Ein Wow für die Seele, das gut tut

Innehalten, die Sinne schärfen, gesund werden: Dabei und bei vielem mehr sollen Museumsbesuche helfen. In Neuchâtel und Vorarlberg verschreiben Ärztinnen und Ärzte Museumsbesuche auf Rezept. Was löst bewusstes Betrachten aus? Ein Versuch in der Stiftsbibliothek.

Ein altgriechischer Schriftzug ziert den Eingang zur Stiftsbibliothek. «Psyches Iatreion heisst übersetzt Heilstätte der Seele», sagt Elke Larcher, Leiterin des Museumsbetriebs Stiftsbezirk St. Gallen. Sie öffnet die schweren Flügeltüren. Noch sind an diesem Morgen keine Besucherinnen und Besucher da. Das Thermometer im Barocksaal zeigt 9 Grad an. Es wird bewusst nicht geheizt, um den Raum und die Bücher zu schonen: 33 000 Stück sind es allein im Barocksaal. Die Stiftsbibliothek besitzt etwa 170 000 Bücher und ist seit 1983 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Stiftsbezirk St. Gallen.

 

Etwas gegen Einsamkeit tun

Doch was heisst das für uns persönlich? Wie sollen wir diese Handschriften und Schätze auf uns wirken lassen? Und können sie in unserem Inneren etwas bewegen? Diese Fragen führen uns in die Stiftsbibliothek. Denn unter dem Begriff «Museum auf Rezept» wird folgender Ansatz im Gesundheitswesen zunehmend beliebter: Museumsbesuche sollen bei psychischen und sozialen Problemen wie unter anderem Einsamkeit, Depression, Burn-out oder chronischem Stress helfen. In Neuchâtel und in Vorarlberg laufen seit vergangenem Jahr Pilotprojekte, die «Museum auf Rezept» praktisch umsetzen. Ärztinnen und Ärzte können ihren Patientinnen und Patienten sogenannte «Museums-Rezepte» ausstellen. Die Betroffenen gehen dank diesen gratis in Museen  (siehe Kasten).

 

Achtsamkeit der Benediktiner

In der Ostschweiz gibt es noch keinen medizinischen Rahmen für «Museum auf Rezept». Das langsame und in Stille durchgeführte Betrachten einzelner Objekte zielt aber in eine ähnliche Richtung und hat gerade in der Stiftsbibliothek eine Jahrhunderte alte Tradition. Darauf wollen wir uns an diesem Morgen zusammen mit Elke Larcher einlassen. Die aktuelle Ausstellung «Wunderkammer» eignet sich dafür besonders gut, weil für einmal nicht nur Handschriften und Bücher ausgestellt sind, sondern zusätzlich teils sehr kuriose Objekte. Der vergoldete Strausseneipokal zieht einen etwa sofort in seinen Bann. 

 

Elke Lacher betont, dass der Barocksaal dazu einlädt, sich zu öffnen, das Herz zu weiten und ein Objekt, einen Text oder auch den Raum auf sich wirken zu lassen. Es gehe darum, dem Schönen Raum zu geben und die Seele zu nähren. Im Kloster St. Gallen lebten über viele Jahrhunderte hinweg Benediktinermönche. Alles mit grosser Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu tun, gehört seit jeher zum Lebensverständnis dieser Gemeinschaft. «Es ist ein aktuelles Thema. Wie gut können wir heute noch einfach da sein und etwas auf uns wirken lassen? Bewusst nur sein? Nichts wollen und nichts müssen? Das fällt uns immer schwerer», sagt Elke Larcher.

Wie gut können wir heute noch einfach da sein und etwas auf uns wirken lassen? Dazu lädt Elke Larcher, Leiterin des Museumsbetriebs Stiftsbezirk St. Gallen, die Besucherinnen und Besucher ein.

Die Stille wirken lassen

Die Architektur der Stiftsbibliothek hält die Besucherinnen und Besucher zum Durchatmen an. Der Barocksaal ist kein Durchgangsraum, sondern ein Raum, der sich zum Verweilen eignet. Von der Eingangstür aus ist er nicht einmal richtig zu sehen. Nur wer um die Ecke biegt, befindet sich in dem Saal mit seinen besonderen Proportionen, der Stille und Ordnung ausstrahlt. Dort hetzt man nicht hindurch, sondern verweilt, etwa vor dem Regal mit dem bereits erwähnten Strausseneipokal: Ein kleiner, vergoldeter Strauss trägt auf seinem Kopf ein echtes Straussenei, dessen Oberfläche mit Schnitzereien verziert ist. Im Schnabel hält der Strauss ein Hufeisen. «Früher glaubte man, Strausse könnten Eisen fressen, was wiederum vor Vergiftungen schützen sollte», sagt Elke Lacher. 

