Was Seelsorgende alle machen

Als Seelsorgerin begleitet Verena Süess jeweils die Kinder auf ihrem Erstkommunionweg. (Bilder: zVg)

Was gehört alles zu den Aufgaben von Seelsorgerinnen und Seelsorgern? Wie sieht eine ­typische Woche aus? Verena Süess aus Speicher und Paul Hoch aus Uzwil geben Einblicke in ihren Alltag.

Montag

Ökumenische Sitzung Religionslehrpersonen

Verena Süess: «Wieso wurde ich Seelsorgerin? Der Glaube gibt mir Halt und Kraft und ist meine Energiequelle. Als Seelsorgerin kann ich einerseits weitergeben, was mich erfüllt. Andererseits fordert mich der Beruf ganzheitlich. In der Pauluspfarrei Speicher sind die Ressorts Religionsunterricht und Familien zwei meiner Schwerpunkte. Als Religionsunterrichtsverantwortliche erstelle ich Stundenpläne, führe Personalgespräche und leite drei Mal im Jahr die ökumenischen Religionslehrersitzungen. Heute geht es darum, wie Vertretungen organisiert und bezahlt werden.

 

Elternabend des Kommunionweges

Verena Süess: «Wie werden Hostien gemacht? Wie funktioniert eine Kniebeuge im Gottesdienst? Das und vieles mehr lernen Kinder, die sich für den Kommunionweg entscheiden. Dieser bereitet sie auf ihre Erstkommunion vor, an der sie zum ersten Mal eine gesegnete Hostie bekommen. Die Eltern schätzen es sehr, wie einfühlsam wir alles erklären. Es sind sich nicht alle Eltern sicher, ob sie ihr Kind für die Erstkommunion anmelden möchten. So geht es darum, alle abzuholen.»

 

Seelsorgerin Verena Süess segnet die Kinder und Familien.

Dienstag

Sitzung mit dem Pastoralteam 

Paul Hoch: «Als Pfarrleiter bin ich nebst der Seelsorge vor allem für Führungsaufgaben zuständig. Was steht in der Pfarrei an? Wer übernimmt welche Gottesdienste? Gibt es besondere Feiern? Wie soll sich die Pfarrei entwickeln?  Da steckt viel Arbeit drin, es gilt Jahrespläne zu erstellen, Zuständigkeiten zu verteilen, Mitarbeitende zu begleiten oder Projekte zu planen. Pro Woche kommen so schon mal mehrere Sitzungen zusammen.»

 

Einzelgespräch

Verena Süess: «Als Seelsorgende sind wir auch für alle Menschen da, die sich in einer Krise befinden. Eine wichtige Rolle spielen persönliche Kontakte. Kürzlich hat mich eine Person, die ich von verschiedenen Pfarraktivitäten kenne, angesprochen und mir erzählt, dass es ihr nicht gut gehe. Wir haben einen Termin für ein Einzelgespräch vereinbart. Ich investiere viel Zeit in mein Netzwerk. Nach den Gottesdiensten setze ich mich immer zusammen mit allen ins Café, um zu reden. 

 

Mittwoch

Treffen der Verantwortlichen für Katechese in St. Gallen

Verena Süess: «Katechese bedeutet übersetzt mündlicher Unterricht und lädt im heutigen Verständnis Menschen dazu ein, ihren Glauben zu vertiefen und eine persönliche Beziehung zu Gott zu entwickeln. Die Treffen mit anderen Katechese-Verantwortlichen aus der ganzen Region sind sehr hilfreich. Wir können voneinander lernen und uns austauschen, was klappt und was nicht.»

 

Geburtstagsbesuche 

Paul Hoch: «Mit den Geburtstagsbesuchen bin ich ferienbedingt gerade etwas im Rückstand. Wer möchte, wird von uns Seelsorgenden zu seinem 80., 85. und 90. Geburtstag und so weiter besucht. Wir gratulieren, nehmen uns Zeit für ein Gespräch, hören zu und sprechen einen Segen. Als Seelsorgende möchten wir uns für ältere Personen, die vielleicht nicht mehr so viele soziale Kontakte haben oder mobil sind, bewusst Zeit nehmen und zeigen, dass die Pfarrei für sie da ist.»

 

Donnerstag

Taufgespräch 

Paul Hoch: «Für mich gehören Taufen zu den schönsten Terminen. In den Vorgesprächen geht es darum, die Bedürfnisse der verschiedenen Paare und Familien abzuholen. Es gibt immer wieder Highlights wie kürzlich eine Tauffamilie, die selber Musik machte. Jemand spielte mit dem E-Piano ein Lied der Sängerin Billie Eilish, alle anderen sangen mit. Bei solchen privaten Momenten dabei sein zu können, dafür bin ich Seelsorger geworden. Ich bekomme viel Vertrauen geschenkt, das motiviert mich.»

 

Adventssitzung

Verena Süess: «Es dauert zwar noch eine Weile bis zum Advent, aber wir planen seit Spätsommer. Welches Thema soll uns durch die Vorweihnachtszeit begleiten? Welches Geschenk bekommen die Freiwilligen? Ausserdem planen wir im Pfarreizentrum Speicher ein Adventscafé mit Kerzenziehen. Da gilt es Einsatzpläne zu erstellen und sich um die Deko zu kümmern.» 

