Auf der Iddaburg bei Gähwil ist es still. Der Blick reicht über das Toggenburg bis hinunter zum Bodensee. Die Wallfahrtskirche steht auf dem bewaldeten Felskopf. Früher befand sich dort die Burg Alt-Toggenburg. Eine Tafel erinnert an die Stelle, von der Idda der Legende nach in die Tiefe geworfen wurde. Heute kommen hier Menschen auf Wanderungen, Ausflügen, Pilgerreisen oder Wallfahrten her. Jedes Jahr sind es mehrere hundert Personen, die den Wallfahrtsort besuchen. Was fasziniert an einer Frau, die vor 800 Jahren gelebt haben soll? Und warum wird sie noch heute als Regionalheilige verehrt? Zumal sie historisch kaum zu fassen ist.
Antworten liefert womöglich die aktuelle Ausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen über Frauen und deren Lebenswelten im Mittelalter: Dort wird Idda von Toggenburgs Leben als Inklusin beschrieben, also als Frau, die sich in eine Zelle einschliessen liessen. Die Ausstellung bezeichnet diese Zelle nicht nur als physischen Ort der Abgrenzung, sondern auch als Schutzraum und Ort, in dem die Frauen ihre Beziehung zu Gott leben und spirituell wachsen konnten.
Ein Ring und ein Rabe
Wurde die Legende erfunden, um dem Kloster zu wirtschaftlichem Aufschwung zu verhelfen und Pilgernde anzuziehen, wie es einige Interpretationen nahelegen, oder sind es doch tiefe und ursprüngliche Bilder, die der Autor und Einsiedler Pater Heinrich von Bonstetten im 15. Jahrhundert festhielt? Historisch ist nur wenig belegt. Iddas Geschichte ist erst Jahrhunderte nach ihrer vermuteten Lebenszeit im 12. Jahrhundert schriftlich festgehalten worden. Die Legende erzählt, dass sie ihren Ehering auf das Fensterbrett legt. Ein Rabe nimmt ihn mit. Ein Jäger findet ihn und steckt ihn an seinen Finger. Ihr Mann, der Graf von Toggenburg, sieht den Ring und glaubt, Idda hätte ihn mit dem Jäger betrogen. Er lässt den Jäger töten und stürzt Idda von der Burgmauer. Sie überlebt und lebt fortan in einer Klause beim Kloster Fischingen.
Vergebung?
Iddas Mann bereut seine Tat. Sie vergibt ihm, aber kehrt nicht zu ihm zurück, sondern entscheidet sich für ein Leben in einer Klause beim Kloster. Vor dem Kontext der Femizide als extremsten Form geschlechterbezogener Gewalt bekommt die Klause als Schutzraum eine aktuelle Bedeutung. Erst der Schutzraum ermöglicht es Idda, ihr Leben zu gestalten. Sie wird zu jemandem, zu dem andere Menschen mit ihren Sorgen kommen, und sie kümmert sich um Kinder und Arme. Um die Legende ranken sich weitere Wunder.
Wunder in der Region
«Die Menschen mögen die Erzählung der Heiligen Idda. Viele fühlen sich angesprochen. Auch an den Kerzen in der Kirche merke ich, dass ein grosses Vertrauen besteht und viele Menschen mit ihrem Anliegen hierherkommen», sagte der ehemalige Wallfahrtspriester Walter Strassmann vor einiger Zeit zum Pfarreiforum. Er erzählt vom Brauch in der Region, nach Unfällen der Heiligen Idda zu danken, und er erwähnt kleine Wunder, die man der Idda zuschreibt: einen jungen Mann, der von einem Baugerüst stürzte und eine ältere Frau, die mit dem Auto über einen Abhang fuhr. Beide überlebten.
Der Besuch in der Stiftsbibliothek zeigt: Historisch beweisen lässt sich in Bezug auf Idda von Toggenburg äusserst wenig. Bei ihrer Legende scheint das aber auch keine grosse Rolle zu spielen. Aufschluss gibt auch ein Interview mit Pater Gregor Brazerol, Prior des Klosters Fischingen, auf swiss-cath.ch. Er sagt, die Geschichte der Idda sei ein Zusammenzug verschiedener älterer Legendenmotive. Aber das wisse kaum jemand und störe auch niemanden.» Ebenso wenig, dass das Grab der heiligen Idda in der Klosterkirche leer sei und keine Reliquien von ihr erhalten seien. Im Kloster Fischingen brennen jeden Tag Kerzen an ihrem Grab. Unter dem Sarkophag der Heiligen befindet sich eine kleine Türe, die sich öffnen lässt. Es ist unter den Pilgerinnen und Pilgern Brauch, dort ihre wunden Füsse hineinzuhalten, um Linderung zu erhalten. Zumindest einen Versuch, etwa auf dem Jakobsweg von Konstanz, über Fischingen nach Einsiedeln unterwegs, ist das wert.
→ Infos 800-Jahr-Jubiläum auf www.iddaburg.ch