismus verlernt, Persönliches auch einmal hintenanzustellen?

Individualismus ist nicht per se etwas Schlechtes. Er ermöglicht es uns, unser Leben vielfältiger und freier zu gestalten. Wir sind heute bewusster und halten Situationen bewusster aus. Dadurch entstehen aber auch neue Herausforderungen. Im Gegensatz dazu war früher vielen gar nicht klar, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Das zeigt sich mir als Beispiel auch in Gesprächen mit meiner 80-jährigen Mutter, in denen es ihr schwerfällt, Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen zu finden oder diese zu formulieren.

 

Vielleicht braucht es einfach mehr Beziehungschecks: Was steckt hinter diesem neuen Angebot von beziehungsberatung-ostschweiz.ch?

Ich sehe es so: Ein solcher Check ist eine Möglichkeit, eine Beziehung bewusst zu pflegen. Man nimmt sich Zeit und schaut, wie es um das Beziehungskonto steht. Ist es gefüllt oder braucht es Einzahlungen? Es ist auch sinnvoll, präventiv in eine Beratung zu gehen. Das machen immer mehr Paare und das tut gut. Auf diese Weise lässt sich die Sicht wechseln oder bewusst zuhören. Gerade bei Übergängen wie dem Zusammenziehen oder Heiraten kann das hilfreich sein.

 

Inwiefern?

Manche Paare sagen zum Beispiel: «Wir waren zehn Jahre zusammen, aber seit wir verheiratet sind, geht es nicht mehr.» Weitere Übergänge sind die Familienplanung oder das erste Kind. Das sind Situationen, in denen man sich neu finden muss. Dafür gibt es zunehmend ein neues Bewusstsein. Vor allem jüngere Paare setzen sich früh mit dem Thema auseinander. In meinen Beratungen sind einige Paare, auch wenn es eher wenige sind, Anfang zwanzig. Sie wollen sich bewusst mit möglichen Herausforderungen auseinandersetzen. Zudem haben sie sich häufig schon informiert. Das sehe ich daran, wenn etwa der eine sagt: «Meine Partnerin ist eher der vermeidende Typ, darum haben wir in der Beziehung das oder das Problem.»

 

Was sind alltägliche Muster, die zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Problem in der Beziehung werden könnten?

Ein Beispiel ist eine Mutter, die ihrem Kindergartenkind ständig die Schuhe anzieht. Der Vater findet das übertrieben und ist genervt. Das ist ein klassisches Missverständnis. Denn es geht nicht um übertriebene versus mangelnde Fürsorge, sondern um etwas anderes: Sie möchte dem Kind Nähe und Aufmerksamkeit schenken, ihm ist Selbstständigkeit wichtig. Dies ist eine klassische Werte-Diskrepanz. Wenn beide wissen, was hinter einem bestimmten Handlungsmuster steckt, können sie besser damit umgehen. Wissen sie es nicht, werden aus Kleinigkeiten schnell Vorwürfe. Es hilft immer, wiederkehrende Muster früh zu erkennen und zu verstehen.

 

Hinzukommen Mehrfachbelastungen im Alltag, Leistungsdruck, zu wenig Zeit für Inspiration in einer Beziehung: Sind Beziehungsprobleme nicht vor allem gesellschaftlich bedingt?

Das spielt sicher mit. Aber für mich wäre es zu einfach, einfach zu sagen, die gesellschaftliche oder politische Struktur sei schuld an unseren Beziehungsproblemen. Am Ende sind wir selbst verantwortlich für unsere Beziehung. Es ist verlockend zu denken, andere Strukturen würden all unsere Probleme lösen. Wir sollten uns eher vor Augen halten, dass wir es sind, die unsere Beziehungen gestalten.

«Heute halten wir Situationen bewusster aus als früher», sagt Beatrice Tardino. Ihre ­Beratungsstelle für ­Beziehungsfragen befindet sich in der St. Galler ­Altstadt und gehört zu www.beziehungsberatung-ostschweiz.ch.

Welche Tipps geben Sie?

Es gibt vieles, was man tun kann. Aber fangen wir mit etwas Kleinem an. Die Wertschätzung ist zentral. Damit meine ich nicht den grossen Blumenstrauss, sondern etwa sich bewusst Tschüss oder Hallo zu sagen, sich in die Augen zu schauen oder kurz in den Arm zu nehmen. Zehn Sekunden reichen. Wenn diese zehn Sekunden fehlen, abends aber eine Stunde Auf-Instragram-Surfen drin liegt, ist das kein gutes Zeichen. Dann liegen die Prioritäten nicht mehr auf der Beziehung.

