Von St. Gallen auf die Philippinen

Noch heute werden St. Galler Reliquien von Heiligen weitergegeben, etwa für die Einweihung ­einer ­Kapelle auf den Philippinen. Wie läuft das ab? Und müssen Reliquien wirklich persönlich überbracht werden?

Kommt es zu einer Reliquienvergabe, ist das für uns alle immer ein Highlight», sagt Renato Gollino, der im Bistum St. Gallen für diesen Bereich zuständig ist. «Solche Anfragen bekommen wir im Prinzip ja nur, wenn eine neue Kapelle oder Kirche gebaut wird und das ist heutzutage selten der Fall.» Als vor etwas mehr als zehn Jahren der Altarraum in der Kathedrale in St. Gallen neu gestaltet wurde, fügte man dem Altar Reliquien, in diesem Fall Knochenfragmente des Notkers, des heiligen Gallus  sowie des heiligen Otmars bei. Die Reliquien fanden in einem kleinen Hohlraum Platz, der in den Betonboden des Altar-Podiums eingelassen ist. Die jüngste Anfrage stammt aus den Philippinen (siehe Kasten).

Renato Gollino ist beim Bistum St.Gallen für die Reliquien zuständig.

Mit Echtheitszertifikat

Wo werden die Reliquien in St. Gallen aufbewahrt? Und was muss erfüllt sein, dass diese tatsächlich auch vergeben werden? Im Stiftsbezirk hat Renato Gollino für den Besuch des Pfarreiforums alles vorbereitet. Er hat einige Reliquien aus dem grossen Schrank in einem der Büros herausgesucht. In den Kartonschachteln zu sehen sind Gläschen, die mit den verschiedensten Namen von heilig- oder seliggesprochenen Personen angeschrieben sind. Auch die Reliquien des Notkers, Benediktinermönch in St. Gallen, sowie des heiligen Otmars oder auch von Niklaus von Flüe sind dabei. Einige der Reliquien sind in filigrane und einst in Klöstern hergestellte Dosen aus Silber gefasst. Allen Reliquien liegen historische,  handgeschriebene Echtheitszertifikate bei. «Dass alle Reliquien zweifelsfrei echt sind, kann wissenschaftlich aber nicht bewiesen werden», sagt er. «Bei den Reliquien des heiligen Otmars und des heiligen Gallus gehen wir aber davon aus, dass sie echt sind», sagt Gollino. Dafür spreche, dass die Gräber der Heiligen, von Gallus und Otmar, von Anfang an bekannt gewesen seien und es eine durchgehende Verehrung gegeben habe.

 

Erinnerungen, die guttun

Unabhängig von der Echtheit der Reliquien, tue es gut, sich an die Heiligen und ihr Leben zu erinnern, sagt er und verweist auf einen Vortrag, den sein Arbeitskollege Stefan Kemmer vom bischöflichen Archiv einmal zum Thema gehalten hat. Demnach wirke nicht die Reliquie selbst. Sie habe keine magischen Kräfte. Vielmehr liste unser Gehirn immer zuoberst auf, was uns gerade Probleme macht. Harmonische Erinnerungen etwa aus vergangenen Zeiten stehen ganz weit unten. Lässt man sich nun auf das Betrachten einer Reliquie ein, werde diese Liste neu sortiert und man lasse sich auf Erinnerungen und neue Blickwinkel ein.

Persönliche Überbringer

Geht beim Bistum St. Gallen eine Anfrage für eine Reliquie ein, schreibt ein detailliertes Verfahren den Ablauf vor. Zunächst muss dargelegt werden, wofür die Reliquie benötigt wird. In einem weiteren Schritt muss der Bischof das Gesuch bewilligen. Die Reliquien müssen persönlich überbracht werden. Der Postversand ist per Dekret aus dem Vatikan verboten. «Ist all das erfüllt, wird mit der Reliquie die Erinnerung an den Heiligen in einen neuen Raum getragen und weitergegeben.»

 

Bild: Ana Kontoulis

 

Geistlich verbunden

Die Kapelle St. Otmar steht auf den Philippinen in Loreto in der Provinz Agusan del Sur. Im Jahr 2024 äusserte die für diese Region zuständige Diözese Tagum den Wunsch nach einer dauerhaften römisch-katholischen Präsenz in dem Gebiet. Die aus dieser Region stammende Estrelleta Borda Ruppert und der Ostschweizer Stephan Breu finanzierten den Bau der Missionskapelle, die dem heiligen Otmar, dem ersten Abt der Abtei St. Gallen (ca. 719 – 759), gewidmet ist. Beide engagieren sich für den José Rizal Heritage Fund Switzerland, für einen Verein zur Unterstützung von Bildungs- und Sozialprojekten auf den Philippinen. Das Bistum St. Gallen schenkte der Diözese Tagum eine Reliquie des heiligen Otmars.

Manche Reliquien sind als Schmuckstücke gestaltet.
Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 17.04.2026