Es wurde geschnüffelt, gebellt und neugierig geschaut. Kinder lachten, Hunde warteten geduldig an der Seite ihrer Menschen und in den Armen der Kleinsten sassen treue Kuscheltiere. Im Pfarrgarten in Widnau versammelten sich Menschen und Tiere zu einem besonderen Anlass, der Tiersegnung. Es war kein ganz gewöhnlicher Gottesdienst. Denn an diesem Tag durfte das Leben so sein, wie es ist, lebendig, manchmal etwas unruhig, überraschend und vor allem bunt. Hunde unterschiedlicher Grösse waren gekommen, dazu Kuscheltiere wie ein Krokodil, eine Giraffe und sogar ein grosser Plüsch-Eisbär. Sie alle verbindet etwas: Sie sind Begleiter, Freunde und für viele Menschen ein wichtiger Teil des Lebens. Seit 2022 gibt es in Widnau den Gottesdienst mit Tiersegnung. Was damals als besondere Feier begann, ist inzwischen zu einer schönen Tradition geworden, die viele Menschen gerne mit ihren Tieren annehmen. Die stetig positiven Rückmeldungen zeigen, wie wichtig dieser besondere Gottesdienst für manche Menschen geworden ist.
Tiere als Teil einer grossen Gemeinschaft
Die Tiersegnung ist ein Zeichen der Dankbarkeit und Wertschätzung. Viele Menschen erleben ihre Tiere als treue Gefährten, die Freude schenken, Trost spenden und einfach da sind. Mit der Segnung werden die Tiere nicht «heilig» gemacht und auch kein magischer Schutz versprochen. Vielmehr werden sie und ihre Beziehung zu den Menschen bewusst unter Gottes Segen gestellt. Gleichzeitig erinnert die Feier daran, dass mit dieser Verbundenheit auch Verantwortung verbunden ist. Die Idee dahinter hat viel mit dem heutigen Verständnis von Schöpfungsverantwortung zu tun. Die Bibel macht deutlich, dass der Mensch die Schöpfung nicht einfach beherrschen oder ausbeuten soll. Wenn dort vom «Herrschen» gesprochen wird, bedeutet dies vielmehr, Verantwortung zu übernehmen, ähnlich wie ein guter Hirte, der für das sorgt, was ihm anvertraut ist. Mit der Tiersegnung wird daran erinnert, dass auch die Tiere Teil von Gottes Schöpfung sind. Der Mensch steht nicht ausserhalb dieser Schöpfung, sondern mitten in ihr. Wer ein Tier hält, trägt Verantwortung für ein anderes Lebewesen. Gleichzeitig kann die Begegnung mit Tieren helfen, die eigene Verbundenheit mit der Natur wieder bewusster wahrzunehmen. Im Mittelpunkt stand dabei der heilige Franz von Assisi. In diesem Jahr erinnert die franziskanische Familie besonders an seinen Tod vor 800 Jahren am 3. Oktober 1226. Franziskus betrachtete die gesamte Schöpfung als Gottes Werk. Tiere, Pflanzen, Sonne, Mond, Wasser und Erde waren für ihn Teil einer grossen Gemeinschaft. Er sprach von ihnen als Brüdern und Schwestern.
