Was soll ein Sterbesegen einem sterbenden Menschen konkret vermitteln oder ermöglichen?
Elena Biderbost: Als Spitalseelsorgerin erlebe ich immer wieder, wie das Wissen um ein nahes Lebensende bei vielen Sterbenden und ihren Angehörigen ähnliche Gefühle auslöst.
Und zwar?
Die grossen Fragen nach dem Sinn, dem Woher und Wohin und dem Danach drängen in den Vordergrund. In dieser Situation wächst bei vielen der Wunsch nach Nähe, Begleitung und Segen. Der Gedanke, den letzten Schritt nicht allein gehen zu müssen und sich etwas Grösserem – ich nenne es Gott – anvertrauen zu dürfen, ist für viele sehr tröstlich – unabhängig von ihrer Kirchennähe. Es ist immer wieder berührend, wie die Zusage von Gottes Gegenwart und der christlichen Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles endet, selbst scheinbar nicht mehr ansprechbare Kranke beruhigt und ihnen das Loslassen erleichtern kann.
Welche Wirkung kann das Sprechen eines Sterbesegens auf die Hinterbliebenen haben?
Auch sie kann eine Segensfeier stärken, auch ihnen kann sie beim Abschiednehmen helfen. Die Nähe zu Sterbenden überfordert viele Angehörige und sie vermeiden körperliche Berührungen. Das Mitfeiern und die Einladung, die sterbende Person selbst zu segnen, hilft, Hemmschwellen zu überwinden. Viele zeigen sich danach dankbar für diese Erfahrung.
«Sterbesegen. Auf dem Weg ins Licht», so heisst ein neues Buch, das im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz herausgegeben wurde. Was ist das Besondere und Neue an dem kleinen Büchlein?
Sterbende zu begleiten, ist kein neuer Gedanke. Auch wenn die Bibel keinen ausdrücklichen Auftrag formuliert, ist sie doch von der Haltung durchdrungen, leidenden und sterbenden Menschen nahe zu sein. Diese Begleitung gehört zur DNA des Christentums.
Früher waren Krankensalbung und Wegzehrung selbstverständliche Zeichen dieser Zuwendung.
Ihre Bedeutung hat sich nicht verändert – wohl aber die pastorale Situation: Sowohl Priester als auch nicht geweihte Seelsorgende, Pflegefachpersonen oder Angehörige begleiten und segnen heute Sterbende.
Was ist denn typisch schweizerisch im Sterbesegensbuch?
Ganz sicher die Aufnahme des Bruder-Klausen-Gebets. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Mehrsprachigkeit: Deutsch, Französisch und Italienisch stehen gleichberechtigt nebeneinander, ergänzt durch Englisch – dies als Antwort auf internationale Arbeitnehmende und Gäste. Anders als in deutschen Formularen wird zudem empfohlen, mit Weihwasser ein Kreuz auf Stirn, Herz, Hände und Füsse zu zeichnen – selbstverständlich nur mit Einwilligung der betroffenen Person oder ihrer Angehörigen und in respektvollem Umgang mit Nähe und Distanz. Zum einen knüpft dies an eine lange, aber leider fast vergessene Tradition an. Zum anderen erfahren sterbende Menschen Berührung oft nur noch im Rahmen pflegerischer Handlungen. Die Segnung aber lässt die Zusage von Gottes Nähe im wahrsten Sinne des Wortes «berührend» werden.
Welche Rolle spielt ein Sterbesegen heute noch? Was sagen Ihre Erfahrungen?
Eine Bedarfsabklärung im Auftrag der Schweizer Bischöfe und der Liturgischen Kommission machte klar: Es besteht in der Schweiz eindeutig das Bedürfnis nach einem eigenen Sterbesegen. Tatsächlich wünschen sich viele Menschen, ob gläubig oder säkularisiert, im Sterben Zuspruch und sie suchen Halt in der Hoffnung, weder im Tod noch darüber hinaus, allein oder verloren zu sein. Ich wage die These, dass die Individualisierung die Akzeptanz und Verbreitung des Sterbesegens sogar stärken kann. Viele schätzen diese persönliche, verständliche und wandelbare Feierform. Dazu bietet das Buch eine Auswahl an Gebeten, Texten, Schriftworten und Liedvorschlägen für unterschiedliche Situationen und Bedürfnisse und ist auch ökumenisch einsetzbar.
Im Buch gibt es einen Sterbesegen für Menschen mit Demenz. Gab es solche spezifischen Segensformen bereits in früheren Ausgaben?
Ja, solche Formen gab es bereits in deutschen Ausgaben. Angesichts der demografischen Entwicklung ist das auch sinnvoll: Seelsorgende begegnen zunehmend Hochbetagten und Menschen mit Demenz.
Worauf ist dabei besonders zu achten?
Selbst wenn der Körper schwächer wird und Erinnerungen verloren gehen, wird das Leben, so wie es ist, gewürdigt. Nicht der Mangel steht im Vordergrund, sondern die Fülle des Gelebten. Ein respektvoller und geduldiger Umgang ist ebenso selbstverständlich wie die Rücksichtnahme auf vermindertes Hör- oder Sehvermögen und eingeschränkte Sprachfähigkeit. Untersuchungen zeigen, dass vertraute Gebete und Lieder oft lange erkannt und teilweise sogar mitgesprochen oder mitgesungen werden können.
Eleonora Biderbost ist Mitarbeiterin beim Liturgischen Institut und Spitalseelsorgerin am Spitalzentrum Oberwallis (SZO). Das Buch «Sterbesegen– Auf dem Weg ins Licht» ist im Buchhandel erhältlich. Eine Kurzversion steht als Download zur Verfügung: www.liturgie.ch
Text: Jacqueline Straub / kath.ch
Bild: pixabay.com