Spannend, wenn sich jemand traut, darüber nachzudenken, dass auch die neueste Entspannungsmethode, eingeklemmt zwischen beruflichen wie privaten Verpflichtungen, den Tag nicht verlängert und vielleicht sogar als zusätzlicher Termin unter all den anderen Terminen nicht für mehr innere Ruhe sorgt.
Selbstsorge versus Gemeinwohl?
Es ist viel über Kathrin Fischers Buch «Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit den gesellschaftlichen Wandel blockiert» geschrieben worden. Ihr kritisches Hinterfragen und ihre grundsätzliche Kritik an der Idee einer neoliberalen Selbstoptimierung samt deren Achtsamkeitsindustrie liest sich sehr spannend. Beim Lesen habe ich mich aber immer wieder gefragt, ob ihre Kritik an dieser ideologischen Ausprägung einer Achtsamkeitskultur, die auf buddhistischen Wurzeln der Achtsamkeit beruht, nicht von einer christlich geprägten Achtsamkeit zu unterscheiden ist.
Achtsame Selbst- und Nächstenliebe
Auch im christlichen Kontext ist «Achtsamkeit» kein unbekanntes Motiv: Im neuen Testament, bei den mittelalterlichen Mystikern oder in der ignatianischen Spiritualität finden wir Formen einer Achtsamkeit, die sich in einigen Punkten jedoch sehr grundsätzlich von derzeitigen Achtsamkeitstrends unterscheiden. Nie steht das Perfektionieren des eigenen Wohlbefindens oder die Selbstsorge um der Selbstsorge willen im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, sich in die Gegenwart Gottes zu stellen und aus diesem «Innen» heraus sich wach und achtsam dem «Aussen», den Menschen und der Schöpfung zu widmen. Eine so verstandene Achtsamkeit ist nie Selbstzweck, erschöpft sich nicht in der Kontemplation, sondern ist immer auch Haltung und mit konkretem ethischem und politischem Handeln verbunden.