«Visite» mit Schutzengelfigur

«Wenn es der Psyche und der Seele besser geht, kann das die Genesung und Heilung positiv beeinflussen», sagt Sepp Koller, seit neun Jahren Spitalseelsorger am Kantonsspital St. Gallen.

Sepp Koller ist Spitalseelsorger am Kantonsspital St. Gallen. Seine Dienste sind gefragt: Die Mehrheit der Patientinnen und Patienten möchte spirituelle Unterstützung – dies ganz ­unabhängig von Religion oder Glaube. Dies zeigt auch eine neue Studie aus Zürich.

Sepp Koller lässt das Telefon nur einmal klingeln und hebt direkt ab. Das Gegenüber am Tisch muss in diesem Fall kurz warten. Am anderen Ende des Hörers ist eine Pflegefachfrau hörbar. «Eine Patientin ist aufgewühlt und hat um ein Gespräch gebeten.» Sepp Koller hört aufmerksam zu, nickt mehrmals und fragt schliesslich nach der Dringlichkeit. Man einigt sich auf einen Besuch am Nachmittag. Sepp Koller beendet das Telefonat und wendet sich wieder der Gesprächspartnerin am Tisch zu. Der 56-Jährige ist seit neun Jahren Spitalseelsorger am Kantonsspital St. Gallen. Mit ihm verrichten diesen Dienst weitere vier katholische und vier evangelische Kolleginnen und Kollegen. Im ganzen Bistum sind 18 Spitalseelsorger/innen tätig. Hier  in seinem Büro im Haus 21 des Kantonsspitals St. Gallen empfängt der Spitalseelsorger auch Mitarbeitende und Angehörige. Oft ist er aber bei den Patientinnen und Patienten auf den Zimmern. Wenn immer diese seelsorgerische Unterstützung möchten, sind Sepp Koller und seine Kolleginnen und Kollegen da. Der Seelsorgedienst arbeitet im Pikettdienst, ist 24/7 erreichbar. Und die Dienste sind gefragt: «Wir werden oft angefragt. Viele unserer Patientinnen und Patienten nehmen das Angebot an und schätzen es», sagt Sepp Koller. Das Kantonsspital St. Gallen HOCH versteht die Spitalseelsorge als Teil einer ganzheitlichen Behandlung. «Wenn es der Psyche und der Seele besser geht, kann das auch die Genesung und Heilung positiv beeinflussen.»

 

Religion nein, Spiritualität ja

Wie wichtig das Angebot der Spitalseelsorge ist, zeigt eine neue Studie des Lehrstuhls für Spiritual Care der Universität Zürich. Demnach wünscht sich rund die Hälfte der Bevölkerung im Kanton Zürich eine spirituelle Unterstützung in Krankheitssituationen. Interessant dabei: Der Glaube beziehungsweise die Religionszugehörigkeit spielt keine Rolle. Die Studie hat vier Bedürfnisgruppen identifiziert: Die erste, mit knapp einem Viertel der Bevölkerung (23.6 Prozent), will nichts mit Religion und auch nichts mit Spitalseelsorge zu tun haben. Etwa gleich gross (24.4 Prozent) ist die Gruppe, die religiös und praktizierend ist und sich als spirituell versteht. Sie wünscht sich von der Spitalseelsorge sowohl Gesprächsangebote als auch rituelle Unterstützung. Die kleinste Gruppe ist jene, die sich zwar selbst als religiös sieht, aber nicht speziell praktiziert (19.8 Prozent). Auch sie wünscht sich Gebete oder Rituale. Die grösste Gruppe, mit knapp einem Drittel, ist gegenüber Religion und den kirchlichen Institutionen skeptisch, aber spirituell offen (32.2 Prozent). Sie wünscht sich vor allem Gesprächsangebote.

 

Bedürfnis steigt in Krisensituationen

Sepp Koller macht dieselben Erfahrungen am Kantonsspital St. Gallen und bestätigt die Studienergebnisse. Zwei Drittel der Patientinnen und Patienten und darunter viele, die nicht gläubig sind, wünschen sich seelische Unterstützung. «In Krisensituationen kommt vieles wieder hoch und das Bedürfnis nach Gesprächen und Hilfe steigt, egal ob wir gläubig sind oder nicht», sagt Sepp Koller. Auch seien wir dann offener für Transzendenz. «Plötzlich merken wir, wie etwas nicht Greifbares, etwas Inneres zur Ressource werden kann.» Sepp Koller zieht ein kleines Holzkreuz und eine Schutzengelfigur aus der Hosentasche.

Trostspender, wenn es einem Patienten oder einer Patientin besonders schlecht geht.
Auch wenn Sepp Koller als katholischer Seelsorger angestellt ist, ist er für alle da: «Wir besuchen alle, die unsere Anwesenheit wünschen.»
Alessia Pagani
Autorin
Veröffentlichung: 14.01.2026