«Meine Kollegen sagen manchmal zu mir, bei meinem Lebenslauf mit all der beruflichen Erfahrung könnte man meinen, ich gehe bald in Pension», sagt Pascal Baumann. Der 31-Jährige aus Muolen ist Podcaster, gibt auf Social Media Einblicke in seinen Alltag und setzt sich für Menschen mit einer Behinderung ein (siehe Kasten unten). Wir treffen ihn an diesem Vormittag im Park Kreuzbleiche nahe des Bahnhofs St. Gallen zusammen mit Pascal Graf, Seelsorger von SeelsorgePlus für Menschen mit einer Behinderung im Bistum St. Gallen.
Folgen eines Zeckenstichs
Wie lassen sich Lebenswege gestalten, wenn das auf ersten Blick nicht einfach erscheint oder wenn etwas Unvorhersehbares geschieht? Pascal Baumann selbst wird im Alter von fünf Jahren als Folgen eines Zeckenstichs sehbehindert und leidet seither an einer Autoimmunerkrankung. Viele Monate seiner Kindheit und Jugend verbringt er im Spital. Krankheitsschübe lähmen Teile seines Körpers. Die Ärztinnen und Ärzte sind zunächst ratlos, vermuten Multiple Sklerose und behandeln Pascal Baumann mit den entsprechenden Medikamenten. Erst vor wenigen Jahren steht fest, dass er an Anti-MOG leidet, einer Autoimmunerkrankung, die ähnliche Symptome wie Multiple Sklerose verursachen kann.
«Gern das Normale probiert»
Als Bub besucht er die Primarschule in Muolen. Aber statt in die Oberstufe kommt er danach in eine Sonderschule. «Ich hätte gerne das Normale probiert. Vielleicht einmal Sozialpädagogik studiert», sagt er. Als Berufswahl kommt aber einzig eine kaufmännische Lehre infrage, danach eine Stelle in einem geschützten Bereich. «Kein Unternehmen will jemandem eine Stelle geben, der wegen einer Krankheit regelmässig fehlt», sagt er. Pascal Baumann entscheidet sich gegen den geschützten Arbeitsmarkt, dafür für Ehrenämter und Jobs auf Projektbasis. Er engagierte sich für geflüchtete Personen. Für ein Projekt der Caritas berät er zudem während mehrerer Jahre als Peer Gleichaltrige mit Suizidgedanken. «Wenn ich nach Monaten, in denen ich mich mit Betroffenen via Mail ausgetauscht habe, hörte, dass es der Person besser geht und wie sehr ihr der Kontakt mit mir geholfen hat, hat mir das viel zurückgegeben», sagt er.
Eine WM für alle
Heute ist Pascal Baumann im Bereich von Inklusiv-Veranstaltungen tätig. Steht ein grösserer Event an wie etwa die Fussball-Europameisterschaft der Frauen oder die Eishockey-Weltmeisterschaft, setzt er sich dafür ein, dass Menschen mit einer Behinderung überall mit dabei sein und mitarbeiten können, etwa indem er Helferinnen und Helfer rekrutiert.
Die Schübe, die durch die Autoimmunerkrankung ausgelöst werden, sind momentan unter Kontrolle. Die Sehbehinderung aber bleibt und ist das Sichtbarste und somit Fassbarste seiner Erkrankung. Im Alltag ist er mit einem Blindenstock oder einer Armbinde unterwegs. Spricht Pascal Baumann mit seinem Gegenüber, erkennt er zwar das Gesicht, aber darum herum nichts. Als Jugendlicher versuchte er, seine Behinderung zu verstecken. Seine erste Freundin hatte er während einer Ministrantenreise nach Rom kennengelernt. Wenn er mit ihr unterwegs war und stolperte, überspielte er das mit Witzen. «Rückblickend denke ich natürlich: ‹Wieso habe ich es ihr nicht einfach gesagt?›», sagt er.
Vom Mut im Leben
Als Podcaster kann er seine und die Geschichte anderer Menschen erzählen. Nebst dem Podcast für den Fussballblog gruenweiss.sg rund um die Frauen-Equipe des FC St. Gallen ist etwa sein eigener Podcast «einzig-art-ICH» zu nennen. Als eine Freundin von ihm nach einem Velounfall längere Zeit im Koma liegt und sich danach ins Leben zurückkämpft, beschliesst er mit anderen engagierten Personen, diesen Podcast zu gründen. In 44 Episoden erzählen Menschen ihre Lebensgeschichten, von Einschränkungen und Schicksalsschlägen und vom Mut, den es manchmal im Leben braucht. «Egal, was du hast, du bist einzigartig. Das ist unsere Botschaft», sagt Pascal Baumann und fügt an: «Barrieren existieren vor allem im Kopf.»
