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Podium Einsamkeit

«Allein bin ich ein Mensch ohne Seele»

Wie kann ich verhin­dern, dass ich einsam werde? Ein Podi­um in Watt­wil zeig­te auf, warum immer mehr Menschen unter Einsam­keit leiden und welche Auswe­ge es gibt.

Mit sieb­zig Jahren ist man nicht zu alt, um eine neue Bezie­hung einzu­ge­hen», sagt Sonja Ruck­li, während die Kame­ra sie beim Chat­ten filmt. Sie ist eine von sieben Menschen, die sich im Film «Einsam­keit hat viele Gesich­ter» porträ­tie­ren lies­sen. Der Film bildet den Einstieg ins Podi­um im BBZ zum Thema Einsam­keit, das am 7. Septem­ber unter ande­rem vom Amt für Gesund­heits­fra­gen des Kantons St. Gallen, der Seel­sor­ge­ein­heit Neutog­gen­burg und der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de Mitt­le­res Toggen­burg orga­ni­siert wurde. Die Einsam­keit in unse­rer Gesell­schaft nimmt zu. Das nehmen alle Podi­ums­teil­neh­men­den wahr. Und: Gefüh­le der Isola­ti­on treten nicht erst im Alter auf. «Ich erle­be in meiner Tätig­keit auch viele junge Menschen, denen Einsam­keit zu schaf­fen macht», sagt Stefan Rüsch, Psycho­lo­ge. «Sich einsam zu fühlen, ist mit Scham verbun­den.» Doch sich einzu­ge­ste­hen, einsam zu sein, sei oft ein erster Schritt. «Leider ist für viele die Hürde gross, Hilfe anzu­neh­men», so Tanja Merten. Die Fach­ärz­tin rech­net damit, dass die Einsam­keit in den nächs­ten Jahren durch die Digi­ta­li­sie­rung weiter zuneh­men wird: Viele Berei­che verla­gern sich ins Digi­ta­le, auch Einkäu­fe werden immer mehr online erle­digt. So fallen Kontak­te wie die Begeg­nun­gen in den Geschäf­ten oder der Plausch mit der Kassie­re­rin weg.

Rainer Pabst (mitte) moti­vier­te die Anwe­sen­den, mehr aufein­an­der zuzugehen.

Kontak­te zu Jüngeren

Agnes Heiniger-Gmür von Pro Senec­tu­te Wil & Toggen­burg weist darauf hin, dass unter Hoch­alt­ri­gen Einsam­keit beson­ders verbrei­tet sei. «Die Kraft, neue Kontak­te aufzu­bau­en lässt mit dem Alter nach. Man tut sich immer schwe­rer, Kontak­te zu pfle­gen oder aufzu­bau­en.» Ein Mittel gegen Einsam­keit können Hobbys sein: «Für viele ist es eine Hilfe, sich in einem Hobby vertie­fen zu können: Malen, schrei­ben …», hält Karo­li­na Stani­szew­ski vom Amt für Gesund­heits­vor­sor­ge fest. «Hilf­reich ist auch, regel­mäs­sig zu tele­fo­nie­ren oder Brief­freund­schaf­ten aufzu­bau­en. Das kann ich auch noch, wenn ich mobil einge­schränkt bin.» Rainer Papst, refor­mier­ter Pfar­rer der Kirch­ge­mein­de Mitt­le­res Toggen­burg, erlebt, dass oft auch Ehren­äm­ter und die Kontak­te, die dadurch entste­hen, Funda­men­te bis ins hohe Alter bilden: «Wenn ich mich lange beim Mittags­tisch oder beim Kirchen­ca­fé enga­giert habe, dann kann ich auch später dort hinge­hen, ich kenne die Leute und fühle mich will­kom­men.» Der refor­mier­te Pfar­rer sieht eine Chan­ce im Genera­tio­nen­dia­log: «Wer die Möglich­keit hat, soll­te unbe­dingt auch Kontak­te zu jünge­ren Menschen aufbau­en.» Davon würden nicht nur die älte­ren, sondern auch die jünge­ren profi­tie­ren: «Älte­re Menschen haben so viel Lebens­er­fah­rung, es ist ein Gewinn für alle, wenn sie sich einbringen.»

Aufein­an­der zugehen

Bei eini­gen im Film Porträ­tier­ten tauch­te die Einsam­keit nach der Pensio­nie­rung auf – meist nicht direkt, aber ein paar Jahre später: «Wer im Berufs­le­ben steht, hat viele Kontak­te und da trai­niert man auto­ma­tisch den Austausch mit ande­ren Menschen», so Karo­li­na Stani­szew­ski, «wenn die Kontak­te wegfal­len, dann fehlt auch das Trai­ning und man verliert immer mehr die Routi­ne, mit ande­ren zu inter­agie­ren.» Auf eines wollen alle Podi­ums­teil­neh­men­den hinwei­sen: Es muss sich etwas in der Gesell­schaft tun. Doch das ist gar nicht so einfach, Einsam­keit sei ein stil­les Leiden. «Auf der Stras­se sieht man es nieman­dem an, dass er einsam ist», so Agnes Heiniger-Gmür. «Viele älte­re Menschen haben das Bedürf­nis, sich mitzu­tei­len. Deshalb ist es sicher nicht verkehrt, Fragen in diese Rich­tung zu stel­len.» Das Votum von Rainer Papst geht in eine ähnli­che Rich­tung: «Wir müssen alle Bezie­hungs­fä­hig­keit einüben. Die ganze Gesell­schaft muss akti­ver auf ande­re zuge­hen. Das ist kein Selbstläufer.»

Text und Bild: Stephan Sigg

Veröf­fent­licht: 03. Okto­ber 2022

Film über Einsamkeit

Im 34-minütigen Doku­men­tar­film «Einsam­keit hat viele Gesich­ter» erzäh­len sieben Perso­nen aus der Deutsch­schweiz über ihre Erfah­rung mit Einsam­keit: Was macht ihnen zu schaf­fen und was wünschen sie sich? «Allein bin ich ein Mensch ohne Seele», bringt Moham­med Malla seine Gefüh­le auf den Punkt. Gleich­zei­tig wird im Film auch sicht­bar, wie sie versu­chen, sich aus ihrer Isola­ti­on zu befrei­en. Der Film kann online ange­schaut werden.

→ www.einsamkeit-gesichter.ch

Sr. Gloria spricht in Oberriet über ihre Entführung in Mali

Ordens­frau Gloria Ceci­lia Narvá­ez wurde in Mali von Dschi­ha­dis­ten ­entführt und vier Jahre und acht Mona­te gefan­gen gehal­ten. Im Fran­zis­kus­heim in Ober­riet, wo sie vor ihrer Missi­on zwei Jahre gelebt hatte, sprach sie mit dem Pfar­rei­fo­rum über den Terror in der Sahara.

Sr. Gloria erzählt beim Tref­fen im Franz­i­kus­heim in Ober­riet von ihren trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen in der Gefangenschaft.

Sr. Gloria, vor knapp einem Jahr wurden Sie befreit. Wie geht es Ihnen heute?

Sr. Gloria: Ich habe mich nach der Befrei­ung in meiner Heimat in Kolum­bi­en erholt. Ich bin Gott und allen, die für mich gebe­tet haben, unend­lich dank­bar, dass ich diese Zeit seelisch und körper­lich über­lebt habe. Ich bin auch dank­bar für ­diese Erfah­rung und möch­te mit meiner Geschich­te ande­re Menschen in Not ermutigen.

Wie muss man sich diese ­Gefan­gen­schaft vorstellen?

Sr. Gloria: Wir waren vier Frau­en, die von etwa 30 Terro­ris­ten in der Wüste Saha­ra gefan­gen gehal­ten wurden. Sie woll­ten uns mit Gewalt vom Chris­ten­tum zum Islam bekeh­ren. Zwei Chris­tin­nen (eine Fran­zö­sin, die für UNICEF arbei­te­te und eine Kana­die­rin) konver­tier­ten und wurden anschlies­send besser behan­delt. Die Schwei­ze­rin und ich haben immer gesagt, dass wir Chris­ten seien und blei­ben werden. Während der Gefan­gen­schaft muss­te ich die 75-jährige Fran­zö­sin betreu­en. Morgens habe ich jeweils gebe­tet und Tee gekocht. Ich bekam ein biss­chen Mehl, damit ich für uns einen Teig zube­rei­ten konn­te. Mittags gab es ein wenig Reis oder Pasta, danach nichts mehr. Wir beka­men täglich einen klei­nen Behäl­ter mit Wasser zum Trin­ken und Kochen. Wenn ein biss­chen übrig blieb, konn­ten wir uns damit waschen. Wir haben immer in der frei­en Natur über­nach­tet. Umge­ben von Schlan­gen, Spin­nen und ande­ren Wild­tie­ren. Ich war jeden Morgen dank­bar, dass ich noch lebte. Die Kana­die­rin und die Fran­zö­sin wurde nach drei Jahren frei­ge­las­sen, muss­ten sich aller­dings verpflich­ten, in Mali einen Mann zu heira­ten und wohn­haft zu blei­ben. Die Schwei­ze­rin wurde umgebracht.