«Unser Hund verdient den Segen Gottes»
Wie wichtig die Tiere ihren Menschen sind, wurde an diesem Nachmittag in vielen persönlichen Begegnungen deutlich. Andrea kam mit Luna. Ihr Wunsch war einfach und herzlich: «Wir möchten, dass es dem Hund gut geht, gesund bleibt und beschützt wird.» Valentina hofft für ihre Luna sogar auf eine ganz konkrete Wirkung des Segens: «Ich hoffe, er streitet dann nicht mehr mit anderen Hunden.» Anna war als Ministrantin eingeteilt und wurde dabei von ihrem Hund Capo begleitet. Auch für ihn gab es einen besonderen Wunsch: dass er nach der Segnung vielleicht noch etwas besser folgt. Nicht nur lebendige Tiere erhielten ihren Platz. Nicole brachte einen grossen Plüsch-Eisbären mit, den sie ihrem Patenkind schenken möchte. Vorher sollte auch er gesegnet werden. Fernando und Julia, die Kinder von Maria, brachten ein Krokodil und eine Giraffe mit. Für die Kinder sind ihre Kuscheltiere wichtige Begleiter. Maria empfindet sie fast wie einen zusätzlichen Schutz neben dem Schutzengel: «Die Tiere sind immer in der Nähe der Kinder.» Dass auch Kuscheltiere gesegnet werden, hat dabei eine besondere symbolische Bedeutung. Natürlich ist ein Stofftier kein lebendiges Tier. Für viele Kinder aber ist es weit mehr als nur ein Spielzeug. Es schenkt Trost und Geborgenheit, begleitet sie durch schwierige und schöne Momente und bleibt manchmal über viele Jahre ein treuer Begleiter. Wenn ein Kuscheltier gesegnet wird, geht es deshalb nicht einfach um Stoff und Wolle. Gesegnet werden vielmehr die Freundschaft, die Nähe, der Trost und die Liebe, für die dieses Kuscheltier steht. Und im Mittelpunkt stehen dabei auch die Kinder selbst. Sie sollen spüren: Du bist von Gott geliebt und gesegnet. Ruth brachte gleich auch die Stofftiere ihres Hundes Shanty mit. Sie wünschte sich, dass Shanty gesund bleibt, am liebsten bis zur nächsten Tiersegnung im kommenden Jahr. Besonders berührend erzählte Damara von ihrem Hund Balou. Für sie ist er ein Familienmitglied und ihr bester Freund. «Er verdient den Segen Gottes.» Tiere seien für sie Teil des grossen Ganzen, Teil der Schöpfung. Sie erlebe sie oft als sehr feinfühlig und unmittelbar. Besonders aufgefallen sei ihr, dass die Tiere während der Wandlung plötzlich ruhig wurden. Für sie war es beinahe so, als würden auch die Tiere spüren, dass gerade etwas Besonderes geschieht.
Ein unvergessliches Erlebnis
Für Ruth hat die Tiersegnung zudem eine ganz persönliche Bedeutung. Ihr Hund war bereits vor zwei Jahren bei der Feier dabei. Kurze Zeit später geschah ein schwerer Unfall: Der Hund wurde von einem Auto erfasst und erlitt dabei schwere Verletzungen. Die Tierärzte gaben ihm kaum eine Chance zu überleben. Doch dann geschah etwas, das Ruth bis heute tief bewegt. Bereits nach zwei Tagen war ihr Hund, zwar noch verletzt, aber erstaunlich gut beieinander, wieder so stabil, dass man hoffen konnte. Entgegen den ursprünglichen Prognosen erholte er sich weiter und konnte schliesslich sogar an der diesjährigen Tiersegnung wieder teilnehmen. Für Ruth ist dieser Weg ein kleines Wunder. Sie ist überzeugt, dass die Segnung vor zwei Jahren ihren Hund begleitet und ihm Kraft gegeben hat. Ohne diesen Segen, so empfindet sie, hätte er den schweren Unfall sicher nicht überlebt.
Schöpfung ist nicht immer leise
Und was ist mit dem Bellen während des Gottesdienstes? Stört es nicht, wenn ein Hund plötzlich lautstark auf sich aufmerksam macht? «Nein, ganz im Gegenteil», sagt Georg Changeth. Ein Gottesdienst mit Tiersegnung im Freien darf auch tierische Geräusche zulassen. Es gehört dazu, dass Hunde einmal bellen oder unruhig werden. Erstaunlich sei vielmehr, wie ruhig sich die meisten Tiere während des Gottesdienstes verhalten. Wenn zwischendurch ein Hund bellt, gehört das einfach dazu und macht die Feier lebendig und authentisch. Vielleicht können Tiere uns tatsächlich etwas lehren. Sie leben im Augenblick. Sie fragen nicht nach gestern und sorgen sich nicht um morgen. Sie sind einfach da. Sie schenken Nähe, ohne viele Worte zu brauchen.
Text: Susi Miara