«Die Verstorbenen bleiben Teil der Gegenwart»

KI-Tools für die Trau­er­ar­beit ermög­li­chen unter ande­rem auch Chats und Gesprä­che mit KI-Nachbildungen von Verstor­be­nen: Wie verän­dert das die Trau­er­kul­tur und wie sinn­voll sind diese neuen tech­ni­schen Möglich­kei­ten? Ein Gespräch mit Eveli­ne Kurath und Corin­ne Lillo, die in Eschen­bach SG ­einen Trau­er­kreis leiten.

Künst­li­che Intel­li­genz wird im Alltag immer präsen­ter, jetzt gibt es auch erste KI-Tools, die die Kommu­ni­ka­ti­on mit Verstor­be­nen ermög­li­chen. Hilft das beim Abschiednehmen?

Corin­ne Lillo: Als Vorbe­rei­tung auf dieses Inter­view habe ich eine SRF-Doku über KI-Trauer ange­schaut. Die Beispie­le aus der Sendung haben mich sehr beschäf­tigt. Ich konn­te danach lange nicht einschla­fen und habe jetzt noch Hühner­haut. Ich frage mich: Ist KI wirk­lich das rich­ti­ge Medi­um, wenn es um Trau­er geht?

Warum sind Sie skeptisch?

Eveli­ne Kurath: Wer zum Beispiel die Part­ne­rin oder den Part­ner verlo­ren hat, vermisst auch ganz beson­ders die körper­li­che Nähe. Das bekom­men wir oft als Antwort von Menschen in unse­rem Trau­er­kreis, wenn wir sie fragen, was genau denn jetzt fehlt. Selbst wenn mich meine beste Freun­din umarmt, ersetzt das nie eine Berüh­rung oder die Präsenz meines Part­ners sowie die alltäg­li­chen Ritua­le, die man gemein­sam hatte.

Corin­ne Lillo: Die Erin­ne­run­gen sind ein wich­ti­ger Teil der Trau­er. Wenn wir Fotos anschau­en, bestimm­te Lieder hören, an Orte gehen, die wir mit der verstor­be­nen Perso­nen besucht haben, können wir einen Augen­blick lang von der Gegen­wart in die Vergan­gen­heit blicken. Wir erle­ben bestimm­te Momen­te noch einmal, bevor wir sie wieder bewusst loslas­sen und in die Gegen­wart zurück­keh­ren. Das Loslas­sen ist immer ein Schritt in das Jetzt und hilft bei der Trau­er­ar­beit. Wenn ich mit der KI mit dem Verstor­be­nen in Kontakt blei­be, dann gera­ten diesen Ebenen durch­ein­an­der: Die verstor­be­ne Person bleibt ein fixer Teil der Gegen­wart. Ich kann den Fokus nicht nach vorne richten.

Corin­ne Lillo (links) und Eveli­ne Kurath haben vor drei Jahren in Eschen­bach den Trau­er­kreis gegründet.

Die KI verhin­dert das aus Ihrer Sicht also?

Corin­ne Lillo: Die KI will ja, dass ich mich gut fühle – und sie tut alles dafür. Das kann schnell zu einer Abhän­gig­keit führen. Das Schmerz­haf­te ist, den Verlust zu akzep­tie­ren. Ich muss mich dem stel­len. Auch dies ist ein wich­ti­ger Schritt im Prozess. Wenn ich via KI mit dem Verstor­be­nen spre­che, habe ich stän­dig das Gefühl: Er ist ja noch da. Aus meiner Sicht besteht die Gefahr, dass KI verhin­dert, den Verlust zu akzep­tie­ren. Sie blockiert einen inner­lich. Zusam­men mit meiner 20-jährigen Toch­ter habe ich als Vorbe­rei­tung auf dieses Gespräch mit der KI expe­ri­men­tiert: Wenn man sie dazu nutzt, Ideen und Tipps zu finden, ist das ähnlich, wie wenn Eveli­ne und ich Inputs für unse­re Trauerkreis-Treffen suchen. Ich war erstaunt, was für eine Fülle an Infor­ma­tio­nen die KI liefert, und da ist sicher auch Sinn­vol­les dabei. Die KI kann mir da posi­ti­ve Inspi­ra­tio­nen liefern.

Aber kann es nicht auch ein Trost sein, noch­mals die ­Stim­me des Verstor­be­nen zu hören?

Eveli­ne Kurath: Sprach­nach­rich­ten, Vide­os oder Ansa­gen auf dem Tele­fon­be­ant­wor­ter können wich­tig sein, um sich an den Verstor­be­nen zu erin­nern. Bei uns im Trau­er­kreis machen wir auch die Erfah­rung, das Ritua­le guttun und hilf­reich sein können, um mit bestimm­ten Themen und auch Unaus­ge­spro­che­nem umzugehen.

Corin­ne Lillo: Die KI-Stimme – auch wenn sie wie die Stim­me der Verstor­be­nen klingt – ist ja nur eine Simu­la­ti­on und sagt je nach Frage nur das, was ich hören möchte.

In unse­rer Gesell­schaft hat Trau­er oft nur wenig Platz. ­Bietet sich da nicht erst recht KI an, wenn mir niemand ­zuhö­ren will?

Eveli­ne Kurath: Die Erfah­rung, dass niemand zuhört oder man mit kaum einem darüber spre­chen kann, wird bei uns im Trau­er­kreis tatsäch­lich oft erwähnt. Trau­ern­de fühlen sich oft vom Umfeld allei­ne gelas­sen und unter Druck gesetzt. Sie bekom­men Kommen­ta­re zu hören wie: «Es ist jetzt schon so lange her, du musst dich jetzt zusammenreissen.»