Wie ist man mit Ihnen ­umge­gan­gen? Gab es auch mensch­li­che ­Momen­te mit den Geiselnehmern?

Sr. Gloria: Weil wir nicht zum Islam konver­tier­ten, haben sie uns geschla­gen, gede­mü­tigt und gefol­tert. Die Terro­ris­ten haben sich auch mit Drogen voll­ge­pumpt und wurden sehr aggres­siv. Waffen waren allge­gen­wär­tig. Ich habe fünf Mal versucht zu flie­hen, doch es gab keinen Ausweg aus der Wüste. Nach den Flucht­ver­su­chen wurde ich mona­te­lang an den Füssen ange­ket­tet. Einmal hat mich einer gefes­selt und mir eine Waffe an den Kopf gehal­ten. In diesem Moment kam ein ande­rer Terro­rist, der viel grös­ser war und sagte zu ihm: «Warum willst du sie umbrin­gen, sie hat dir ja gar nichts ange­tan?» Darauf­hin hat er mich gehen lassen. Es gab auch ande­re, klei­ne Zeichen von Mitge­fühl. Manch­mal warf mir einer nachts ein Stück Brot oder ein biss­chen Milch in einer Plas­tik­tü­te zu.

Konn­ten Sie einschät­zen, ob und wann Sie befreit werden? 

Sr. Gloria: Nein, ich hatte keine Ahnung was mir geschah. Ich hatte nie Kontakt zur Aussen­welt. Die ganze Situa­ti­on war sehr ange­spannt und von Gewalt geprägt, immer wieder kreis­ten Heli­ko­pter und Droh­nen über uns. Die Terro­ris­ten wurden verfolgt und hatten auch Angst. Wir muss­ten mehre­re Male flüch­ten und umzie­hen. Es gab auch Schies­se­rei­en und wir muss­ten uns in Sand­grä­ben verste­cken. Am Tag der Befrei­ung kam ein hoher Mili­tär von Mali vorbei und sagte, ich solle in sein Auto stei­gen. Anfangs habe ich mich gewehrt, weil ich ihm nicht trau­en konn­te. Ich bin dann doch mitge­fah­ren und er hat mich tatsäch­lich befreit. Er brach­te mich zum Präsi­den­ten von Mali und dieser schenk­te mir zur Begrüs­sung ein gelbes Kleid. Bis zu diesem Tag hatte ich immer densel­ben brau­nen Habit getra­gen, dessen Stoff sich nach so gerau­mer Zeit wie Leder anfühl­te. Dass hinter dieser Befrei­ungs­ak­ti­on unzäh­li­ge Verhand­lun­gen mit verschie­de­nen Regie­run­gen (insbe­son­de­re Mali) und dem Vati­kan steck­ten, erfuhr ich später.

Sr. Gloria (hier im Garten des Fran­zis­kus­hei­mes in Ober­riet) wurde in Mali von Dschi­ha­dis­ten entführt und vier Jahre und acht Mona­te gefan­gen gehalten.

Wie haben Sie dieser ­seeli­schen und körper­li­chen Belas­tung Stand gehal­ten? Was hat Ihnen geholfen?

Sr. Gloria: Ich habe sehr viel gebe­tet und konn­te durch den Glau­ben immer wieder neue Kraft und Hoff­nung schöp­fen. Ich hatte vier wich­ti­ge Glücks­brin­ger dabei: Einen Rosen­kranz, zwei Hals­ket­ten, eine mit einem Medail­lon und eine mit einem Tau-Anhänger sowie der Finger­ring vom Franziskanerinnen-Orden. Sie haben mich beschützt und wenn ich nachts beson­ders viel Angst hatte, umklam­mer­te ich das hölzer­ne Tau-Zeichen mit meiner Hand. Ich habe auch immer die Terro­ris­ten in mein Gebet einge­schlos­sen. Tags­über haben wir versucht, uns mit einfa­chen Spie­len abzu­len­ken. In beson­ders schwie­ri­gen Situa­tio­nen habe ich immer zu mir gesagt: «Ich bin in den Händen von Gott und er hilft mir.» Ich habe einfach nie verstan­den, warum sie uns unschul­di­ge Frau­en, die nur Gutes tun woll­ten, so tyran­ni­siert haben. Wir hatten perma­nent Angst, umge­bracht zu werden, nur unse­rer Reli­gi­on wegen.

Viele haben für Sie gebe­tet, insbe­son­de­re die Fran­zis­ka­ner­schwes­tern von Ober­riet. ­Haben Sie diese ­Unter­stüt­zung gespürt?

Sr. Gloria: Ich glau­be, dass diese Gebe­te von den Schwes­tern und ande­ren Menschen aus der ganzen Welt eine Wirkung zeig­ten. Irgend­wo­her hatte ich diese unglaub­li­che, inne­re Kraft, um das Ganze durch­zu­ste­hen. Es gab so viele lebens­be­droh­li­che Situa­tio­nen, die ich ohne diese mora­li­sche Unter­stüt­zung und ohne meinen Glau­ben nicht über­lebt hätte. Dank meiner Hoff­nung und Zuver­sicht konn­te ich auch die ande­ren Geiseln trös­ten und ermutigen. 

Wie gehen Sie mit diesen ­trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen um? Kann man das mit der Zeit ­irgend­wie verarbeiten?

Sr. Gloria: Nach meiner Rück­kehr in Kolum­bi­en habe ich mich die ersten drei Mona­te schwei­gend zurück­ge­zo­gen. Ich habe alles aufge­schrie­ben und viel gebe­tet, um mich selbst zu heilen. Später haben mir die Begeg­nun­gen mit ande­ren Schwes­tern sehr gehol­fen. Ich habe auch mit vielen Menschen gespro­chen, die Hunger leiden oder in Kriegs­ge­bie­ten um ihr Leben kämp­fen. Mit meiner Erfah­rung konn­te ich sie trös­ten und ermu­ti­gen. Ich kann ihnen nach­füh­len und durch den Glau­ben neue Hoff­nung schenken. 

Sr. Gloria möch­te wieder in die Missi­on gehen und Menschen in Not helfen.

Wie geht es den Frau­en und Kindern heute in Mali? Und wie geht es mit den ­Projek­ten vor Ort weiter?

Sr. Gloria: Das ist das Schöns­te an dieser Geschich­te: Die Projek­te laufen weiter. Die Frau­en in Mali haben das weiter­ent­wi­ckelt, was wir aufge­baut haben. Sie haben Koope­ra­tio­nen gegrün­det, haben dank Mikro-Krediten eige­ne Geschäf­te gegrün­det und sind mitt­ler­wei­le finan­zi­ell eigen­stän­dig. Die ande­ren Fran­zis­ka­ner­schwes­tern sind zwar nach der Entfüh­rung aus dem Schwes­tern­haus ausge­zo­gen, leben aber immer noch in der Nähe und besu­chen die Frau­en regel­mäs­sig vor Ort. Ich selbst möch­te auch wieder auf Missi­on gehen. Es gibt so viele Menschen in so vielen Ländern, die drin­gend unse­re Hilfe benötigen.

Missi­ons­fran­ziskane­rin­nen in Oberriet

Sr. Gloria, gebo­ren 1962 in Kolum­bi­en, war sieben Jahre in Benin und sieben Jahre in Mali als Missi­ons­fran­zis­ka­ne­rin zur Unter­stüt­zung von Frau­en und Fami­li­en im Einsatz. ­Zusam­men mit ande­ren Fran­zis­ka­ner­schwes­tern hat sie in Mali ein Waisen­haus und ein ­Gesund­heits­zen­trum gegrün­det, Schu­len und Arbeits­plät­ze für Frau­en aufge­baut. Diese ­Projek­te wurden finan­zi­ell von der Missi­ons­pro­ku­ra unter­stützt. Mali ist ein musli­misch ­gepräg­tes Land, wobei die Fran­zis­ka­ner­schwes­tern laut eige­nen Anga­ben nie versucht ­haben, Musli­me zu bekeh­ren. Sr. Gloria war die trei­ben­de Kraft vor Ort, bis im Febru­ar 2017 Dschi­ha­dis­ten im Schwes­tern­haus eindran­gen und sie entführ­ten. Trotz inten­si­ver ­Suche auf höchs­ten Regie­rungs­ebe­nen blieb Sr. Gloria verschol­len. Am 9. Okto­ber 2021 konn­te sie ­befreit werden.

