Bruno Fluder bricht ein Ästchen vom Baum neben sich ab. «Davon gibt es auf dem Friedhof ja genügend und ich nutze sie lieber als die Bäseli», sagt der Cityseelsorger aus St. Gallen. Er lässt den Blick über den Ostfriedhof schweifen. Dieser ist an diesem späten Oktobernachmittag nur spärlich besucht. Am Weiher sitzt eine ältere Person und blickt auf das Wasser. Vereinzelt gucken Köpfe zwischen den Gräberreihen empor. Es herrscht Ruhe, dort, wo wir unsere verstorbenen Mitmenschen zu eben dieser betten. Das ist nicht immer so. «Der Friedhof ist eigentlich gut besucht. Ich sehe auch immer viele junge Menschen hier», sagt Bruno Fluder. «Der Friedhof hat auch heute noch eine grosse Bedeutung als Ort des Erinnerns. Für viele ist der Besuch des Grabes eines geliebten Menschen ein Bedürfnis.»
Eindrückliches Lichtermeer
Grosse Bedeutung hat der Friedhof vor allem am 1. November, am Tag von Allerheiligen. Auch wenn das eigentliche Totengedenken an Allerseelen, am 2. November, ist, besuchen viele Menschen bereits am Tag zuvor die Friedhöfe. «Abends sieht man überall brennende Kerzen. Das ist jeweils sehr beeindruckend», so Fluder.
In vielen Pfarreien sind am 1. November Seelsorgende anwesend. Auch Bruno Fluder ist am 1. November auf dem Friedhof anzutreffen – morgens auf dem Ostfriedhof, nachmittags auf dem Friedhof Feldli. Gemeinsam mit Markus Kneringer und drei weiteren Freiwilligen wird er auf den beiden St. Galler Friedhöfen ein Gebetsblatt, ein Weihwasserfläschchen und Grabkerzen verteilen. Auf Wunsch begleitet er die Besuchenden auf die Gräber, wo er eine Segnung vornimmt. Um 15 Uhr gibt es eine Gedenkfeier in der grossen Friedhofkapelle Feldli. Das Angebot besteht seit drei Jahren. Im vergangenen Jahr haben es schätzungsweise 200 Menschen genutzt. «Es war sehr berührend und es haben sich wunderschöne und wertvolle Begegnungen ergeben. Wir merken, dass die Gemeinschaft an Allerheiligen für viele wichtig ist.»
Kerze und Weihwasser
In der katholischen Kirche kann jeder eine Segnung vornehmen. Vorschriften für die Gräbersegnung gibt es kaum. «Oft wird ein Gebet gesprochen. Schön ist auch, wenn man währenddessen Gedanken an den Verstorbenen teilt», sagt Bruno Fluder. «Wichtig sind vor allem die Wertschätzung und der Respekt für die verstorbene Person.» Wenn er selbst ein Grab segnet, hat er nebst Weihwasser immer eine Kerze dabei. «Das Wasser als Segnungszeichen und Zeichen des Lebens. Das Licht als Zeichen der Ewigkeit», sagt der 57-Jährige und schwenkt sein zuvor mit Weihwasser benetztes Ästchen über das Grab.
Während des Segnens denkt er an die Lebensgeschichte der verstorbenen Person. «Beim Weg auf das Grab erzählen mir die Anwesenden meist viel über deren Leben. Ich denke während der Segnung an diese Geschichten.» Bruno Fluder nimmt die Segnung nur bedingt für die Verstorbenen vor. «Dogmatisch gesehen segnet die Kirche keine Verstorbenen. Die Verstorbenen sind darauf nicht ‹angewiesen›, sie sind nun in der Obhut Gottes. Wichtig sind jene, die ‹da› sind. Mein Segen gilt also immer auch den Hinterbliebenen.»
Gute Erinnerungen teilen
Markus Kneringer macht in diesem Jahr zum zweiten Mal bei der Verteilung der Kerzen mit. Für den 58-Jährigen ist die Mitarbeit an Allerheiligen eine Herzensangelegenheit. «Nach dem irdischen Leben geht es weiter. Es ist wichtig, dass man auf dem Friedhof nicht nur trauert, sondern die guten Erinnerungen aufleben lässt. Dadurch leben auch die Menschen wieder auf und wir behalten sie in unserer Mitte. Wenn wir diese Momente mit Menschen teilen dürfen, ist das wunderschön.»
Kneringer kennt den St. Galler Ostfriedhof gut. «Es ist ein wunderschöner Ort der Ruhe. Das fasziniert mich. Wo sonst findet man heute noch diese Stille. Und nur in der Stille können wir zu Gott kommen.» Markus Kneringer engagiert sich seit einigen Jahren in ökumenischen Projekten für die Kirche im Bistum St. Gallen. Zuerst für den Sofa-Himmel, eine neue gemütliche Gottesdienst-Form, und nun für die Gräbersegnung an Allerheiligen. «Solche Projekte sind gelebtes Christentum, nahe an den Leuten, mitten im Leben. Hier möchte ich mich engagieren und so etwas zurückgeben», sagt er. «Ich brenne für die Ökumene. Egal ob katholisch oder evangelisch – die Themen sind dieselben.»
Kreativ verarbeiten
Auf dem Friedhof zeigen wir unsere Trauer nicht immer nur im stillen Gebet und im Anzünden einer Kerze. Wir bringen Blumen und Gestecke mit. An die Gräber stellen wir Schieferplatten mit Abschiedsworten, an Grabsteinen hängen wir Perlenketten auf. «Abschiednehmen und Trauern sind sehr individuell», sagt Bruno Fluder. Er erzählt von zwei jungen Männern, die auf dem Friedhof den Geburtstag des verstorbenen Bruders feiern oder von einer Teenagerin, die am Grab laut mit der verstorbenen Grossmutter spricht.
«Am Grab ist eigentlich alles erlaubt, das den Hinterbliebenen guttut und auch im Sinne der Verstorbenen ist. Man darf mit der Trauer kreativ umgehen und natürlich auch mal lachen und fröhlich sein.»
Friedhof als Ort des Lebens
Die Bestattungskultur in der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Heute werden über 90 Prozent der verstorbenen Personen kremiert. Erdbestattungen und klassische Reihen- oder Familiengräber sind seltener geworden. Auf dem Ostfriedhof etwa wurden vor einigen Jahren Birken angepflanzt, zwischen denen die Asche von Verstorbenen beerdigt werden kann. Inschriften gibt es nicht. Immer häufiger wird die Asche von Verstorbenen auch in der Natur verstreut oder die Urne zu Hause aufbewahrt. Dies ist in der Schweiz in vielen Gemeinden erlaubt oder wird zumindest toleriert. Bruno Fluder beobachtet diese Entwicklung eher skeptisch: «Ich rate Menschen, einen Ort des Erinnerns zu schaffen. Es ist wichtig, einen Ort zu haben, wo wir uns mit den Verstorbenen verbinden können.» Der Ort müsse kein klassisches Grab sein. «Waldfriedhöfe sind für mich starke Orte. Hier sind die Bäume verwurzelt, hier entsteht Leben», sagt Fluder.
«Hier auf dem Friedhof können wir die Beziehungen zu unseren Liebsten pflegen und weiterleben lassen.» Für Bruno Fluder ist der Friedhof ein Ort des Lebens. «Das tönt zwar widersprüchlich. Aber auf dem Friedhof passiert das Wesentliche. All die Gespräche über das Leben und den Tod. Genau hier findet das ‹intensive Leben› statt.»
Bilder: Niklas Thalmann