 

Faszinierend ist auch das skizzenartige Porträt von Jesus mit Dornenkrone in einer der Vitrinen. Erst bei genauem Hinschauen fällt auf, dass es sich um eine Mikrografie handelt und Dornenkrone, Bart, Augenbrauen und Haare aus einer winzig kleinen Miniaturschrift bestehen, die den Leidensweg und das Sterben von Jesus beschreibt. Ein paar Regale weiter ist ein magischer Becher aus Steinbockshorn ausgestellt. Genau wie der Strausseneipokal hatte auch er den Ruf, Gift neutralisieren zu können. «Diese Gefässe zählten zu beliebten Objekten in den Kunstkammern von Fürst­äbten», sagt Elke Larcher. Zum Becher gehört auch eine Wirksamkeitsgarantie. «Es ist sehr gesund, daraus zu trinckhen, und man leidet gar nichts Schädliches oder Giftiges» ist darauf gemäss dem Ausstellungskatalog  zu lesen.

 

Auf Distanz zur Hektik

Die Ausstellungsgegenstände lassen einen in eine Welt eintauchen, die zwar Teil unserer Geschichte und Kultur ist, die wir aber kaum noch kennen. Sie zu betrachten, tut gut und schafft etwas Distanz zum oft hektischen Alltag. Für Elke Larcher hat dieses Eintauchen auch eine persönliche Dimension. Sie arbeitet seit dreieinhalb Jahren, in der Stiftsbibliothek. «Jedes Mal aufs Neue spüre ich, wie sehr es mich berührt, wenn ich den Barocksaal betrete. Das Herz weitet sich, Ruhe und das Gefühl von Demut machen sich breit», sagt sie. Schönheit zu sehen, zu erleben und zu fühlen, tue der Seele gut. «Wenn wir uns öffnen und etwas auf uns wirken lassen, wenn wir den Kreislauf von Passivität, vom alltäglichen Hamsterrad, in dem wir oft gefangen sind, durchbrechen, dann löst das ein Gefühl des Ankommens und der Gelassenheit aus und bringt etwas in Bewegung.» 

 

Genau hier setze «Museum auf Rezept» an. «Meiner Meinung nach ist es ein sehr interessanter Ansatz, Kunst und Kultur stärker mit dem Gesundheitswesen zu verbinden», sagt sie. Dafür brauche es jedoch einen medizinischen Rahmen, der klärt, welche Ausstellung für wen geeignet ist und wann Begleitung sinnvoll sei. Kunst, wie auch das Schöne, löse im Betrachtenden immer etwas aus, sagt sie. Der Schriftzug am Eingang der Stiftsbibliothek sei nicht nur schön, sondern bezeuge, was die Bibliothek ausmacht. Sie sei mit ihrem kunstvoll ausgestatteten Raum und ihren Büchern heilvoll für die Menschenseele.

 

Ein Stern auf dem Parkett

Wer sich auf das Thema «Museum auf Rezept» oder «Betrachtung» einlassen will, findet in den Wintermonaten besonders geeignete Bedingungen. «Es hat dann viel weniger Besucherinnen und Besucher als im Sommer, es ist stiller und ruhiger», sagt Elke Larcher. Gern könne man versuchen, die Augen zu schliessen und den Raum auf sich wirken lassen, oder sich auf einen der Sterne am Boden zu stellen und leise etwas zu sagen. Die Stimme hallt. Geeignet seien auch Vermittlungsformate der Stiftsbibliothek wie «Fokus Deckengemälde», bei dem im Liegen und in der Stille Bilder betrachtet werden. Ein weiteres Angebot ist «Fokus Ausstellung», bei dem eine Vitrine näher unter die Lupe genommen wird. «Das sind Möglichkeiten, fokussierter zu werden sowie aufmerksamer zu schauen und zu hören», sagt sie.

 

Die Objekte der Ausstellung «Wunderkammer» in der Stiftsbibliothek führen in eine magische Welt: Der Strausseneipokal hatte den Ruf, Gift neutralisieren zu können.
Eine Mikrografie von Jesus: Dornenkrone, Bart, Augenbrauen und Haare bestehen aus einer winzig kleinen Miniaturschrift.