Inter­view: Katja Hongler

Fotos: Ana Kontoulis

Veröf­fent­licht: 26. Septem­ber 2022

Reisebüro Linth

Mit dem Schiff in die USA

Warum migrie­ren Menschen? Das «Reise­bü­ro Linth» nimmt die Besu­chen­den mit auf eine emotio­na­le Reise. Die Ausstel­lung regt mit über­ra­schen­den ­Inter­ak­tio­nen und Insze­nie­run­gen an, die Perspek­ti­ve von Migran­tin­nen und Migran­ten einzunehmen.

In den Ausstel­lungs­räu­men des Reise­bü­ros Linth dreht sich alles um die Suche nach Glück, Heimat­ge­fühl, Flucht, Aben­teu­er, Fern­weh und frem­de Kulturen.

«Auswan­de­rung und Einwan­de­rung sind allge­gen­wär­tig. Wir wollen aufzei­gen, was sich im Kopf der Menschen abspielt, wenn sie sich entschei­den, die Heimat für immer zu verlas­sen», sagt Peter Brun­ner (54), Leiter des Reise­bü­ros Linth und Präsi­dent der Kultur­kom­mis­si­on Kalt­brunn. «Was sind ihre Gedan­ken? Wie stark muss der Wunsch oder die Not sein, um in die Ferne aufzu­bre­chen und das Vertrau­te hinter sich zu lassen?» In den Ausstel­lungs­räu­men dreht sich alles um die Suche nach Glück, Heimat­ge­füh­le, Flucht, Aben­teu­er, Fern­weh und frem­de Kultu­ren. «Wir beschrän­ken uns nicht auf einen histo­ri­schen Rück­blick, sondern bear­bei­ten auch aktu­el­le Gesche­hen und möch­ten die Diver­si­tät sowie einen respekt­vol­len Umgang mit frem­den Kultu­ren fördern.»

Nach­den­ken und Nachfühlen

Im 19. Jahr­hun­dert gab es im Linth­ge­biet drei gros­se Auswan­de­rungs­wel­len. Damals sind unzäh­li­ge Menschen aufge­bro­chen in der Hoff­nung auf ein besse­res Leben. Viele von ihnen sind unter menschen­un­wür­di­gen Verhält­nis­sen nach Ameri­ka gereist. Die meis­ten mit dem Schiff – je nach sozia­lem Status in unter­schied­li­chen Klas­sen: Reisen­de der drit­ten Klas­se wurden in schä­bi­gen Schiffs­ka­bi­nen einge­pfercht. Dieses bedroh­li­che Gefühl wird den Besu­chen­den im authen­tisch insze­nier­ten Schiffs­raum vermit­telt. Dabei wird die räum­li­che Wahr­neh­mung mit Geräu­schen eines stür­mi­schen Meers verstärkt. Brun­ner betont: «Es ist uns wich­tig, dass unse­re Gäste nicht nur konsu­mie­ren, sondern sich auch über­le­gen, was die Menschen in diesen Situa­tio­nen gefühlt haben.» Reisen­de der ersten und zwei­ten Klas­se genos­sen nicht nur an Bord beson­de­ren Service. Sie wurden auch von den Einwan­de­rungs­be­hör­den in New York bevor­zugt behan­delt, während die Passa­gie­re der drit­ten Klas­se mit Booten nach Ellis Island verfrach­tet wurden. Von dort wurden sie – teil­wei­se aus dubio­sen Grün­den – entwe­der direkt ins Heimat­land zurück­ge­schickt oder ihnen stand ein schwie­ri­ger Start in einem frem­den Land bevor. Letzt­lich war es reine Glücks­sa­che, wie und ob man als Einwan­de­rin oder Einwan­de­rer in einem frem­den Land aufge­nom­men wurde. Dieser Moment der Entschei­dung wird in der Ausstel­lung mit einem Glücks­rad symbolisiert.

Reisebüro Linth
Die Einwan­de­rungs­be­hör­den in New York behan­del­ten nicht alle Einwander*innen gleich.

Sonder­aus­stel­lung Flucht

Das Reise­bü­ro Linth wurde im Okto­ber 2021 eröff­net. «Vorher haben wir in diesem Haus ein klas­si­sches Feld-Wald-Wiesen-Museum mit wech­seln­den Ausstel­lun­gen betrie­ben.» Das neue Konzept und der neue Name fokus­sie­ren auf das Mono-Thema Migra­ti­on. Nebst der Dauer­aus­stel­lung gibt es im Dach­ge­schoss eine Sonder­aus­stel­lung mit Werk­ko­pien des Kalt­brun­ner Auswan­de­rers Ferdi­nand Arnold Brader. Der talen­tier­te Zeich­ner verliess 1870 seine Heimat in Rich­tung Ameri­ka. Während er in der Schweiz unbe­kannt blieb, entwi­ckel­ten sich seine Werke auf dem ameri­ka­ni­schen Kunst­markt zur gros­sen Attrak­ti­on. «Diese Ausstel­lung war dank des Kontak­tes zur Präsi­den­tin der Schwei­zer Auswan­de­rer in Ameri­ka möglich», bemerkt Brun­ner. Für die Sonder­aus­stel­lung «Flucht», die aufgrund des aktu­el­len Ukraine-Konfliktes in kürzes­ter Zeit reali­siert wurde, war sein Netz­werk eben­falls von gros­sem Nutzen. «Auch dank Leih-Exponaten aus dem Lager des Histo­ri­schen und Völker­kun­de­mu­se­ums St. Gallen konn­ten wir das Projekt so rasch umset­zen», ergänzt er. Brun­ner, der zeit­le­bens in Kalt­brunn wohnt und arbei­tet, amtet im Auftrag der Poli­ti­schen Gemein­de als Leiter des Reise­bü­ros. Doch sein fünf­köp­fi­ges Team und er leis­ten gröss­ten­teils Fron­ar­beit. Die nächs­te Sonder­aus­stel­lung ist schon geplant: «Immi­gra­ti­on der Italie­ne­rin­nen und Italie­ner in die Schweiz.» 

→ www.reisebuero-linth.ch

Peter Brun­ner, Leiter Reise­bü­ro Linth
Reisebüro Linth
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Text: Katja Hongler

Fotos: Ana Kontoulis

Veröf­fent­licht: 25.09.2022

Leserfrage: Wieso gibt es auf ­Kirchtürmen Hahn oder Kreuz?

«Warum hat es auf den refor­mier­ten Kirchen einen Güggel und auf katho­li­schen das Kreuz?» Dafür gibt es doch Gründe?

Viel­leicht auch noch ande­re Grün­de als die Geschich­te von Petrus, der Jesus drei­mal verleug­net und sich dann total über sich selbst ärgert, als der Hahn kräht, genau wie Jesus es ihm voraus­ge­sagt hatte. Ausge­rech­net er, Simon, der von Jesus den Über-Namen Petrus bekom­men hat: Der Fels! Er war stets bereit, von einem Extrem ins ande­re zu fallen, der wankel­mü­tigs­te von allen Apos­teln, mit flat­ter­haf­tem Charak­ter. Ausge­rech­net den Petrus mit dieser «Hahn-Geschichte» macht Jesus zum Chef! «Wenn ein Chef in einem Unter­neh­men eine solche Perso­nal­ent­schei­dung tref­fen würde, dann würden seine Mitar­bei­ten­den zumin­dest hinter vorge­hal­te­ner Hand flüs­tern: Das ist doch ein Witz! Und Jesus kann sich einen solchen Witz erlau­ben. Er hat in einem tiefe­ren Sinn Humor, als er uns meist zur Verfü­gung steht. Jeden­falls macht er damit deut­lich, dass er nicht auf (unse­re) mensch­li­chen Vorga­ben ange­wie­sen ist», schreibt Pater Albert Keller. Das wären ja schon zwei Grün­de für den Güggel auf dem Kirch­turm: Ich darf mitma­chen trotz meiner Fehler und Schwä­chen. Und Gott hat Humor.