Zwölf Stüh­le stehen im Kreis, in der farben­fro­he Mitte liegen Kärt­chen mit Impuls­sät­zen. Eveli­ne Kurath und Corin­ne Lillo haben den Stuhl­kreis für das Inter­view einge­rich­tet, so wie sie das jeweils beim Trau­er­kreis machen.

Oft ist man aber auch einfach über­for­dert, die rich­ti­gen ­Worte zu finden …

Eveli­ne Kurath: Wohl alle, die schon mal getrau­ert haben, haben die Erfah­rung gemacht: Als Trau­ern­de brau­che ich keine Ratschlä­ge oder klugen Sätze. Wich­tig ist viel mehr, zu spüren, dass ande­re für mich da sind und das mit klei­nen Gesten signa­li­sie­ren: mal einen Kuchen vor die Tür stel­len, einen mit einem Blumen­strauss über­ra­schen, eine Einla­dung zu einem Spazier­gang … Unse­re Gesell­schaft ist heute so schnell­le­big, wenn jemand länger trau­ert, passt das nicht rein. Dabei hat jeder selbst das Recht, zu bestim­men, wie lange ihn der Verlust beschäf­tigt. Bei Menschen in meiner Gene­ra­ti­on löst die Vorstel­lung, über all das mit einer Maschi­ne, also mit KI, spre­chen zu können, wohl Befrem­den aus. Bei Jünge­ren ist das viel­leicht anders.

Corin­ne Lillo: Ich bin auch über­zeugt, dass KI nie an den Austausch mit echten Menschen rankommt. Es geht ja bei solchen Gesprä­chen nicht nur um den Inhalt und Dialog. Das Entschei­den­de ist, dass jemand physisch präsent ist, mir gegenübersitzt.

Ist das einer der Grün­de, warum auch in KI-Zeiten ­Ange­bo­te wie Ihr Trau­er­kreis wich­tig sind?

Eveli­ne Kurath: Wir haben unse­ren Trau­er­kreis vor drei Jahren gegrün­det, um Betrof­fe­nen in der Regi­on eine Möglich­keit zu geben, sich mit Gleich­ge­sinn­ten auszu­tau­schen. Man kann sich des Verständnisses der ande­ren gewiss sein, ohne viel erklä­ren zu müssen. Und man braucht sich auch nicht zu entschul­di­gen, dass einen der Verlust einer Person noch immer beschäf­tigt. Durch das Zusam­men­sein und den Austausch mit ande­ren Betrof­fe­nen machen die Teil­neh­men­den von unse­rem Trau­er­kreis die Erfah­rung, auf ihrem Weg nicht allein zu sein.

Seit drei Jahren

Corin­ne Lillo und Eveli­ne Kurath haben eine Ausbil­dung als Sterbe- und Trau­er­be­glei­te­rin absol­viert und enga­gie­ren sich seit vielen Jahren in diesem Bereich. Beide sind auch als Frei­wil­li­ge in einem Hospiz tätig. Vor drei Jahren beschlos­sen Eveli­ne Kurath und Corin­ne Lollo, in Eschen­bach SG einen Trau­er­kreis aufzu­bau­en. «Anders als bei den meis­ten Trau­er­ca­fés steht bei uns jeweils ein Thema im Fokus wie zum Beispiel Umgang mit Angst und Wut, Selbst­für­sor­ge oder Verge­ben und Versöh­nen», sagt Eveli­ne Kurath. Corin­ne Lillo ergänzt: «Trau­er­ar­beit ist ein Prozess, der Zeit braucht, um die vielen verschie­de­nen Emotio­nen zu verar­bei­ten: Mal geht es besser und man hat das Gefühl, man hat es geschafft, dann kommt plötz­lich wieder ein Tief. Wir bear­bei­ten jedes Mal ein Thema, die Teil­neh­men­den können Ideen und Übun­gen mit nach Hause nehmen. Diese können sie anwen­den, wenn sie mit einem Thema über­for­dert sind.» 

Auf der Suche nach passen­den Räum­lich­kei­ten sties­sen sie bei der katho­li­schen Pfar­rei und der evangelisch-reformierten Kirch­ge­mein­de sofort auf offe­ne Ohren: «Die Kirchen waren sehr ange­tan von unse­rer Initia­ti­ve und haben uns von Anfang an unter­stützt.» Die Tref­fen finden einmal im Monat am Mitt­woch­abend statt, es sind jeweils 10 bis 12 Perso­nen dabei. Am 5. Novem­ber bietet der Trau­er­kreis mit Unter­stüt­zung der katho­li­schen und evan­ge­li­schen Kirche Eschen­bach zum ersten Mal einen Vernet­zungs­an­lass an für alle, die sich Gedan­ken über Ster­ben und Tod machen möch­ten. Corin­ne Lillo: «Es gibt viele Insti­tu­tio­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, die sich in den Berei­chen Ster­ben, Tod und Trau­er enga­gie­ren und die oft bereits im Voraus Hilfe und Unter­stüt­zung anbie­ten. Uns scheint es wich­tig, dass die Bevöl­ke­rung viel besser Bescheid weiss über die Ange­bo­te und sich vorgän­gig darüber infor­mie­ren kann.»

Der Trau­er­kreis findet einmal im Monat im katho­li­schen Pfar­rei­zen­trum (Pfus) in Eschen­bach SG statt. Der Trau­er­kreis wird getra­gen von der katho­li­schen und der evan­ge­li­schen Kirche Eschen­bach und Uznach, die Teil­nah­me ist kostenlos.

Infos: www.trauer-sterbe-begleitung.ch

Text: Stephan Sigg

Bilder: Manue­la Matt

Veröf­fent­li­chung: 21. 08.2025

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