 

Freitag

Gespräch im Café

Paul Hoch sitzt im Café des Altersheims Wolfgang in Oberuzwil. Gleich wird er mit den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie einigen Angehörigen den Gottesdienst feiern. Ein bis zwei Mal im Monat ist Paul Hoch dort – im Wechsel mit dem Altersheim Christa. Er nimmt sich Zeit für eine Kaffee und dafür, dem Pfarreiforum zu erzählen, wieso er Seelsorger wurde: «Irgendwann während meines Theologiestudiums packte mich das Interesse für die Menschen und mir wurde immer klarer, dass ich in Richtung Seelsorge gehen würde. Schon während meines Zivildienstes nach der Matura wusste ich, dass ich beruflich gerne etwas Soziales machen wollte. Eine Kollegin studierte Theologie und ich beschloss, einmal in eine Vorlesung über das Alte Testament hinein zu schnuppern. Ich verstand damals zwar kein hebräisch, aber ich hatte schon immer ein Faible für Sprachen und mein Interesse war sofort geweckt. Gerade auch Kurse zu  Psychologie und Philosophie haben mein Interesse für und an Menschen wachsen lassen.» 

Paul Hoch im Café des Altersheim Wolfgang in Oberuzwil.
Der Gottesdienst findet jeweils im grossen Saal im Erdgeschoss des Altersheims Wolfgang statt.

Gottesdienst im Altersheim 

Paul Hoch: Mit dem Lift geht es vom Café im Altersheim Wolfgang aus einen Stock tiefer. Dorf befindet sich der grosse Saal des Altersheims. Paul Hoch begrüsst alle der rund 30 anwesenden Bewohnerinnen und Bewohner persönlich und tauscht ein paar Worte. Auch einige Pflegefachpersonen nehmen am Gottesdienst teil. Es gibt Lieder und eine eine Predigt aus dem Matthäus-Evangelium. Sie erzählt vom Besitzer eines Weinbergs, der Arbeiter zu unterschiedlichen Tageszeiten anheuert. Am Abend bekommen alle denselben Lohn, auch diejenigen, die erst kurz vor Feierabend angefangen haben. Anders als die Welt funktioniere der Glaube nicht nach einem wirtschaftlichen Prinzip, sagt Paul Hoch. Es folgen Fürbitten, Gebete, das Verteilen der Hostien und der Friedensgruss. Der Gottesdienst im Altersheim schenkt Wärme, das sieht man auch den Bewohnerinnen und Bewohnern an: Einige folgen gespannt dem Ablauf, andere schlafen in eine Decke in ihrem Sessel eingekuschelt, ein Mann gibt beim Küchenpersonal eine Getränkebestellung auf und bekommt den Sirup prompt fast zeitgleich wie die Hostie gereicht. «Bei Gottesdiensten in Heimen müssen wir Seelsorgende auch spontan und flexibel sein», sagt Paul Hoch. Die Begegnung mit Personen in dieser Lebensphase berühren ihn. «Für viele sind die Gespräche mit einem Seelsorger wichtig, etwa weil es noch Dinge in ihrem Leben gibt, die sie nicht klären konnten. Einmal sagte mir eine ältere Frau, sie sei eigentlich mit allem im Reinen. Nur etwas habe sie nie lösen können. So sei sie nie von ihrer Schwiegermutter akzeptiert worden. Ich habe ihr dann erzählt, dass das zum Leben dazugehören kann. Auch ich bin wahrscheinlich nicht der Traumschwiegersohn, da meine Frau ihre Heimat Finnland verliess, um mit mir zusammen in der Schweiz zu leben. Dass selbst der Pfarrer – wie ich oft fälschlicherweise bezeichnet werde – nicht der Traumschwiegersohn ist, hat die Frau mit ihrem Anliegen Frieden schliessen lassen.»

Zum Gottesdienst im Wolfganghof gehören Fürbitten, Gebete, das Verteilen der Hostien und der Friedensgruss.

Samstag

Kirche Kunterbunt im Pestalozzidorf Trogen

Verena Süess wirbelt zusammen mit den Kindern ein Schwungtuch hoch über die Köpfe. Alle setzen sich darunter und werden zur Kirche Kunterbunt im Kinderdort Pestalozzi in Trogen willkommen geheissen. Es soll entdeckt, ausprobiert und gestaunt werden. Den Spielplatz gilt es für einmal mit verbundenen Augen zu erkunden. Im Sandkasten sind Goldstücke für die Kinder vergraben. Thema an diesem Tag ist der Engel Rafael aus dem Buch Tobit und das Thema Vertrauen. Später wird zusammen gefeiert und gegessen. Zum Abschluss lernen die Eltern wie sie ihre Kinder selbst segnen können. «Solche Anlässe zu organisieren bereitet mir viel Spass, gerade auch dank der vielen Freiwilligen, die mithelfen», sagt Verena Süess. Während die Freiwilligen die Posten auf- und abbauen und anleiten sowie Getränke und Sandwiches vorbereiten, ist sie vor allem für die Planung zuständig. «Ausserdem ist ein wichtiger Bestandteil meines Jobs, Menschen zusammenzubringen und zu schauen, wo man sich zusammentun und neue Projekte umsetzen kann», sagt sie. 

 

Sonntag

Gottesdienst

Verena Süess: «Ein bis zwei Mal im Monat leite ich den sonntäglichen Gottesdienst. Meistens ist es eine Kommunionfeier. Manchmal haben wir auch spezielle Anlässe wie den ökumenischen Gottesdienst am Jahrmarktssonntag in der Turnhalle, mitten zwischen Hüpfburgen.»

 

Paul Hoch: «Durchschnittlich bin ich ein bis zwei Mal pro Monat für eine Wortgottesfeier eingeteilt. Am liebsten mag ich die Gottesdienste, bei denen ich besonders kreativ sein kann und die anders sind. Die bleiben am längsten in Erinnerung. Dazu gehört etwa der Ja-Gottesdienst der Firmandinnen und Firmanden, bei dem wir das Ja mit einem eigenen Ritual ins Zentrum stellen konnten.» 

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 25.09.2026