Vorsicht in ande­ren Gegenden

Ein Zeichen von Humor ist ja auch dies: Der Hahn zeigt mir, dies ist eine refor­mier­te Kirche, eine katho­li­sche hätte ein Kreuz auf dem Turm! Aber Vorsicht! In vielen Gegen­den – im katho­li­schen Bayern wie im evan­ge­li­schen Nord­deutsch­land – ist es genau umge­kehrt! Viel­leicht hat dies der liebe Gott mit seinem Humor so einge­rich­tet, um uns auch zu zeigen: Die Kirchen, auch wenn sie verschie­den sind, sind mir lieb und sind mir wert­voll. Hahn und Kreuz sind austausch­bar! Der Güggel auf dem Kirch­turm will mich erin­nern: Wir Menschen brau­chen immer wieder Verge­bung und Verzei­hung, wie Petrus. Und: Rette dich nicht mit Lügen wie Petrus! Der hat nämlich aus lauter Angst gelo­gen und gesagt: «Ich habe nichts mit Jesus zu tun.» Ausser­dem: Sei ganz wach­sam! Lass dich nicht von Jesus wegzie­hen. Und wenn dir das doch mal passiert ist, geh immer wieder zurück zu ihm.

Güggel als Wetterfahne

Manch­mal funk­tio­niert der Güggel oben auch als Wetter­fah­ne, beson­ders am Meer. Dann sagt uns der Hahn: als Chris­ten sollen wir eben nicht immer unse­re Jacke nach dem Wind hängen. Sondern uns nach Jesus ausrich­ten. Sowohl Kreuz wie Güggel können auch Blitz­ab­lei­ter sein. Das kann mir sagen: Chris­tus ist ein Blitz­ab­lei­ter für mich dann, wenn meine Ängs­te oder Zorn und Wut mich beherr­schen wollen. Die Rock­band Jethro Tull hat ein Lied gesun­gen vom Wetter­hahn auf dem Kirch­turm: «Guten Morgen Wetter­hahn! Zeig uns die Rich­tung! Verbin­de du uns mit den guten Winden!» Auch darum steht der Güggel auf dem Kirch­turm: Wie das Kreuz ist auch der Hahn ein Segens­zei­chen: ein Symbol für Jesus selbst. Durch sein Krähen kündigt der Hahn als Erster das Morgen­rot an. Und Chris­tus ist das neue Licht in deinem Tag und in meinem Tag.

Rein­hard Paulzen

Leser­fra­gen an info@pfarreiforum.ch

Text: Rein­hard Paul­zen, Pfar­rei­be­auf­trag­ter Heerbrugg

Veröf­fent­li­chung: 6. Septem­ber 2022

Auf Reisen in die Fantasie

Die Spital­clow­nin Liz Monte­leo­ne aus Leng­gen­wil erzählt, wie Humor in schwe­ren Situa­tio­nen funktioniert.

«Ich konzen­trie­re mich als Dr. Floh oder Sissi Lebens­freu­de immer auf das, was gesund ist», sagt Liz Monte­leo­ne. Seit 21 Jahren arbei­tet die Leng­gen­wi­le­rin als Spital­clow­nin. Im Kittel, mit klei­ner roter Nase, blau­en Augen­brau­en und bunten Klei­dern besucht sie als Traum­dok­to­rin der Stif­tung Theo­do­ra junge Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten in Kinder­spi­tä­lern wie etwa jenes in St. Gallen. Als Sissi Lebens­freu­de ist sie zudem für die Stif­tung Lebens­freu­de in Alters- und Pfle­ge­hei­men unter­wegs. Und frei­schaf­fend tritt sie als Clow­nin Peppi­na Polen­ta auf. Gebucht wird sie für Geburts­ta­ge und Hoch­zei­ten oder auch wie jüngst für die Segens­fei­er in der Kathe­dra­le St. Gallen für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.

Fein­ge­fühl und Spontanität

Sich aufs Gesun­de zu konzen­trie­ren, das heis­se beispiels­wei­se, ein Blumen­bild auf dem Roll­stuhl einer betag­ten Person als Anlass zu einer Reise zu nehmen. «Ich sage dann: ‹Sehen Sie schön aus. Geht es in den Ausgang?›», erzählt Liz Monte­leo­ne. «Wenn die Person antwor­tet, das könne sie doch nicht mehr, antwor­te ich wieder­um, dass Fanta­sier­ei­sen doch immer gingen. Schon geht es los.» Kinder hätten oft ein Stoff­tier dabei, über welches sich dann eben­falls eine Geschich­te aufbau­en lasse. Auch wenn sich Liz Monte­leo­ne über den Hinter­grund und die Diagno­sen der betrof­fe­nen Kinder und Erwach­se­nen infor­miert, braucht es während der Besu­che Fein­ge­fühl und vor allem Spon­ta­ni­tät. «Ich muss den Moment spüren und die rich­ti­gen Worte finden. Das können Floh, Sissi und auch Peppi­na viel besser als ich als Privat­per­son», sagt die 59-Jährige und fügt an: «Aber da Floh, Sissi und Peppi­na eben­falls nicht der Norm entspre­chen, ist es für sie einfa­cher, damit umzu­ge­hen.» Oft sei es auch allei­ne schon die Aufma­chung, die Türen und Tore zum Herzen des Gegen­übers öffne.

Strah­len­de Kinderaugen

Freu­de, Ablen­kung und Zeit: Das möch­te Liz Monte­leo­ne mit ihren Besu­chen schen­ken. Wie viel Kraft die Betrof­fe­nen daraus schöp­fen, erfährt sie aus Rück­mel­dun­gen. Und auch die strah­len­den Kinder­au­gen würden ihr zeigen, wie wich­tig die unbe­schwer­ten Momen­te seien. Diese Momen­te sind es, die Liz Monte­leo­ne selbst Kraft geben. Hinzu komme die gute Zusam­men­ar­beit mit Arbeits­kol­le­gin­nen und ‑kolle­gen, dem Perso­nal im Spital und den Heimen und das Wissen, dass im Hinter­grund die beiden Stif­tun­gen und zahl­rei­che Spen­de­rin­nen und Spen­der stehen. Eine ihrer stärks­ten Erin­ne­run­gen ist die Begeg­nung mit einem krebs­kran­ken Buben während ihrer Berufs­ein­füh­rung. Liz Monte­leo­ne war mit Dr. Stanis­laus, einem als Spital­clown erfah­re­nen Kolle­gen, auf der Onko­lo­gie unter­wegs. Da kam der Bub auf die beiden zuge­rannt und schnapp­te sich die Wasser­pis­to­le des Kolle­gen. Die beiden jagten sich den Flur hoch und runter und immer mehr Perso­nen feuer­ten sie an. «Dieser Moment war magisch. Da war beim ersten Anblick so erschre­ckend viel Krank­heit, doch dann hatte das Gesun­de für ein paar Minu­ten die komplet­te Überhand.»

Ein uner­reich­ba­rer Berufswunsch

Nebst diesen Erin­ne­run­gen an unbe­schwer­te Momen­te findet Liz Monte­leo­ne auch Ausgleich in der Natur, während Spazier­gän­gen oder des Gärt­nerns sowie bei ihrer Fami­lie und Freun­den. Sie ist Mutter zwei­er erwach­se­ner Kinder und fünf­fa­che Gross­mutter. Für den Beruf der Spital­clow­nin hatte sie sich entschie­den, nach­dem sie einen Fern­seh­bei­trag zu dem Thema gese­hen hatte. «Mein Wunsch kam mir uner­reich­bar vor und ich behielt ihn zwei Jahre für mich. Dann konn­te ich aber nicht mehr anders als mich auf diesen Weg zu bege­ben», sagt sie. So habe sie die Clown­kur­se bei David Gilmo­re und die Thea­ter­kur­se bei Oliver Kühn besucht. Danach konn­te sie bei der Stif­tung Theo­do­ra die Ausbil­dung zum Traum­dok­tor machen. «Dieser Beruf und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Und die ist bis heute gewachsen.»

Text und Bilder: Nina Rudnicki

Veröf­fent­li­chung: 1. Septem­ber 2022

Wie und wie besser nicht?

Es gibt Momen­te, da fehlen schlicht die rich­ti­gen Worte. Wir fühlen uns gehemmt, ­über­for­dert oder unwohl, wenn wir einem Menschen begeg­nen, der etwas Tragi­sches erlebt hat oder gera­de in einer schwie­ri­gen Lebens­pha­se steckt. Wie reagieren?

DO

Mitge­fühl zum Ausdruck brin­gen: «Es tut mir leid, dass …»

An eige­ne Erfah­run­gen denken: Was würde uns selbst in einer ­solchen Situa­ti­on guttun? ­Viel­leicht waren wir schon in ­einer ähnli­chen Situa­ti­on und ­erin­nern uns an ­Reak­tio­nen von ande­ren Menschen, die uns ­aufge­mun­tert haben.

Zuver­sicht verbrei­ten: «Ich hoffe, dass es bald besser wird.»

Hilfe anbie­ten: «Was kann ich für dich/euch tun?»

