So sollen die Zwischenstunden für die Schülerinnen und Schüler, die den Religionsunterricht nicht besuchen, wegfallen. Das mag aus praktischen Erwägungen einleuchtend sein, hat aber für die Stellung der Religion im Fächerkanon spürbare negative Folgen. Religion als Wahlfach tut sich ja jetzt schon schwer damit, möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Rückt das Fach an die Randzeiten, wird sich diese Schwierigkeit aus leicht einsehbaren Gründen noch verschärfen. Das Fach wird dann von den Schülern, aber auch von den Lehrkräften kaum mehr ernst genommen.
Die Absicht der St. Galler Regierung, den Religionsunterricht an die Randzeiten zu rücken, dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass dieses Fach seine über lange Zeit nicht hinterfragte Selbstverständlichkeit im Fächerkanon der Schule verloren hat. Je stärker christliche Sinngebung und Weltdeutung, im Zusammenhang mit der Entstehung einer pluralistischen Gesellschaft, als Nebensächlichkeit in den privaten Raum abgedrängt wurden, desto dringlicher stellte sich die Frage, ob der Religionsunterricht noch in die öffentliche Schule gehöre. Man sah in ihm eine ungerechtfertigte Privilegierung der Kirchen an öffentlichen Schulen.
Dabei übersah man, dass die vielgehörte These, die Religion werde in der modernen Gesellschaft allmählich verschwinden, sich als falsch erwiesen hat. Religion prägt unsere Gesellschaft und Kultur weiterhin, und das nicht weniger als Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft. Sie gibt Antwort auf existentielle Fragen unseres Lebens, die uns alle beschäftigen, ob wir nun gläubig sind oder nicht. Und hier setzt auch der Religionsunterricht ein, indem er die Vermittlung von religiösem Grundwissen mit der Frage nach der Orientierung für das eigene Leben verbindet. Er ermöglicht Kindern und Jugendlichen einen verstehenden Zugang zu religiösen Weltdeutungen und Lebensweisen, hilft ihnen, einen eigenen Standpunkt zu religiösen Fragen zu entwickeln, und befähigt sie zugleich zu religiöser Toleranz und Dialogfähigkeit. Mit dem religiösen Grundwissen erschliesst der Religionsunterricht auch das christliche Fundament unserer abendländischen Kultur. Ohne eine gewisse Kenntnis der biblischen Botschaft, der grossen Gestalten und Kontroversen der Kirchengeschichte oder der Symbole des Glaubens sind weder unsere Alltagskultur noch die Grundwerte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, zu denen Menschenwürde, Toleranz, Freiheit und Gleichheit gehören, zu verstehen.
Vergessen wir nicht, dass all diese Grundwerte in der jüdisch-christlichen Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen gründen, die ihm eine unvergleichliche Würde verleihen, so dass wir aufgefordert sind, in jedem Menschen, auch unter der Hülle des Elends, der Krankheit, des Fremdartigen, auch noch des Bösen den Mitmenschen zu sehen. All dies vermittelt der Religionsunterricht. Gerade in unserer heutigen Welt, wo durch Kriege und Katastrophen Flucht, Exil und Tod längst zu Konstanten geworden sind, ist das von unschätzbarem Wert.
Nicht zuletzt soll der Religionsunterricht Schülerinnen und Schüler befähigen, von ihrem Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit Gebrauch zu machen und in religiösen Fragen urteilsfähig zu werden. Sie sollen lernen, sich gegen fundamentalistische und extremistische Formen von Religion abzugrenzen. Durch Information und Austausch werden Zerrbilder von Religionen aufgelöst und Toleranz und Verständigung angebahnt.
Religiöse Themen werden zwar auch in Fächern wie Deutsch, Geschichte, Politik, Kunst oder Musik behandelt. Eine kontinuierliche und systematische Beschäftigung mit religiösen Fragen und Inhalten erfordert jedoch ein eigenständiges Unterrichtsfach, das nicht an den Rand gedrängt werden darf und so an Relevanz verliert.
Der Germanist und Literaturwissenschaftler Mario Andreotti, Eggersriet, ist ein profunder Kenner der schweizerischen Bildungslandschaft. In verschiedenen Beiträgen und in seinem Buch «Eine Kultur schafft sich ab. Beiträge zu Bildung und Sprache», 2019 im Verlag FormatOst erschienen, hat er die Schulreformen der letzten Jahrzehnte kritisch hinterfragt.