Vernetzen und sensibilisieren
Wie wichtig es ist, teilhaben und mitwirken zu können und vor allem auch als Mensch mit einer Behinderung seine Fähigkeiten einbringen zu können, damit kennt sich auch Seelsorger Pascal Graf aus. Zu den Aufgaben des 37-jährigen Herisauers gehören unter anderem, Betroffene und Angehörige zur Seite zu stehen, mit sozialen und betreuenden Institutionen zusammenzuarbeiten, generell zu vernetzen und zu sensibilisieren sowie inklusive Gottesdienste und Veranstaltungen wie etwa Singtage zu gestalten. «Zu meinen Lieblingsmotiven, die mir selbst im Leben helfen und mit denen ich aber auch gerne arbeite, gehört der brennende Dornbusch», sagt er und nennt jene Stelle in der Bibel, in der sich Moses einem Busch nähert, der zwar brennt, aber nicht verbrennt und aus dem Gott zu ihm spricht. Er verspricht ihm, immer bei ihm zu sein. In einem inklusiven Gottesdienst lasse sich das Thema visuell und gestalterisch gut umsetzen und die Botschaft auch mit einfacher Sprache gut vermitteln. Zudem ist der brennende Dornbusch ein Bild, das allen Menschen gut tut: Es steht für Zerbrechlichkeit und Beständigkeit zugleich. Auch wir Menschen sind Belastungen ausgesetzt, möchten aber nicht daran zerbrechen. Woher nehmen wir die Kraft und Zuversicht?
Stärken ins Zentrum stellen
Pascal Graf kam mit einem Herzfehler zur Welt. Auch zu sprechen begann er später als andere Kinder. Dann im Vorkindergartenalter zeigte sich, dass er einen Sprachfehler hat. Fortan besuchte er die Logopädie. Er erzählt vom Taxi, das ihn jeweils von seinem Wohnort zur Sprachheilschule gefahren hat. Dort besuchte er an vier Wochentagen die Logopädie und konnte schliesslich in der vierten Klasse in die Regelschule wechseln. «Es beeinflusst mich bis heute, dass ich damals gefördert wurde und meine Stärken im Zentrum standen. Das Gefühl, wertgeschätzt zu werden, möchte ich heute durch meinen Beruf anderen Menschen weitergeben», sagt er. Pascal Graf kommt nicht aus einer besonders religiösen Familie. Tieferes Interesse am Glauben weckte während seiner Zeit als Gymnasiast das Ergänzungsfach Religion. «Damals begann ich darüber nachzudenken, ob ein Theologiestudium für mich infrage kommt», sagt er. Während des Studiums habe er sich dann mit dem Job als Seelsorger auseinandergesetzt. Arbeitete er zunächst in der Jugendseelsorge, ist er aktuell nebst seinem Job bei SeelsorgePlus in der Geriatrischen Klinik in St. Gallen als Seelsorger im Einsatz. «Wir Menschen sind alle sehr unterschiedlich. Aber alle von uns haben Stärken», sagt er.
Tricks im öffentlichen Raum
«Ich finde generell, dass das Potenzial von Menschen mit einer Behinderung in unserer Gesellschaft zu wenig im Fokus steht», ergänzt auch Pascal Baumann. Da gibt es vieles mehr, als das, was sichtbar ist. Beeindruckend ist, wie er sich zu Fuss unterwegs zur Kreuzbleiche im öffentlichen Raum zurechtfindet und orientiert. Er kennt jene Ampeln, die an der Unterseite des gelben Druckknopfs einen Vibrationssensor haben und somit Menschen mit einer Sehbehinderung signalisieren können, wenn es grün ist. Dass er St. Gallen gut kennt, hilft ihm sich zurechtzufinden. «Etwas schwieriger ist es, wenn es regnet und zugleich dämmert. Dann reflektiert alles», sagt er. Im Gegensatz zu früher hat er seinen Blindenstock oder die entsprechende Armbinde immer dabei. Den Wendepunkt brachte jener Moment, als er einmal am Bahnhof einen Mann anrempelte. «Er meinte zu mir, so früh am Morgen solle ich die Finger von Drogen und Alkohol lassen», sagt er. «Ich war so perplex, dass ich gar nicht antworten konnte.»
Vom Park geht es zurück Richtung Bahnhof St. Gallen. Wir verabschieden uns in der Unterführung zwischen den Gleisen nach Muolen und Herisau. Den Weg hinauf zum Gleis kennt Pascal Baumann gut.
Infokasten: Zur Session nach Bern
Pascal Baumann ist einer von 44 Teilnehmenden, die ihre Stimme an der Behindertensession im Herbst in Bern einbringen. Die Behindertensession wird von der Fachorganisation Pro Infirmis organisiert und bietet Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, politische Anliegen einzubringen und Forderungen für mehr Gleichstellung und Teilhabe zu erarbeiten. Von den 200 Kandidierenden hat er die meisten Stimmen erhalten. Am Nachmittag nach dem Treffen für diesen Text wird er an der ersten Online-Vorbesprechung zur Behindertensession teilnehmen. Pascal Baumann ist jener Kommission zugeteilt, die sich mit den Themen Recht, Gesundheit und politische Teilhabe beschäftigt.
→ Pascal Baumann über seinen Glauben und Bezug zur Kirche im fadegrad-podcast.
Fotos: Niklas Thalmann