In Kontakt blei­ben: Kurze ­Nach­rich­ten schi­cken, via Handy oder per Post.

Gren­zen akzep­tie­ren: Wer nicht ­antwor­tet oder nicht weiter­sprechen mag, soll­te Verständ­nis ­erwar­ten dürfen.

Trau­ern­den Zeit lassen. Auch wenn der Alltag uns rasch ­einholt, Trau­er braucht Zeit.

Auf profes­sio­nel­le Hilfs­an­ge­bo­te ­hinwei­sen, wenn jemand ­über­for­dert wirkt.

Eine selbst­ge­schrie­be­ne Karte ist noch eine Stufe persön­li­cher: Mit dem Sujet und der ­Hand­schrift ­können noch mehr Herz­lich­keit ­ausge­drückt werden. 

Beim Karten­text persön­li­che ­Gedan­ken einbrin­gen, ­gemein­sa­me Erleb­nis­se erwäh­nen, auf Stär­ken und beson­de­re Eigen­schaf­ten hinweisen.

Der Inhalt ist viel­leicht weni­ger ­entschei­dend als die Reak­ti­on an und für sich. In einer distan­zier­ten Bezie­hung soll­ten die Worte ­entspre­chend gewählt werden. Oft genügt ein kurzer Text im ­Sinne von «Es tut uns sehr leid zu hören, dass …» oder «Wir ­wünschen viel Kraft». 

Es gibt auch unzäh­li­ge Zita­te die helfen, Gefüh­le zu umschrei­ben und Zuver­sicht zu wecken. Als ­Inspi­ra­ti­on kann man auch auf ­Text­vor­la­gen aus dem Inter­net ­zugrei­fen und diese anpassen. 

Ein passen­des Foto, etwas ­Symbo­li­sches wie ein Glücks­bringer, eine schö­ne Muschel oder Feder beilegen. 

Wer sich mit Schrei­ben schwer­tut, kann sein Mitge­fühl auch mit ­einem Zeichen oder einer guten Tat ausdrücken. 

Je enger die Bezie­hung zu einer ­Person ist, desto besser können wir spüren, was im Moment ­hilf­reich sein könn­te: Ein Besuch? Ein Anruf? Ein Gebet? Ein Blumen­gruss vor der Haus­tü­re? Etwas Süsses zur Aufmun­te­rung? Eine Kinder­zeich­nung? ­Zusam­men ausge­hen? ­Gemein­sam Musik hören? Für ­jeman­den eine Kerze anzünden? 

Ange­mes­se­ne Distanz bewah­ren: Bei nicht nahe­ste­hen­den Menschen ­Mitge­fühl zeigen, ohne aufdring­lich zu wirken.

Realis­tisch blei­ben: Wir können ­Sorgen, Schmer­zen und ­Verlus­te von ande­ren Menschen nicht ­einfach wegbla­sen. Manch­mal ist ­profes­sio­nel­le Hilfe unabdingbar.

Zurück­hal­tend sein beim Einsatz von Emojis. Emojis können schnell fehl­in­ter­pre­tiert werden

Ange­mes­se­ne Distanz bewah­ren: Bei nicht nahe­ste­hen­den Menschen ­Mitge­fühl zeigen, ohne aufdring­lich zu wirken.

Auf Verletz­lich­keit achten: ­Menschen in einer labi­len Lebens­situation nicht noch ­zusätz­lich mit ­eige­nen ­Bedürf­nis­sen belasten.

Per Whats­App?

Auf Whats­App wird heute über alles kommu­ni­ziert, aber ist es auch der Kanal, wenn es um exis­ten­zi­el­le Themen geht? Entschei­dend ist wohl in erster Linie, wie nahe wir der betref­fen­den Person stehen. Ist es ein Fami­li­en­mit­glied, ein enger Freund oder eine enge Freun­din, kann eine lange Umar­mung oder ein fester Hände­druck ein erster guter Trost sein. Körper­li­che Nähe kann Halt und Gebor­gen­heit geben. Erfährt man etwas Trau­ri­ges aus dem erwei­ter­ten Umfeld, viel­leicht von einem Arbeits­kol­le­gen oder einer ‑kolle­gin, soll­te man mit ange­mes­se­nen Worten darauf reagie­ren. Dabei spielt es sicher­lich eine Rolle, wie und in welcher Form man die Nach­richt erhal­ten hat: Per Whats­App, via E‑Mail oder durch eine Dritt­per­son? Liegt eine schrift­li­che Nach­richt vor, soll­te man auf demsel­ben Kanal reagie­ren. Auch wenn es unper­sön­lich erschei­nen mag, haben elek­tro­ni­sche Meldun­gen auch Vortei­le: Die Betrof­fe­nen können die Nach­richt in Ruhe lesen, wenn es für sie der rich­ti­ge Zeit­punkt erscheint. Sie können selbst entschei­den, wie und ob sie antwor­ten möchten.

Text: Katja Hongler

Veröf­fent­licht: 29. August 2022

«Das Recht auf ­Selbstbestimmung ist fragil»

Wer sich für einen Schwan­gerschafts­ab­bruch entschei­det, hat Recht auf Unter­stüt­zung, ­Respekt und Zuwen­dung, sagt der Schwei­ze­ri­sche Katho­li­sche Frau­en­bund. Damit reagiert er auf Entwick­lun­gen rund um den Globus und eine umstrit­te­ne Aussa­ge von Papst Franziskus.

«Jede Frau, die sich trotz Notla­ge für die Mutter­schaft entschei­det, die ein unge­plan­tes Kind zur Welt bringt, aber auch jede Frau, die einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch vornimmt, hat Anspruch auf Unter­stüt­zung der Gesell­schaft, Respekt, Beglei­tung und Zuwen­dung. Dies ist eine Grund­for­de­rung christ­li­cher Nächs­ten­lie­be.» Mit diesen Worten reagiert der Schwei­ze­ri­sche Katho­li­sche Frau­en­bund (SKF) auf die Aussa­ge von Papst Fran­zis­kus im Juli, in der dieser Abtrei­bung mit Auftrags­mord verglich. «Wir müssen uns entschie­den gegen die Anspruchs­hal­tung stel­len, über den weib­li­chen Körper bestim­men zu können», begrün­det Sarah Pacia­rel­li, Medi­en­spre­che­rin des Schwei­ze­ri­schen Katho­li­schen Frau­en­bunds (SKF), die deut­li­chen Worte des Verban­des. «Das Recht auf Selbst­be­stim­mung haben sich die Frau­en in über hundert Jahren erkämpft. Dass dieses fragil ist, zeigen uns aber Entwick­lun­gen wie in den USA, wo nun das Recht auf Abtrei­bung ausser Kraft gesetzt wurde.»

Krimi­na­li­siert und stigmatisiert

In seiner Stel­lung­nah­me bezeich­ne­te der SKF die Aussa­ge des Paps­tes zudem als «scho­ckie­rend». «Scho­ckie­rend, weil die Not der Frau­en, die sich für eine Abtrei­bung entschei­den, verkannt wird. Keine Frau entschei­det sich leicht­fer­tig für diesen Schritt», sagt Sarah Pacia­rel­li. «Solche Aussa­gen führen einzig dazu, dass betrof­fe­ne Frau­en krimi­na­li­siert und stig­ma­ti­siert werden.»

Sarah Pacia­rel­li, Medi­en­spre­che­rin des Schwei­ze­ri­schen ­Katho­li­schen Frauenbunds.

Zwei Initia­ti­ven lanciert

Dass das Recht auf Selbst­be­stim­mung nicht selbst­ver­ständ­lich ist, zeigen nicht nur Entwick­lun­gen in den USA, sondern auch in Euro­pa und selbst in der Schweiz. In Polen dürfen ­Frau­en nur bei Todes­ge­fahr, nach einer Verge­wal­ti­gung oder Inzest einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch vorneh­men. Das polni­sche Abtrei­bungs­ge­setz gehört zu den strengs­ten in Euro­pa. In der Schweiz wurden aktu­ell mit «Lebens­fä­hi­ge Babys retten» und «Einmal darüber schla­fen» zwei Initia­ti­ven lanciert, die die Fris­ten­lö­sung in der Schweiz beschnei­den wollen. Die Fris­ten­lö­sung gilt in der Schweiz seit 2002 und über­lässt den Entscheid über eine Abtrei­bung bis zur 12. Schwan­ger­schafts­wo­che der Frau. Zur Diskus­si­on stand ausser­dem die Herzschlag-Initiative, die in der Schweiz ein Abtrei­bungs­ver­bot nach der sechs­ten Schwan­ger­schafts­wo­che vorsah. Aller­dings wurde dieses Vorha­ben vorerst zurückgezogen.

