«Integration entsteht durch Vertrauen»

Jakob Gähwiler ist seit 2018 Geschäftsleiter der Stiftung Mintegra. Diese befindet sich im Bahnhof Buchs, wo früher täglich bis zu 1000 Saisoniers ankamen. Bilder: Manuela Matt

Mintegra aus Buchs feiert im September ihr Jubiläum. Geschäftsführer Jakob Gähwiler über die kirchlichen Wurzeln der Stiftung, Migration heute und die Kraft persönlicher Begegnungen.

Jakob Gähwiler, Sie engagieren sich seit vielen Jahren in der Integrationsarbeit und leiten heute die Stiftung Mintegra. Was hat Sie persönlich zu diesem Weg bewegt?

Mein Bezug zur Integrationsarbeit begann eigentlich schon viel früher als meine Tätigkeit bei Mintegra. Meine Grossmutter engagierte sich bei der Bahnhofshilfe Pro Filia, die damals mit dem kroatischen Sozialdienst in Buchs zusammenarbeitete. Dadurch wurde ich schon früh für die Lebensgeschichten und Herausforderungen von Migrantinnen und Migranten sensibilisiert. Zu Mintegra kam ich erstmals 2002. Damals begleitete ich das Quartierprojekt «Mit Sport gegen Spott». Rund 70 Schulkinder aus zwölf Nationen nahmen daran teil. Diese Erfahrungen haben mich nachhaltig geprägt. Später war ich Leiter der regionalen Fachstelle Integration und übernahm 2018 schliesslich die Leitung bei Mintegra.

 

Mintegra hat auch kirchliche Wurzeln. Wie zeigt sich das in der heutigen Arbeit der Stiftung?

Die Kirche spielt weiterhin eine wichtige Rolle. Sie ist im Stiftungsrat vertreten und bringt auf diese Weise ihre Perspektiven ein. Christliche Werte wie Nächstenliebe, Gastfreundschaft und Solidarität zeigen sich aber auch ganz praktisch. Wir arbeiten mit verschiedenen Kirchgemeinden zusammen, indem wir etwa deren Räume für Begegnungsveranstaltungen nutzen oder gemeinsame Aktivitäten wie Kochabende oder Begegnungsfeste organisieren. Wichtig ist das gerade vor dem Hintergrund, dass viele Zugewanderte zur kirchlichen Gemeinschaft und zur katholischen Kirche gehören.

Wenn Sie auf die Anfänge des kroatischen Sozialdienstes und die Gründung von Mintegra zurückblicken: Wie hat sich die Integrationsarbeit in dieser Zeit verändert?

Migration ist heute sichtbarer und vielfältiger als früher. Die Gesellschaft hat sich verändert, und auch die Fragen der Menschen, die zu uns kommen, sind andere geworden. Als der Kroatische Sozialdienst entstand, kamen viele Menschen als Saisonniers in die Schweiz. Damals standen vor allem ganz praktische Fragen im Vordergrund: Aufenthaltsbewilligungen, Arbeitsverträge oder der Kontakt mit Behörden. Häufig war auch gar nicht vorgesehen, dass die Menschen dauerhaft hierbleiben oder Deutsch lernen. Arbeitgeber und die Gesellschaft förderten Sprachkurse kaum, weil viele Arbeitskräfte nur vorübergehend in der Schweiz bleiben sollten. Heute ist die Situation viel vielfältiger. Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und aus ganz verschiedenen Gründen zu uns, sei es wegen der Arbeit, der Familie oder weil sie Schutz suchen. Entsprechend haben sich auch ihre Anliegen verändert. Die wichtigsten Themen in der Sozialberatung sind aber seit 25 Jahren die gleichen: Bewilligungen, Arbeit und Sozialversicherungen.

 

Welche Herausforderungen stehen heute im Mittelpunkt der Integrationsarbeit?

Nebst administrativen Fragen geht es heute viel stärker um gesellschaftliche Teilhabe, Bildung, berufliche Anerkennung und Sprache. Ein gutes Beispiel sind gut ausgebildete Frauen, die in ihrem Herkunftsland als Ärztinnen oder Fachpersonen gearbeitet haben. Oft fehlen ihnen die sprachlichen Voraussetzungen oder die Anerkennung ihrer Diplome, um ihren Beruf hier auszuüben. Dadurch bleibt wertvolles Potenzial ungenutzt. Gleichzeitig hat sich auch unser Verständnis von Integration verändert. Es geht heute nicht mehr darum, dass Menschen ihre Herkunft aufgeben oder sich möglichst schnell anpassen. Integration bedeutet für mich, dass Menschen die Möglichkeit erhalten, selbstständig am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und ihre Fähigkeiten einzubringen. Dafür braucht es Offenheit auf beiden Seiten.

