Brigitte Hungerbühler ist Mitglied des Vereins Pilgerherberge St. Gallen. Bei dieser bekommt, wer das entsprechende Online-Formular auf der Website ausfüllt, das kleine Büchlein, das einen berechtigt, in Pilgerherbergen zu übernachten und unterwegs die Pilgerstempel zu sammeln. Derzeit während der Hochsaison ist Brigitte Hungerbühler täglich damit beschäftigt, die Anträge abzuarbeiten.
Über 800 Kilometer durch Spanien
Wie es sich anfühlt, wenn diese spezielle Post bei einem zu Hause eintrifft, weiss Prisca Vesti aus Wangs. «Mein Mann hat den Pilgerpass mit einem Strauss Rosen als Überraschung für mich auf den Esstisch gelegt», sagt die Primarlehrerin. Im Frühling hat sie sich auf eine Reise eingelassen, von der sie seit zwanzig Jahren träumt: Über 800 Kilometer Fussmarsch quer durch Spanien, nach Santiago de Compostela und von dort aus weiter bis nach Finisterra. «Inspiriert haben mich ein Kollege, Hape Kerkeling und eine Freundin», sagt sie. «Mitgespielt hat auch mein Glaube sowie der Fakt, dass schon vor 1000 Jahren Menschen diesen Weg gegangen sind.» Was sie bewusst nicht mitgenommen hat, war die Jakobsmuschel. «Ich fühlte mich mit meinem Vorhaben wie eine Touristin. Erst unterwegs wurde ich zur Pilgerin», sagt sie und erzählt, wie sie sich schliesslich in Pamplona in Spanien eine Muschel gekauft und an ihrem Rucksack befestigt hat.
Von der Fernwanderin zur Pilgerin
Dieser innere Wandel fasziniert auch Brigitte Hungerbühler. Während sie in der Pilgerherberge die Päckli packt, erzählt sie von ihrer ersten Pilgerreise durch Frankreich und Spanien Anfang der 1990er-Jahre. Von einem Freund hatte sie vom Jakobsweg erfahren. In der Buchhandlung habe sie schliesslich ein einziges Buch über den Jakobsweg gefunden. Noch dazu sei der Autor die Pilgerroute mit dem Auto abgefahren. Sie liess sich auf das Abenteuer ein. «Während der ganzen Strecke durch Frankreich bin ich damals vielleicht einer Handvoll anderer Pilger begegnet», sagt sie und fügt an: «Als Pilgerin bezeichnete ich mich etwa ab der dritten Woche. Davor fühlte ich mich als Fernwanderin.»
Das Grundvertrauen stärken
Mittlerweile sind je nach Jahr bis zu einer halben Million Pilgerinnen und Pilgern auf den Jakobsweg-Routen durch Spanien unterwegs. Doch was passiert im Innern des Einzelnen? Prisca Vesti sagt: «Meine Erkenntnis ist, dass das Tempo egal ist. Solange man weitergeht, kommt man an. Es nützt nichts, zu hetzen. Das bremst einen am Ende nur aus.» Brigitte Hungerbühler nennt das Grundvertrauen, auf das man sich zu verlassen lernt. «Unterwegs findest du immer das, was du brauchst. Vielleicht fand ich in den Anfangsjahren nicht immer eine Pilgerherberge. Es kam aber dafür vor, dass ein anderer Pilger unterwegs etwas für jene zurückgelassen hatte, die nachfolgten. Auch wenn es nur etwas Kleines zum Essen war.»