Soli­da­ri­täts­fond gegründet

Dass sich Frau­en meist nicht leicht­fer­tig für ­einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch entschei­den, zeigen auch die Zahlen des Bundes­am­tes für Statis­tik. In der Schweiz nehmen sechs von 1000 Frau­en einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch vor. Gemäss der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) gehört die Schweiz damit zu den Ländern mit den nied­rigs­ten Abtrei­bungs­ra­ten. Seit 2001 ist für den SKF daher klar, dass er den Entscheid der Frau über­las­sen möch­te. Noch vor Einfüh­rung der Fris­ten­lö­sung hielt er dies in seinem Posi­ti­ons­pa­pier fest. In den 1970er-Jahren grün­de­te der SKF auch den Soli­da­ri­täts­fond für Mutter und Kind. Dieser wurde laut Sarah Pacia­rel­li als Reak­ti­on darauf gegrün­det, dass damals die erste Abstim­mung für eine Fris­ten­re­ge­lung schei­ter­te. «So konn­ten Mütter, die in Not gera­ten waren, finan­zi­el­le Unter­stüt­zung bean­tra­gen», sagt sie. Den Fonds gibt es noch. In der Ostschweiz finden Frau­en in unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen zudem bei dem Bera­tungs­an­ge­bot «Mütter in Not» der SKF-Sektion St. Gallen-Appenzell eine Anlauf­stel­le. «Aus katho­li­scher Sicht setzen wir uns natür­lich und in erster Linie für den Schutz von unge­bo­re­nem Leben ein», sagt Sarah Pacia­rel­li. «Aber es gibt Situa­tio­nen, in denen sich Frau­en für eine Abtrei­bung entschei­den. Das gilt es zu respektieren.»

Text: Nina Rudnicki

Bilder: zVg. / pixabay.com

Veröf­fent­li­chung: 26. August 2022

«Hauptsache, man macht ums Thema keinen grossen Bogen»

Wieso fehlen uns ausge­rech­net dann die Worte, wenn sie wich­tig wären? Anne Heither-Kleynmans (44) aus Altstät­ten erzählt, wie sie als Spital­seel­sor­ge­rin­ge­lernt hat, Passen­des zu sagen und auch ­Pausen auszu­hal­ten. Denn zu einem gelin­gen­den Gespräch gehört mehr als Worte.

Anne Heither-Kleynmans, Sie sind Spital­seel­sor­ge­rin und leiten das Trau­er­ca­fé in Altstät­ten. Sie sind schwie­ri­ge Momen­te gewohnt. Wann fällt es Ihnen dennoch schwer, das Rich­ti­ge zu sagen?

Anne Heither-Kleynmans: Das ist für mich immer dann der Fall, wenn die Umstän­de beson­ders schwie­rig sind. Im Spital ist das etwa, wenn junge Mütter oder Väter im Ster­ben liegen oder ich Menschen begeg­ne, die viele schwe­re Schick­sals­schlä­ge erlit­ten haben. Ich habe einmal eine älte­re Frau getrof­fen, deren Mann und zwei erwach­se­ne Kinder inner­halb von fünf Jahren gestor­ben sind. Das macht einen sprachlos.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich im ersten ­Moment sprach­los fühlen?

Anne Heither-Kleynmans: Ich denke, das schlimms­te ist, wenn man dann einfach weiter redet und viel­leicht sogar zu viele Worte wählt. Mir ist es wich­tig, dass ich inne­hal­te und dann auch sage und benen­ne, dass ich auf bestimm­te Situa­tio­nen auch kaum etwas zu sagen weiss. Und ich fasse in Worte, was es in mir auslöst. Dann versu­che ich heraus­zu­fin­den, was mein Gegen­über gera­de beschäf­tigt. Um beim Beispiel mit der ster­ben­den jungen Mutter oder dem jungen Vater zu blei­ben: Manch­mal beschäf­ti­gen ganz alltäg­li­che Dinge wie der Geburts­tag des 4‑jährigen Sohnes: Wer orga­ni­siert das Fest während man selbst schwer­krank im Spital liegt? Ande­rer­seits sind da der Zwei­fel und das Hadern mit seinem Schick­sal. Ich versu­che daher bei jedem Gespräch zu verste­hen, in welcher Situa­ti­on sich jemand befindet.

Das heisst aber auch, einen ­fixen Ablauf für Gesprä­che in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen haben Sie nicht?

Anne Heither-Kleynmans: Nein, für mich gibt es über­haupt keinen festen Ablauf. Fix ist nur, dass ich mich am Anfang eines Gesprächs vorstel­le, falls ich jeman­den noch nicht kenne und am Schluss versu­che, einen runden Abschluss zu machen. Das ist manch­mal ein Segen, ein Gebet, eine Kran­ken­kom­mu­ni­on oder einfach Wünsche, die auf mein Gegen­über zutref­fen. Das sollen keine Flos­keln sein, sondern zusam­men­fas­sen, was aus meiner Sicht für jeman­den das Wich­tigs­te zu sein scheint. Das trifft sowohl auf Gesprä­che zu, die eine Vier­tel­stun­de dauern, wie auch für über Einstündige.

Klappt das bei kurzen und ­langen Gesprä­chen glei­cher­mas­sen gut?

Anne Heither-Kleynmans: Einen Abschluss mit den rich­ti­gen Worten zu finden, funk­tio­niert schon einfa­cher bei Gesprä­chen, die in die Tiefe gehen. Ich hatte einmal eine hoch­alt­ri­ge Pati­en­tin, die als Kind eine verstö­ren­de Gewalt­tat beob­ach­tet hatte. Sie hatte noch nie zuvor jeman­dem davon erzählt. In dem Moment, als sie mir davon erzähl­te, war sie sehr bewegt. Das lag ja 85 Jahre zurück. Wenn man über so etwas redet, braucht es viel Zeit und geht in die Tiefe. Da kommen viele Emotio­nen hoch.

Welche Worte soll man wählen, damit beim Gegen­über auch ankommt, was man wirk­lich gemeint hat? (Bild: pixabay.com)

Aber was sagen Sie denn, wenn Ihnen jemand von so ­einer schreck­li­chen Erin­ne­rung erzählt? Nahe­lie­gend wäre da doch «Was, wirk­lich?», «Ist das wahr?», «Im Ernst?» …

Anne Heither-Kleynmans: Naja, von so einer ­Erin­ne­rung zu erzäh­len, kommt ja nicht aus dem blau­en Himmel, sondern bahnt sich im Gespräch lang­sam an. ­Häufig merke ich auch, dass die ­Perso­nen mir noch etwas erzäh­len wollen, wenn ich zum ­Gesprächs­ab­schluss komme. So ein Gespräch ist ein gemein­sa­mes Durch­ar­bei­ten von verschie­de­nen Themen. Wenn ich da die falschen Worte wählen würde wie «Das lassen wir jetzt mal sein» könn­te so ein Gespräch schnell been­det sein.

Sie sind seit 16 Jahren ­Seel­sor­ge­rin, 12 davon ­Spital­seel­sor­ge­rin. Können Sie heute besser die passen­den Worte wählen als früher?

Anne Heither-Kleynmans: Ja, ich würde sagen, ich bin heute geüb­ter darin. Gesprächs­füh­rung ist ja auch Teil der Ausbil­dung zur Spital­seel­sor­ge­rin. Gelernt habe ich in all dieser Zeit auch, dass es nicht nur um Worte geht. Die Haltung beispiels­wei­se ist genau­so wich­tig: Bin ich zuge­wandt und verständ­nis­voll. Ausser­dem sind manch­mal Gesprächs­pau­sen wich­tig. Diese geben Raum, sich zu öffnen.

Im Spital haben Sie mit schwer­kran­ken Perso­nen zu tun, im Trau­er­ca­fé mit ­Ange­hö­ri­gen. Was ist für Sie schwieriger?

Anne Heither-Kleynmans: Da gibt es für mich keine pauscha­le Antwort. Jeder Mensch und jede Situa­ti­on sind unter­schied­lich. Im Gespräch mit ande­ren zu sein ist immer indi­vi­du­ell. Man kann Leid nicht abwie­gen. Ein Leid ist nicht schlim­mer als das ande­re. Es geht immer auch darum, nach Posi­ti­vem und Ressour­cen zu suchen.

Gera­de im Trau­er­ca­fé tref­fen so viele verschie­de­ne Perso­nen mit verschie­de­nen ­Geschich­ten und Erleb­tem ­aufein­an­der. Wie schafft man es da, eine ­gemein­sa­me ­Spra­che zu finden?