Wo liegen die grössten Stolpersteine für Zugezogene?

Dazu gehört ganz generell, sich in einem neuen System zurechtzufinden. Wie finde ich eine Arbeitsstelle? Was steht auf meiner Lohnabrechnung? Wie funktioniert die Krankenkasse? Welche Rechte und Pflichten habe ich? Die Schweiz funktioniert in vielen Bereichen anders als die Herkunftsländer vieler Zugewanderter. Behörden, Versicherungen, Bildungssystem und Arbeitsmarkt können sehr komplex sein. Gerade in den ersten Jahren ist Unterstützung wichtig. Wenn Informationen fehlen, können Probleme entstehen, die später viel schwieriger zu lösen sind. Das kann etwa das Umschreiben des Führerausweises sein, aber auch Meldepflichten in Bezug auf die Sozialversicherungen.

 

Nebst Beratung und Information setzt Mintegra stark auf persönliche Begegnungen. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Integration entsteht durch Vertrauen und Begegnung. Viele Angebote funktionieren nicht einfach über Werbung. Menschen kommen oft, weil ihnen jemand persönlich davon erzählt hat. Das sehen wir etwa bei unseren Angeboten wie den Frauentreffs, den Konversationsangeboten «Deutsch im Dialog» oder «Schenk mir eine Geschichte», wo Leseanimatorinnen Kindern und Familien Geschichten in ihrer Erstsprache vorlesen. Zum anderen erleben wir das in unseren Beratungen. Gerade bei Personen mit Migrationserfahrung ist der persönliche Zugang entscheidend. Bei Mintegra bieten wir deshalb auch eine niederschwellige Erstberatung ohne Dossier an. Das bedeutet, dass Menschen mit ihren Fragen zu uns kommen können, ohne dass bereits ein umfangreiches Dossier mit persönlichen Daten angelegt wird. Wir erfassen nur jene Informationen, die für das konkrete Anliegen notwendig sind. Dieser Zugang hat mehrere Vorteile: Er baut Hemmschwellen ab und ermöglicht auch Menschen, die unsicher sind oder schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht haben, unkompliziert Unterstützung zu erhalten.

 

 

Schalter am Grenzbahnhof Buchs, wo ab den 1970er-Jahren Mitarbeitende des Sozialdienstes der Katholischen Kroatenmissionen die Saisoniers empfingen. (Bild: zVg)

Täglich 1000 Saisoniers

Der Name Mintegra verbindet die Begriffe Migration und Integration. Die Wurzeln der Stiftung reichen bis in die 1970er-Jahre zurück: Damals betreuten Mitarbeitende des Sozialdienstes der Katholischen Kroatenmissionen am Grenzbahnhof Buchs täglich bis zu 1000 Saisoniers. Nach der Schliessung dieses Dienstes im Jahr 2000 entstand die Grundlage für die spätere Gründung von Mintegra. Die Stiftung wird seit ihrem Bestehen vom Katholischen Konfessionsteil des Kantons St. Gallen finanziell und administrativ unterstützt und von der Stadt Buchs sowie der katholischen Kirchgemeinde Buchs-Grabs getragen. Im Leistungsauftrag erbringt sie Dienstleistungen für die Gemeinden der Region Sarganserland-Werdenberg, für den Kanton St. Gallen und für das Land Liechtenstein. Heute umfasst das Angebot unter anderem Sozialberatung, die Plattform hallo.sg.ch sowie Projekte wie Frauentreffs, Konversationskurse und Vorleseaktionen für Kinder. 

 

→ 25-Jahr-Jubiläum mit einem Forum zum Thema Integration, am 4. September 2026, ab 17.30 Uhr in der Aula OZ Flös in Buchs, und einem Mittagessen beim Festival der ­Kulturen, 19. September, 9.30 Uhr bis 12 Uhr in der Aula OZ Sargans.

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 28.08.2026