Als Datenjournalist finden Sie hinter Zahlen Geschichten. Welche verbirgt sich etwa hinter der Kirchenstatistik?
Spannend macht die Zahl der sinkenden Kirchenmitglieder, dass es sich um einen Megatrend handelt, also um eine Entwicklung, die eine Gesellschaft über einen langen Zeitraum hinweg prägt. Die Datensätze zur Kirchenmitgliedschaft reichen teils Jahrhunderte zurück. Interessant wird eine Zahl für mich dann, wenn sie für mehr steht als nur für sich selbst. Kirchenaustritte erzählen nicht nur etwas über den Glauben, sondern spiegeln gesellschaftliche Veränderungen wider. Dazu gehören etwa die Individualisierung, die Ausweitung von Lebensentwürfen oder neue Freizeitgewohnheiten.
In einem Artikel für die ZEIT schreiben Sie, plötzlich machten die Menschen Sonntagsausflüge mit dem Auto statt zur Messe zu gehen.
Genau. Solche Schlüsse lassen sich ziehen, wenn man die abnehmende Zahl der Kirchenmitglieder mit der zeitgleich steigenden Zahl jener Personen vergleicht, die Mitglied in einem Verkehrsclub wurden. Solche Bezüge interessieren mich. Datenjournalismus heisst nicht nur: Wie gross ist die Kirche noch? Sondern auch: Womit ist diese Entwicklung vergleichbar? Gibt es gegenläufige Trends? Welche Geschichten erzählen die Zahlen im Zusammenspiel?
Ein weiteres Beispiel sind die Vereine.
Ja. Über das 20. Jahrhundert wuchsen Vereine rasant. Doch dann brachen die Zahlen ein, ein «Vereinssterben» begann. Das zeigen beispielhaft die Zahlen der Pfadibewegung. Es gab immer weniger Kinder, die Familien wurden kleiner. Und die wenigen kämpften jetzt lieber zu Hause in virtuellen Super-Mario-Welten, als in feuchten Wäldern Seilbrücken zu bauen. Generationenlücken entstanden, es fehlten plötzlich Leiterinnen und Leiter und damit neue Mitglieder. Doch in den letzten zehn Jahren gelang es besonders der Pfadibewegung, Kinder und Jugendliche wieder für sich zu begeistern. Die Internationale Pfadfinder-Organisation entwickelte sogar spezielle Programme, um Generationenlücken zu verhindern. Zur gleichen Zeit stiegen die Zahlen auch bei der Jubla.
Wie sicher sind also Zukunftsprognosen?
Trends treffen erstaunlich oft zu, bis sie es plötzlich nicht mehr tun. Migration, politische Umbrüche oder ein Krieg als Beispiele können dazu führen, dass sich scheinbar stabile Trends verändern. Wir können Zahlen auch immer von einer anderen Seite betrachten: Aktuell gibt es in der Schweiz noch rund 50 Prozent Kirchenmitglieder. Verglichen mit anderen Institutionen ist das immer noch sehr viel.
Was braucht es, damit ein sicherer Trend plötzlich kippen kann?
Über Jahrzehnte hinweg wirken Trends oft unumkehrbar. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie sich je etwas verändern könnten. Beispiele sind das Bevölkerungswachstum oder die steigende Lebenserwartung. Das beides zunimmt, scheint sicher. Aber dann kommt ein unerwarteter Faktor wie etwa die Opioid-Krise in den USA dazu und die Lebenserwartung wird plötzlich gedrückt. Da zeigt sich: Selbst scheinbar stabile Entwicklungen sind verletzlich. Man gewöhnt sich an einen Trend und blendet aus, dass er sich theoretisch auch drehen könnte.
Können wir uns durch Zahlen darin üben, andere Perspektiven einzunehmen?
Ja, mein Tipp hierzu ist, Zahlen nicht als mathematische Wahrheit zu lesen, sondern eher wie einen Text. Bei Texten sind wir geübt, bei Zahlen nicht. In Texten erkennen wir Dinge wie Argumentationsmuster oder Zuspitzungen. Bei Zahlen tun wir hingegen meist so, als seien sie unanfechtbar. Aber auch Zahlen präsentieren Argumente und sind Einstieg in eine Diskussion, nicht ihr Endpunkt. Für mich sind Zahlen daher immer eine Grundlage für Debatten.
Was war Ihr grösstes Aha-Erlebnis in Bezug auf Statistiken?
Es sind weniger Aha-Momente als vielmehr Oh-Erlebnisse. Die Statistiken sehen oft präzise und sauber aus, mit schönen Kurven und klaren Zahlen. Doch wenn man genauer hineinschaut, kommt oft die Frage nach der Verlässlichkeit der Daten auf, etwa wenn man Daten aus verschiedenen Ländern miteinander vergleicht. Plötzlich wird es komplizierter. Dieses genauere Hinschauen, das Aufbohren der Zahlen, bringt für mich oft einen Perspektivenwechsel mit sich. Man merkt, dass hinter jeder glatten Kurve auch Annahmen und Unsicherheiten stecken.
Bild: zVg