Anne Heither-Kleynmans: So unter­schied­lich das Erleb­te ist, so finde ich doch, dass Trau­ern­de unter­ein­an­der sich bestär­ken. Oft hilft es Perso­nen, die neu ins Trau­er­ca­fé kommen, zu hören was ande­ren in Krisen­si­tua­tio­nen gehol­fen hat. Das soll­te aber nicht als Auffor­de­rung oder Befehl formu­liert werden, also in der Art «Mach doch auch mal das und das …». Das versu­chen wir zu vermei­den. Denn was dem einen gehol­fen hat muss der ande­ren nicht auch helfen. Aber wenn jemand einfach von seiner eige­nen Erfah­rung erzählt, probiert die ande­re das viel­leicht auch einmal aus. Oft sind es auch die trös­ten­den und bestär­ken­den Worte von uns Leiten­den und den ande­ren Trau­ern­den, die die Betrof­fe­nen als hilf­reich empfin­den, gera­de da Trau­ern­de oft auch Worte hören, die sie sehr verletzen.

Was soll­te man denn eher nicht sagen?

Anne Heither-Kleynmans: Zum Beispiel «Das kommt schon wieder gut» oder «Zeit heilt alle Wunden». Das sind Flos­keln oder Sprü­che, die oftmals aus Hilf­lo­sig­keit gesagt werden.

Wieso fallen uns denn oftmals genau solche Flos­keln ein statt der passen­den Worte?

Anne Heither-Kleynmans: Ich denke, es ist Gewohn­heit. Das ist wie mit dem «Wie geht es dir?». Gera­de Trau­ern­de werden das stän­dig gefragt. Aber wenn sie anfan­gen zu erzäh­len, inter­es­siert es den ande­ren viel­fach bereits nicht mehr. Wir sagen solche Sätze oft einfach ohne uns bewusst zu sein, was in ihnen steckt. Wenn man beispiels­wei­se gera­de keine Zeit hat für ein Gespräch, wäre es ehrli­cher zu sagen: «Schön, dass ich dich sehe. Ich kann mir vorstel­len, dass es schwer ist im Moment für dich. Ich melde mich morgen bei dir.» Dann ist es aber auch wich­tig, das einzu­hal­ten und sich wirk­lich am nächs­ten Tag zu melden.

Haben Sie selbst schon einmal eine Reak­ti­on bekom­men, die Sie völlig unpas­send fanden?

Anne Heither-Kleynmans: Dass ich mich in alltäg­li­chen Situa­tio­nen miss­ver­stan­den fühle, kommt natür­lich immer wieder einmal vor. Da denke ich dann, mein Gegen­über hat jetzt gar nicht verstan­den, worum es mir geht. Gene­rell gilt es im Gespräch mit jeman­dem, acht­sam und aufmerk­sam zu sein und Flos­keln zu vermeiden.

Welche Worte sind beim ­Kondo­lie­ren passend? Und ist es zum Beispiel ange­mes­sen, jeman­dem über Whats­App zu kondolieren?

Anne Heither-Kleynmans: Ich denke, es muss immer für einen selbst stim­men. Ob man schrift­lich, münd­lich oder sogar per Whats­App kondo­liert, hängt auch davon ab, wie man selbst ist und auf welchem Weg beide Perso­nen sonst kommu­ni­zie­ren. Wie man kondo­lie­ren soll ist ein riesi­ges Thema und es gibt in der Bevöl­ke­rung eine Unsi­cher­heit, was da heute ange­mes­sen ist. Man kann beim Kondo­lie­ren sagen, was einem wich­tig ist wie «Ich denke an dich» oder «Ich wünsche dir Kraft». Auch beim Zeit­punkt des Kondo­lie­rens kann man sich auf sein Gefühl verlas­sen. Haupt­sa­che ist, man macht keinen gros­sen Bogen um die betrof­fe­nen Menschen oder denkt «Oh, jetzt ist es eh zu spät.» Seine Anteil­nah­me kann man auch Wochen später ausdrü­cken und sich daran erin­nern, was einen mit dem Verstor­be­nen verbun­den hat.

Text: Nina Rudnicki

Bild: zVg.

Veröf­fent­li­chung: 23.08.2022

Zum Thema:

«Ehrlich­keit und Acht­sam­keit» (24.08.2022)

«Das Wich­tigs­te im Gespräch mit Ster­ben­den sind Ehrlich­keit und Acht­sam­keit», sagt Moni­ka Ganten­bein aus Wild­haus. Als frei­wil­li­ge Ster­be­be­glei­te­rin entlas­tet die Toggen­bur­ge­rin Ange­hö­ri­ge und steht Ster­ben­den in den letz­ten Tagen und Stun­den bei.

Zum Beitrag

Margot Vogelsanger

«Das Stigma ist gross»

Maria Magda­le­na, das Bera­tungs­an­ge­bot des Kantons St. Gallen für Sexar­bei­ten­de, bietet seit Früh­jahr jede Woche in Buchs, Uznach und St. Gallen ein «Café des Profes­sio­nel­les» an. Es geht dabei um Austausch, aber auch um Gesund­heits­the­men und recht­li­che Fragen.

Der Tisch ist gedeckt, Kaffee­tas­sen, ein Kuchen, Guetz­li, eine Scha­le mit frischen Kirschen stehen bereit. «Mit unse­rem Café wollen wir Sexar­bei­ten­den die Möglich­keit geben, sich auszu­tau­schen», erklärt Margot Vogel­s­an­ger, Psycho­lo­gin und Team­lei­te­rin des Bera­tungs­an­ge­bots Maria Magda­le­na. «Die Teil­neh­men­den erhal­ten aber auch Inputs zu Gesund­heits­the­men, recht­li­chen Fragen oder auch zum Self­mar­ke­ting.» Dazu gehö­ren zum Beispiel Fragen rund um den Daten­schutz. Das Café erfül­le auch die Funk­ti­on von Selbst­hilfe. «Manch­mal spru­delt es nur so.» Und bei sprach­li­chen Miss­ver­ständ­nis­sen helfe auch schon mal die Über­set­zungs­funk­ti­on von Goog­le. Die Cafés stos­sen bis jetzt auf unter­schied­li­che Reso­nanz: Manch­mal seien sechs oder mehr Gäste bei einem Café, manch­mal tauche auch niemand auf.

Zusam­men­ar­beit mit Caritas

Ein Thema beschäf­ti­ge gegen­wär­tig viele: Seit der Corona-Pandemie hat die Nach­fra­ge nach­ge­las­sen. «Woran das genau liegt, weiss man nicht», sagt Margot Vogel­s­an­ger, «aber ein Grund ist sicher­lich die Digi­ta­li­sie­rung.» Einer­seits ermög­li­chen Apps und Online-Portale Sexar­bei­ten­den mehr Selbst­stän­dig­keit, da sie ihre Dienst­leis­tun­gen online bewer­ben können. Ande­rer­seits vergrös­sern sie die Konkur­renz. «Apps wie Tinder haben die Ware Sex viel schnel­ler verfüg­bar gemacht. Es kommt immer häufi­ger vor, dass Amateu­re ihre Dienst­leis­tun­gen anbie­ten.» Die exis­ten­zi­el­len Notla­gen nehmen zu. Laut Jahres­be­richt 2021 von Maria Magda­le­na sind finan­zi­el­le Fragen bei den Bera­tungs­ge­sprä­chen ein gros­ses Thema: 30 Prozent der Gesprächs­the­men beschäf­tig­ten sich damit. «Wir sind froh, auf die Zusam­men­ar­beit mit der Cari­tas zählen zu können», sagt Margot Vogel­s­an­ger. «Die Cari­tas unter­stützt Sexar­bei­ten­de bei der Schul­den­be­ra­tung oder bietet mit den Caritas-Märkten in St. Gallen und Wil die Möglich­keit, güns­tig einzu­kau­fen.» Während der Corona-Pandemie hätten zudem Cari­tas und der Katho­li­sche Konfes­si­ons­teil des Kantons St. Gallen Spen­den­gel­der für Sexar­bei­ten­de, die in finan­zi­el­le Not gera­ten sind, zur Verfü­gung gestellt.

Margot Vogelsanger, Maria Magdalena
Margot Vogel­s­an­ger berät auch Sexar­bei­ten­de beim Ausstieg.

