Junge Menschen befähigen

Welchen Stellenwert hat der Religionsunterricht im neuen Volksschulgesetz des Kantons St. Gallen? Aktuell läuft eine Vernehmlassung. Administrationsrat Hans Brändle und Thomas Schwarz vom Bistum St. Gallen sagen, warum Religionsunterricht auch heute gefragt sei.

Zu einer ganzheitlichen Bildung gehört auch die religiöse Bildung», sagt Hans Brändle, Administrationsrat und Seelsorger in der Seelsorgeeinheit Magdenau. Er ist selbst seit über dreissig Jahren im schulischen Religionsunterricht tätig. «In meinen Anfangszeiten gab es noch häufig pubertäre Reibereien, mehrere Jugendliche stellten den Religionsunterricht infrage und mussten sich negativ von der Kirche abgrenzen. Das hat sich geändert. Heute nehme ich bei vielen Jugendlichen, die den Religionsunterricht besuchen, ein grosses Interesse an den Inhalten wahr», sagt Hans Brändle. «Sie können sich hier mit Fragen auseinandersetzen, für die es sonst keinen Platz gibt. Mir haben auch schon Eltern gesagt: Wir sind froh, dass qualifizierte Personen unsere Kinder begleiten.»

Hans Brändle ist selbst seit über dreissig Jahren im schulischen Religionsunterricht tätig.

Auch für Konfessionslose

Heute werden junge Menschen online mit vielen Anbietern und Einflüssen konfrontiert. «Da ist es wichtig, sie zu befähigen, sich differenziert mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Dafür leistet der Religionsunterricht einen wichtigen Beitrag», so Brändle. Das zeige auch die Tatsache, dass an vielen Schulen selbst Kinder und Jugendliche, die keiner christlichen Konfession angehören, das Fach Religion besuchen. Die Anzahl der Konfessionslosen im Religionsunterricht habe in den letzten Jahren zugenommen. Für Hans Brändle ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man diesen den Unterricht nicht verwehrt: «Es ist im Interesse der Kirchen, dass sich möglichst viele mit den christlichen Werten und der Bedeutung der Traditionen beschäftigen.» Das helfe, Vorurteile abzubauen, und stärke das gesellschaftliche Miteinander.

 

Neues Volksschulgesetz

Im Fach Religion beschäftigen sich Kinder und Jugendliche mit der eigenen Religion, mit den Werten, den Traditionen, aber auch mit anderen Glaubensrichtungen. «Unser Bildungssystem ist stark auf die Schule ausgerichtet. Wenn die Auseinandersetzung mit Religion dort nicht mehr stattfindet, besteht die Gefahr, dass sie nirgends mehr vorkommt.» Das geltende Volksschulgesetz des Kantons St. Gallen ist 40 Jahre alt. Der Kantonsrat erteilte 2022 den Auftrag einer Totalrevision. Noch bis 3. Juli läuft eine Online-Vernehmlassung, bei der sich alle Interessierten einbringen können. Die Ergebnisse würden in das Projekt einfliessen, so der Kanton St. Gallen. Das Gesetz soll frühestens am 1. August 2028 zur Umsetzung kommen. Thomas Schwarz, beim Bistum St. Gallen zuständig für die Abteilung Religionspädagogik, ist zuversichtlich. «Die bisherigen Gespräche zeigen uns, dass bei den Entscheidungsträgerinnen und -trägern ein Bewusstsein für die Bedeutung des Religionsunterrichts vorhanden ist und dieser auch künftig einen Platz auf der Stundentafel haben wird», sagt er. «Wir erleben den Dialog auf Augenhöhe.» Die Schule, so der aktuelle Entwurf, orientiere sich an den christlich-humanistischen Wertvorstellungen. «Es ist erfreulich, dass wir die Gespräche mit dem Kanton immer gemeinsam mit der evangelischen Kirche führen und wir hier auf ein gutes Miteinander zählen können.»

Religionspädagoge Thomas Schwarz blickt optimistisch auf das neue Volksschulgesetz.

Ein Wahlfach

Schon jetzt hat Religion den Status eines Wahlfaches – und ist somit meist eine weniger attraktive Randstunde im Stundenplan. «Das ist nicht als grundsätzliches Negativsignal gegenüber Religion zu werten, sondern die allgemeine Realität von Wahlfächern», so Hans Brändle. Wie gut das Fach an einer Schule verankert sei, hänge stark von den jeweiligen Personen vor Ort ab. Die Situation sei von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. «Wie wir mitbekommen, findet ein Grossteil der Kirchgemeinden den Religionsunterricht nach wie vor sinnvoll und macht gute Erfahrungen.» Manche Kirchgemeinden/Pfarreien etablieren ausserschulische Unterrichtsangebote. Hans Brändle und Thomas Schwarz sehen Chancen, künftig auch neue Formen und Wege ausserhalb der Schule und des Stundenplans zu wagen. «Doch der schulische Unterricht ist eine Chance für alle Beteiligten», so Hans Brändle. Idealerweise profitiere die gesamte Schule davon.

Ausbildung gefragt

Noch ist unklar, unter welchen Rahmenbedingungen der Religionsunterricht künftig an den Schulen Platz haben wird. Doch die Ausbildungsgänge, die zum Unterrichten des Fachs befähigen, sind gefragt: «Im letzten Jahr haben 10 Personen die Ausbildung zur katechetischen Fachperson mit Fachausweis abgeschlossen, in diesem Jahr haben 19 Personen die Ausbildung gestartet», so Thomas Schwarz. Viele dieser Personen nennen als eine der Hauptmotivation für die Ausbildung, später junge Menschen begleiten zu können. Die Ausbildungen qualifizieren nicht nur für den schulischen Unterricht, sondern auch für andere Katechese-Aufgaben in den Pfarreien.

 

Bilder: Ana Kontoulis

Stephan Sigg
Leitender Redaktor
Veröffentlichung: 16.06.2026