«Eine Portion Verrücktheit»

Entschleunigung, die Einfachheit leben, handeln statt nur reden – der Vorarlberger Autor Markus Hofer zeigt in seinem neuen Buch zum 800. Todestag (4. Oktober) von Franziskus, warum im Lebensstil dieses Heiligen viel Potenzial für die Gegenwart steckt.

Leicht verdaulich ist dieser Heilige nicht», sagt Markus Hofer, «Wer Franziskus ernst nimmt, den fordert er mit seiner Radikalität heraus.» Auch das neue Buch des Vorarlberger Theologen über den Heiligen aus Assisi ist nicht leicht verdaulich. Es liest sich leicht und süffig, von Seite 1 an ist man mittendrin im Mittelitalien des 13. Jahrhunderts und im Leben eines wohlhabenden Kaufmannssohns, der Gott und die Askese entdeckt. Doch schnell drängt sich beim Lesen die Frage auf, ob man es hier nicht mit einem Verrrückten zu tun hat. Markus Hofer lacht über diesen Einwand. «Ein Portion Verrücktheit war bei Franziskus sicher dabei.» Es sei ihm wichtig gewesen, Franziskus fern ab von verklärter Frömmigkeit zu zeigen. «Franziskus wurde und wird vereinnahmt. Die Radikalen haben ihn auf seine Radikalität reduziert, andere sahen in ihm nur den Vogeltränke-Franziskus mit dem Sonnengesang, den Kirchenrebellen oder den Liebhaber Gottes. Das Spannende an ihm ist, dass er sich in keine Schublade stecken lässt.»

 

Midlife-Krise bewältigen

Markus Hofer hat sich ein halbes Leben mit dem Heiligen beschäftigt. Die Faszination weckten bei ihm Reisen in die Toskana. «Franziskus und seine Gefährten lebten in Einsiedeleien an wilden Orten mitten in der Natur.» Bei Cortona besuchte er die ehemalige Zelle von Franziskus – eine kleine, karge Felsnische. «Wie kann man hier leben, fragte ich mich. Von da an liess mich Franziskus nicht mehr los.» Nochmals näher kam ihm Franziskus in der Lebensmitte, als sein eigener Lebensweg etwas holprig wurde. Auch in der Biografie von Franziskus lasse sich eine Midlife-Krise beobachten. «Franziskus erlebte viele Brüche. Eine Menge Pläne gingen in die Hose. Er blieb aber nicht im Scheitern stehen. Es dauerte lange, bis er den eigenen Weg fand. Den individuellen Weg entdecken und herausfinden, für was man wirklich brennt, das ist gar nicht so einfach und beschäftigt auch heute viele», so Markus Hofer. In seinem Buch erzählt er ausführlich über die Brüche, Zweifel und Suchbewegungen des Franziskus, der ein Leben nach dem Evangelium führen und Jesus nachfolgen wollte.

Authentische Menschen

Die Auseinandersetzung mit Franziskus passe perfekt in die Gegenwart, auch er lebte in einer Zeit der Krise der Institutionen. «Es gab viel Kritik an den Institutionen, die Zeit war geprägt von Umbrüchen und Spannungen», erklärt Markus Hofer. Der 69-Jährige Theologe leitete bei der Diözese Feldkirch das Bildungswerk und das Männerbüro und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Für das neue Buch über Franziskus beschäftigte er sich intensiv mit den schriftlichen Quellen. Franziskus habe keine Theorie gepredigt. «Ihn kann man als den vielleicht authentischsten Menschen bezeichnen, den es je gegeben hat. Er wollte konsequent so handeln wie er predigt.» Das könne auch eine Erklärung sein, warum Franziskus schon zeitlebens sehr populär war. Nicht bloss reden, sondern entsprechend handeln – dieser Lifestyle sei auch aktuell für heute. «Heute wächst das Bedürfnis nach Authentizität und glaubwürdigem Handeln.»

Ein radikales Leben

«Franziskus hat die Askese radikal gelebt», sagt Markus Hofer und lacht: «Ich liebe sie nicht.» Im Buch beschreibt er, wie Franziskus nicht nur konsequent Besitz und Komfort ablehnte, sondern auch seinen Körper quälte durch extremes Fasten oder Verzicht auf wärmende Kleidung. Er war stets barfuss unterwegs. «Franziskus hat all das aber immer nur von sich selbst erwartet und nie verlangt, dass andere dies auch tun.» So ein radikales Leben sei damals kaum möglich gewesen und dies sei es erst recht nicht heute. «Aber das ist auch nicht notwendig. Es geht darum, den Blick zu schärfen für das, was wesentlich ist.» Viele sehnen sich heute nach Einfachheit, Nachhaltigkeit und Entschleunigung. «Darum geht es beim Lebensstil von Franziskus, deshalb lohnt es sich, sich heute mit ihm zu beschäftigen.» Markus Hofer erzählt in seinem Buch packend, bildreich und aus persönlicher Optik. Egal ob man Franziskus schon gut kennt oder nicht, das Buch löst etwas aus.

Markus Hofer: «Franz von Assisi – ein radikales Leben neu erzählt», 184 Seiten, im Buchhandel ­erhältlich

Stephan Sigg
Leitender Redaktor
Veröffentlichung: 10.08.2026