 

Von wegen Insta: Wie beeinflussen soziale Medien Beziehungen?

Ein neues Angebot bei beziehungsberatung-ostschweiz.ch ist der Impulsabend zum Thema «Soziale Medien und Beziehungen». Denn zum einen kann man die sozialen Medien nicht nur schlecht reden. Sie können in Beziehungen durchaus verbindend wirken. Auf der anderen Seite sind sie ein Zeitfresser. Auf Instagram verbrate ich schnell Stunden und habe am Ende nichts.

 

Kommen wir auf die guten Seiten zu sprechen.

Die gibt es bei Social Media definitiv. Ein Beispiel: Ich bin 46 Jahre alt und nutze Snapchat, was viele überrascht. Das tue ich, um mit meinen erwachsenen Söhnen und den jüngeren Kids Alltagsmomente zu teilen. Auf diese Weise können wir an Dingen teilhaben, die wir sonst verpassen würden. Das ist für uns ein wichtiger Teil der Beziehung. Aber eben, da ist immer die Zweischneidigkeit: Wieso veröffentlicht mein Partner ein Bild aus einem Café, wo er doch bei der Arbeit sein sollte? Schnell kommen Eifersucht oder Kontrollzwang hinzu. Und wo Kontrolle überhandnimmt, wird Beziehung schwierig.

 

Was sind die häufigsten Herausforderungen in Beziehungen?

Zu den häufigsten Gründen für Beziehungsprobleme gehört die Kommunikation. Viele fühlen sich missverstanden oder nicht gesehen. Hinzukommt: auch Schweigen ist Kommunikation. Dazu habe ich kürzlich einen Blogbeitrag auf www.beziehungsfragenkath.ch verfasst. Wer nicht mehr kommuniziert, nicht mehr streitet, sondern lieber schweigt, kann beispielsweise für sich bereits den Entschluss gefasst haben, sich zu trennen. Während der andere meint, alles sei wieder gut. Ich vergleiche Kommunikation gerne mit dem Haushalt: Wenn ich jeden Tag die Küche aufräume, dauert das zehn Minuten. Lasse ich es drei Tage liegen, brauche ich deutlich länger.

 

Gibt es eine Methode, um Kommunikation zu trainieren?

Generell gilt, zehn Minuten pro Tag bewusst zuzuhören kann genauso wirkungsvoll sein wie drei Stunden gemeinsam in ein Restaurant zu gehen. Persönlich nutzen mein Mann und ich regelmässig die sogenannten Zwiegespräche. Sie können bis zu 30 Minuten dauern, aber auch kürzer sein. Einer spricht, der andere hört nur zu. Danach wird gewechselt.

 

Das klingt banal.

Ja, aber häufig passiert Folgendes: Eine Person möchte erzählen, die andere Person kommt sofort mit Lösungen. Erstere fühlt sich dann nicht gesehen, während Letztere eigentlich nur helfen will. Um solche Missverständnisse haben mein Mann und ich vor einigen Jahren einen Satz in unsere Beziehung eingebracht. Wir fragen uns: «Willst du, dass ich einfach zuhöre oder soll ich mitdenken?» Manchmal möchte ich nur erzählen und etwas loswerden. Dann hört er entspannt zu. Brauche ich hingegen seinen Input, sage ich ihm das, und wir reden ganz anders. Es ist ein unscheinbarer Satz, der im Alltag aber viel verändert.

 

Kommen wir zurück auf die Trauung Ihrer Nichte. Könnten Sie sich vorstellen, weitere Trauungen mitzugestalten?

Ich habe tatsächlich schon darüber nachgedacht, wenn auch nur theoretisch. Denn wenn alle Kinder ausgezogen sind, hätte ich Zeit für Neues. Sich mit Problemen in Beziehungen auseinanderzusetzen, ist ja nur die eine Seite des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, aber eine, die meinen Alltag prägt. Einmal kam einer meiner Söhne von der Schule nach Hause mit der Aufgabe aufzuschreiben, was Liebe ist. Ich sagte zu ihm: «Liebe macht Probleme.» Mein Mann schaute mich mit grossen Augen an. Aber so ist es: Liebe bedeutet, verletzlich zu sein. Ein Bestandteil von Liebe ist es, enttäuscht zu werden sowie Schmerz und Trauer zu durchleben. Aber Liebe lohnt sich immer.

 

→ Die Plattform beziehungsberatung-­ostschweiz.ch vernetzt verschiedene ­Beratungsstellen für Einzelpersonen, Paare und Familien im ­Bistum St. Gallen. Diese werden sowohl von Politischen Gemeinden als auch von reformierten und katholischen Kirchgemeinden ­finanziert.

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 19.05.2026