Bodenseefischer als Vorbilder

Die sieben Todsünden liefern Orientierung für die Gegenwart, ist Annette Kehnel überzeugt. Im Gespräch erklärt die Professorin für mittelalterliche Geschichte, die zurzeit an der Universität St. Gallen forscht, warum schon die Menschen im Mittelalter nachhaltig lebten.

Waren die Menschen im Mittelalter klüger als wir? Annette Kehnel liefert gleich zu Beginn des Gesprächs mit dem Pfarreiforum ein Beispiel aus der Region: «Die Fischer im Bodensee wussten ganz genau, dass sie auf die Natur angewiesen sind. Nach heutigen Berechnungen weiss man, dass es ihnen technisch möglich gewesen wäre, den See leer zu fischen. Sie haben es aber nicht getan.» Stattdessen legten sie jährlich neue Regeln fest, die die Fischbestände im Bodensee langfristig sichern sollten. «Die Menschen im Mittelalter hatten ein grösseres Bewusstsein für die Zusammenhänge», so Kehnel, «bereits damals war bekannt: Zu viel tut nicht gut.»

 

Aktuelle Todsünden

Annette Kehnel, Professorin für mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim, weilt noch bis Mai als Ria & Arthur Dietschweiler Fellow des Collegium St. Gallen an der Universität St. Gallen. Ihr Forschungsthema: Macht uns «immer mehr haben wollen» frei oder unfrei? Mit dieser Frage beschäftigte sich schon die griechische Philosophie und es ist auch ein Thema im Neuen Testament. Annette Kehnel ist überzeugt, dass wir viel aus der Geschichte lernen können. «Wir leben im Zeitalter der Krisen und sind oft planlos, wie wir die Herausforderungen bewältigen sollen», so die Historikerin. Sie setzt auf das Krisenwissen unserer Vorfahren. Zum Beispiel sieht sie in den sieben Todsünden ein alles andere als entrückt-frommes Modell. Kehnel hat ein ganzes Buch darüber geschrieben und macht sich für deren Aktualität stark: «Heute löst der Begriff bei vielen Unbehagen aus, man verbindet mit den Todsünden all das, was Spass macht und deshalb von der Kirche verboten wurde. Dabei geht es dabei um Grundbedingungen menschlicher Existenz. Darin steckt eine umfassende Lehre von der Kunst des Masshaltens.»

 

Soziales Miteinander

«Man sollte die Todsünden nicht privatisieren, es geht dabei eigentlich mehr um das Gesamte, um die soziale Ordnung. In den Todsünden steckt eine tiefe Weisheit, worauf es ankomme, damit das soziale Miteinander gelinge. Beispielsweise bei der Todsünde der Wollust geht es um massvollen Konsum und der Kampf gegen die Habgier ist eigentlich ein Kampf für Gerechtigkeit in der Gesellschaft.» Nicht das Unterdrücken stehe im Fokus der sieben Todsünden, sondern «Balance und Ausgleich». Das Konzept sei eine Hilfe, mit destruktiven Kräften umzugehen. «Darin steckt ein Potenzial, das die Welt positiv verändern kann.»

 

Von der Vergangenheit lernen

Annette Kehnel kennt viele Beispiele aus der Geschichte, die Inspirationen für die Gegenwart liefern: «Es gab regelmässige Fastenzeiten – nicht nur vor Ostern. Beim Quatemberfasten wurde zu Beginn jeder Jahreszeit drei Tage gefastet. Zwei Veggie-Days die Woche waren üblich. Ein anderes Beispiel liefert das Alte Testament. Alle sieben Jahre liess man im Sabbatjahr die Äcker ruhen und erliess die noch ausstehenden Schulden. Das Bewusstsein, wie wichig es ist, in allen Bereichen für ein Gleichgewicht zu sorgen, war sehr ausgeprägt.» Derzeit arbeitet Kehnel am Abschluss ihres neuen Buches «Phoenix Effekt». «Wir brauchen neue Narrative für die Zukunft. In der Geschichte ist es wie im Journalismus: Only bad news are good news. Nur schlechte Nachrichten bringen Aufmerksamkeit. Ich möchte mit meinem Buch einen Gegenakzent setzen.» Eines der Beispiele: «Mitten im Klimawandel der sogenannten Kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert feiern die Niederlande ein Goldenes Zeitalter. Wie kam das? Statt über das Wetter zu schimpfen, haben sie die Windkraft ausgebeutet und perfektionierten die Windmühlen und ihre Segelschiffe.»

 

Zum Umdenken motivieren

Etwas für das Klima tun, bewusst und nachhaltig konsumieren und leben – wer das tut, fühlt sich manchmal doch so ohnmächtig: Kann ich mit meinem Beitrag wirklich etwas verändern? «Selbstverständlich braucht es Veränderungen in unseren Systemen und Strukturen, um die Herausforderungen der Gegenwart zu lösen», sagt Annette Kehnel, «aber genauso wichtig ist der Beitrag jedes Einzelnen. Studien zeigen ganz klar die Macht des Schwarmeffekts. Jeder kann andere zum Umdenken bringen und einen Beitrag zur Veränderung leisten.»

 

Bild: zVg

 

Annette Kehnel forscht aktuell an der Universität St. Gallen. In ihrem Buch «Die sieben Todsünden» (Rowohlt-Verlag) zeigt sie: Die Todsünden sind auch heute wichtige Orientierungshilfen.

Stephan Sigg
Leitender Redaktor
Veröffentlichung: 20.03.2026