Wohl alle von uns kennen das Gefühl von Reizüberflutung. Gerade digitalen Medien wird nachgesagt, Konzentrationskiller zu sein. Wie gelingt es, die Aufmerksamkeit zu bündeln?
Esther Rüthemann, Seelsorgerin

«Wenn ich unkonzentriert bin, dann gehe ich meistens spazieren. Ich gehe eine Stunde übers Riet, zum See runter, achte auf meinen Atem, schaue in die Bäume, in den Himmel, freue mich am Gesang der Vögel und versuche zu lächeln. Oder aber ich übe Qigong, stehe wie ein Baum ganz ruhig und konzentriert, stelle mir innere Bilder vor und versuche sie zu spüren, auch hier ruhig und tief atmend. Oft hilft es mir , einen Espresso auf dem Balkon zu trinken und gerade nichts anderes zu tun, ausser den Vögeln am Futterhäuschen zuzuschauen. Es geht mir also um die Präsenz, ganz da zu sein und mich nicht von den Terminen, den Erwartungen, dem inneren Treiber steuern zu lassen. Darum, mir eine kleine Auszeit zu nehmen. Auch im Gespräch mit anderen kann ich mich fokussieren, um das im Moment Wichtige voranzustellen. Neben all dem Vielen, das mich verzettelt, braucht es Willen, mir Gutes zu tun, damit ich wieder mit voller Kraft weiterarbeiten kann.»
Jana Brunner, FC St. Gallen Frauen

«Ich versuche, mich stets auf das zu konzentrieren, was ich im Moment beeinflussen kann – eine Trainerin hat uns dazu den Leitsatz ‹Control what you can control› mitgegeben. Ein einfaches Beispiel: Wenn der Rasenplatz am Spieltag in einem schlechten Zustand ist, habe ich die Wahl: Entweder ich rege mich darüber auf, oder ich akzeptiere die Situation, ziehe das passende Schuhwerk an – in diesem Fall Stollenschuhe – und konzentriere mich darauf, meine bestmögliche Leistung abzurufen. Viele Abläufe sind zudem durch intensives Training zur Routine geworden. Das hilft mir enorm, auch in stressigen Situationen – etwa bei einem Elfmeter oder einem entscheidenden Eins-gegen-eins in der Defensive – fokussiert und ruhig zu bleiben.»
Susanne Hartmann, Regierungsrätin und Vorsteherin des Bau- und Umweltdepartements des Kantons St. Gallen

«Konzentration ist für mich die Fähigkeit, den Fokus richtig zu legen: Wenn ich bei der Arbeit eine Vorlage studiere oder in einer Sitzung bin, dann gilt meine ganze Aufmerksamkeit dieser einen Sache. Das haben die Menschen um mich herum verdient. Mein Handy und auch mein iPad bleiben in der Tasche unter dem Tisch. Ich möchte im Hier und Jetzt präsent sein; nur so kann ich aktiv zuhören und auf die Menschen und auf ihre Argumente eingehen. Mein Alltag ist hoch getaktet mit vielen Terminen zu unterschiedlichen Themen und wenig Pausen. Um ganze Tage konzentriert arbeiten zu können, pflege ich kleine Rituale zwischen den Terminen. Ein Blick aus meinem Bürofenster in St. Gallen – er geht zum Glück sehr weit von den Türmen der Kathedrale über das Grün der Stadthügel bis fast zum Bodensee. Manchmal nehme ich mir danach eine Cola Zero aus dem Kühlschrank, öffne die Dose und mit dem «Pffft» bin ich bereit für die nächste Aufgabe. Ab und an besuche ich den Gottesdienst – vor allem, wenn mein Gottibub ministriert. In der Kirche geniesse ich diesen Hauch von Ewigkeit und die enge Verbundenheit mit meiner eigenen Lebens- und meiner Familiengeschichte. Ich fühle mich auch den Menschen um mich herum und den Menschen überhaupt verbunden. Es sind wertvolle Momente des Nachdenkens, des in sich Gehens und der Ruhe. Hier sammle ich mentale Kraft für die kommenden Tage.»
Andreas Gut, Domkapellmeister
«Konzentration lässt sich trainieren, wie ein Muskel, wie das Aneignen einer handwerklichen Fertigkeit, wie das Einüben koordinierter Bewegungsabläufe beim Schwimmen, Schwingen und anderen Sportarten oder beim Spiel auf Instrumenten. Konzentration ist ein bewusstes Ausblenden äusserer Einflüsse und ein ebenso bewusstes Fokussieren auf das, was wir für uns als so wichtig erklären, dass wir uns darauf – und nur darauf – konzentrieren möchten. Auch hierbei gilt die alte Regel: Übung macht die Meisterin.»
Marc Bischofberger, Skicrosser aus Oberegg AI:

«Gerade im Sport ist es sehr wichtig, seinen «Fokus» zu finden. Das ist eine Eigenschaft, die sehr schwer zu erlangen ist. Ich denke, Erfahrung spielt eine grosse Rolle. Wenn man die Abläufe kennt, bringt das eine gewisse Ruhe rein. Mentaltraining hilft sicherlich, sich im entscheidenden Moment konzentrieren zu können. Dabei gibt es verschiedene mentale Methoden, dies zu trainieren. Welche für einen passt, muss man individuell herausfinden. Bei mir half die Methode der Hypnose am meisten. Das persönliche Umfeld und die Selbstdisziplin sind ebenfalls wichtige Bausteine.»
Text: Alessia Pagani
Bilder: zVg., Pixabay
Veröffentlichung: 28. August 2025