Gesell­schaft­li­ches Stigma

Die Frage nach dem Ausstieg aus dem Beruf sei bei den Cafés bisher kaum ein Thema gewe­sen. «Wenn, dann taucht so etwas in Einzel­ge­sprä­chen auf, aber auch das eher selten», so Vogel­s­an­ger. Viele Bran­chen suchen momen­tan nach Perso­nal und die Chan­cen für Quer­ein­stei­ge­rin­nen und ‑einstei­ger sind gut, denkt da trotz­dem niemand an den Ausstieg? «Es mag wohl manche über­ra­schen, aber viele Sexar­bei­ten­de machen ihren Beruf gerne», betont Margot Vogel­s­an­ger. «Falls jemand ausstei­gen will, ist das oft eine Heraus­for­de­rung. Das gesell­schaft­li­che Stig­ma ist gross. Sie können ja bei der Bewer­bung nicht offen ange­ben, was sie bisher gemacht haben. Ich habe mir schon mit Klien­tin­nen den Kopf zerbro­chen, wie genau sie das in ihrem Lebens­lauf formu­lie­ren, ohne dass die Tür gleich wieder zugeht.» Für viele Beru­fe seien auch die sprach­li­chen Hürden zu hoch.

Viel­falt der Biografien

Margot Vogel­s­an­ger ist seit zwei Jahren bei Maria Magda­le­na tätig. Sie persön­lich habe die Viel­falt der Biogra­fien über­rascht: «In den Medi­en werden meist nur Klischees gezeigt: Auf der einen Seite Frau­en als Opfer von Ausbeu­tung und Menschen­han­del, auf der ande­ren Seite die Models, die perfekt ausse­hen. Natür­lich gibt es beides, aber das sind eher die Ausnah­men. Die Reali­tät ist viel diffe­ren­zier­ter.» In der Schweiz geht man nach einer Studie von 4000 bis 8000 Sexar­bei­ten­den aus. Doch in der Ostschweiz finde Sexar­beit meist im Verbor­ge­nen in Privat­woh­nun­gen statt. «Das macht es für uns schwie­ri­ger, mit ihnen in Kontakt zu kommen und auf unser Ange­bot aufmerk­sam zu machen.» Bei der Bera­tung hätten Fragen rund um Präven­ti­on von über­trag­ba­ren Krank­hei­ten, aber auch recht­li­che Fragen einen zentra­len Stel­len­wert «Aber häufig geht es um Themen, die Menschen in allen gesell­schaft­li­chen Milieus beschäf­ti­gen: Proble­me in der Ehe oder mit den Kindern, Stress, der Umgang mit eige­nen Wünschen und Bedürfnissen …»

Margot Vogelsanger, Maria Magdalena
Die Psycho­lo­gin Margot Vogel­s­an­ger ist seit zwei Jahren bei «Maria Magda­le­na» tätig.

Name als Türöffner

Das Bera­tungs­an­ge­bot für Sexar­bei­ten­de trägt den Namen einer bibli­schen Person. Margot Vogel­s­an­ger schmun­zelt: «Warum die Verant­wort­li­chen bei der Grün­dung unse­res Ange­bots vor 22 Jahren auf Maria Magda­le­na gekom­men sind, weiss ich nicht. Aber ich erle­be diesen Namen oft als Türöff­ner. Vor allem Sexar­bei­ten­de aus südame­ri­ka­ni­schen Ländern, aber auch aus Osteu­ro­pa wissen sofort etwas mit dem Namen anzu­fan­gen, sie fühlen sich ange­spro­chen und reagie­ren posi­tiv darauf.»

Text: Stephan Sigg

Bilder: Ana Kontoulis

Veröf­fent­licht: 09. August 2022

Gegenwart einer Flucht spüren

Ein neuer Velo­hör­weg entlang der österreichisch-schweizerischen Gren­ze am Rhein erzählt die ­Geschich­ten geflüch­te­ter Menschen während des Zwei­ten Welt­krie­ges nach. Er soll aber auch auf die aktu­el­le Flücht­lings­po­li­tik aufmerk­sam machen.

«Ich schlei­che leise durch das Dickicht. Das Fluss­ufer wird kontrol­liert, der Tram­pel­pfad verrät, dass die Solda­ten, die die Gren­ze bewa­chen, diesen Weg oft passie­ren. Ich warte eine Weile, wage mich bis zum Fluss, kehre aber schnell wieder zurück.» So beginnt die Geschich­te von Bohu­mil Pavel Snižek, dem es am 26. August 1941 gelingt, bei Koblach die Gren­ze zwischen Öster­reich und der Schweiz zu über­que­ren. Zwei Wochen zuvor war der 27-jährige Tsche­che in seiner Heimat aufge­bro­chen, um aus dem Macht­be­reich der Nazis zu flie­hen. Erzählt wird sein Schick­sal an der 34. Stati­on des neuen Velo­wegs «Über die Gren­ze». An 52 symbo­li­schen Grenz­stei­nen entlang der Velo­rou­te Nr.1 können sich Velo­fah­re­rin­nen und Velo­fah­rer zwischen Lochau am Boden­see, durchs Rhein­tal bis in die Silvret­ta per QR-Code und in Form eines Hörstücks auf die ­Geschich­te des jewei­li­gen Ortes einlassen.

Absperr­band und Polizeihelikopter

Die Idee für das Projekt hatte Hanno Loewy, Direk­tor des Jüdi­schen Muse­ums Hohen­ems vor zwei Jahren während des Lock­downs. «Geschlos­se­ne Gren­zen, rot-weisse Absperr­bän­der entlang des Rheins und Heli­ko­pter, die am Himmel kreis­ten. Das alles führ­te zu einer bedroh­li­chen Stim­mung», sagt er. «Die Bedeu­tung einer Gren­ze rück­te dadurch ziem­lich stark ins Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung und verun­si­cher­te viele.» Zugleich habe die Corona-Pandemie dazu geführt, dass viele Menschen zu Fuss oder mit dem Velo in der Natur unter­wegs waren. «Das Velo ist das beste Medi­um, um sich aufmerk­sam auf die Land­schaft einlas­sen zu können und zugleich eine grös­se­re Distanz zurück­le­gen zu können», sagt er.

Steti­ges Mahnmal

Die Flucht­ge­schich­ten entlang der Velo­rou­te beinhal­ten sowohl eine histo­ri­sche wie auch eine aktu­el­le Dimen­si­on. Einer­seits stehen sie reprä­sen­ta­tiv für alle jene Perso­nen, die während des Zwei­ten Welt­krie­ges mit dem Thema Flucht zu tun hatten. Dazu gehö­ren nebst den jüdi­schen Flücht­lin­gen etwa Zwangs­ar­bei­te­rin­nen und ‑arbei­ter, Deser­teu­re, Wider­ständ­le­rin­nen und Wider­ständ­ler, Homo­se­xu­el­le, zahl­rei­che Helfe­rin­nen und Helfer sowie auch die Behör­den und die Poli­zei. Ande­rer­seits halten sie im Bewusst­sein, wie viele Menschen aktu­ell Woche für Woche beim Versuch ums Leben kommen, die Aussen-grenzen Euro­pas zu über­que­ren. «Umso dreis­ter ist es, wenn die Poli­tik Flücht­lin­ge gegen­ein­an­der ausspielt und Menschen aus der Ukrai­ne beispiels­wei­se jenen aus Syri­en oder Afgha­ni­stan gegen­über­stellt», sagt Hanno Loewy.

Flucht­er­fah­rung heute

Seit vielen Jahren setzt sich das Jüdi­sche Muse­um für Flücht­lin­ge in der Gegen­wart ein. Wie wich­tig es sei, Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen zu zeigen, sei gera­de auch in der Zivil­ge­sell­schaft in Vorarl­berg stark veran­kert. «Das liegt vor allem daran, dass es sich um eine Grenz­re­gi­on handelt und dieses Thema daher präsent ist», sagt er. «Zudem leben unter uns auch heute viele Menschen mit Flucht­er­fah­run­gen wie etwa all jene, die vor dem Krieg im ehema­li­gen Jugo­sla­wi­en oder Tsche­tsche­ni­en geflüch­tet sind. Das Thema ist nicht einfach mit dem Zwei­ten Welt­krieg abgeschlossen.»

Sich auf Gegen­satz einlassen

Nach­den­ken, den Gegen­satz zwischen der Idyl­le der Natur und der Geschich­te auf sich wirken lassen sowie Empa­thie und Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen entwi­ckeln: Das möch­te Hanno Loewy mit dem Velo­hör­weg errei­chen. Für das Medi­um des Hörens statt etwa für Bilder oder Tafeln hat er sich entschie­den, weil Hören das direk­tes­te Medi­um sei. Er sagt: «Bei einem Bild gibt es immer einen Rahmen. Aber wer hört, der spürt die Gegen­wart eines Spre­chen­den, eines Flücht­lings, fast so, als stün­de man vor ihm. Das ist unmit­tel­ba­rer als jede ande­re Wahrnehmung.»

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Text: Nina Rudnicki

Bilder: zVg.

Veröf­fent­li­chung: 8. August 2022

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