Von Magischem fasziniert

Sich zu wundern, sich auf Fragen einzulassen, den Blick zu verlangsamen: Dazu lädt der Besuch in der Stiftsbibliothek ein. An diesem Morgen bleibt Zeit für ein weiteres Objekt, wie etwa die Reiseapotheke des Abtes. Der Miniaturschrank besteht aus edlem Holz und aus zahlreichen Fächern und Fläschchen, in denen Medikamente, Reliquienpulver und Heilige Öle aufbewahrt wurde. Wirkte herkömmliche Medizin nicht, verabreichte man zerstossenes Knochenmaterial von Heiligen. «In der Barockzeit liebten die Menschen Kuriositäten aller Art. Neugier und Staunen, aber auch das Magische gehörten dazu», sagt Elke Larcher und fügt an, ganz anders sei es im Mittelalter gewesen, als die Neugier verpönt war und als «Wollust des Auges» galt.

 

Detox fürs Wesentliche

Begegnungen mit Geschichte und Kultur wirken über den Moment hinaus. «Sie zeigen, dass Museen, aber auch Kirchen nicht nur Wissensorte sind, sondern auch Räume der Zugehörigkeit, der Heilung und der Erholung», sagt Elke Larcher. Wer sich mit Geschichte und Kultur auseinandersetze, lerne seine Wurzeln und Werte kennen, zu denen Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe gehören. «Und wir erkennen, dass wir Teil von etwas Grösserem sein dürfen und Positives bewirken können», sagt sie. Sich das bewusst zu machen, mache demütig. «Voraussetzung dafür sind aber Momente, in denen wir es schaffen, zurückzuschrauben, unser Herz zu öffnen und Klarheit durch Detox zu erlangen. So nehmen wir uns Zeit fürs Wesentliche.»

Nur wer vom Eingang her um die Ecke biegt, befindet sich in dem Barocksaal mit seinen besonderen Proportionen, der Stille und Ordnung ausstrahlt.
Berühmt sind die Pantoffeln, in die man beim Besuch der Stiftsbibliothek schlüpfen muss. ­Praktischer Nebeneffekt: So verlangsamt sich nicht nur das Betrachten, sondern auch das Gehen.

Tipps: Slow Looking selbst ausprobieren

 

1. Wähle ein einziges Objekt, Bild, Figur oder auch ein spezielles Fenster aus. Gib dir mindestens fünf Minuten Zeit, auch wenn es zuerst ungewohnt ist. Der Ort sollte ruhig sein. Nebst Museen eigenen sich für das sogenannte Slow Looking, das bewusste Betrachten, daher auch Kirchen.

 

2. Atme ein paar Mal ruhig ein und aus, bevor du beginnst. Erst wenn der Körper zur Ruhe kommt, wird der Blick wirklich aufmerksam.

 

3. Beobachte Formen, Farben, Linien, Materialien, Spuren der Zeit. Bewerte nicht, was du siehst.

 

4. Achte auf das, was sich in dir verändert. Gedanken, Erinnerungen, Gefühle oder auch Widerstand gehören dazu. Slow Looking heisst nicht, etwas zu mögen, sondern etwas wahrzunehmen.

 

5. Notiere dir danach ein oder zwei Eindrücke. Ein Satz reicht. So wird aus dem flüchtigen Erlebnis etwas, das nachwirkt.

 

6. Was alleine funktioniert, geht auch im Team gut. Teile deine Eindrücke: Oft merkt man erst im Gespräch, wie unterschiedlich ein und dasselbe Objekt auf Menschen wirkt.

 

7. In vielen Museen gibt es spezielle Slow-Looking-Angebote, die tiefer führen als ein normaler Besuch. In der Stiftsbibliothek gehört dazu die Reihe «Fokus Deckengemälde», bei dem die Gemälde liegend in Stille betrachtet werden. Auch das Angebot «Mittagessen auf benediktinische Art» im Stillschweigen mit Lesung bereichert Herz und Seele.

 

INFOKASTEN: ÜBER NEUCHÂTEL NACH ST. GALLEN
 

Was sind die Chancen und Erfahrungen von «Museum auf Rezept»? Im Januar haben sich an einem öffentlichen Anlass im Open Art Museum zu diesem Thema die St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi mit der Neuenburger Stadträtin Julie Courcier Delafontaine und Marianne de Reynier Nevsky, Leiterin des Ateliers der Museen, ebenfalls in Neuchâtel, ausgetauscht. Neuchâtel hat im vergangenen Jahr eine Gesundheitskampagne gestartet: Wer von der Ärztin oder dem Arzt eine Verschreibung bekommt, darf gratis in die vier ausgewählte Museen. Das Projekt reagiert auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die eine nachhaltige positive Wirkung von Museumsbesuchen auf die Gesundheit aufzeigen. Auch das Vorarlberg Museum hat das Konzept in Österreich im vergangenen Jahr eingeführt und wird dabei von der Vorarlberger Ärztinnen- und Ärztekammer unterstützt.

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 23.01.2026