Es gibt queere Menschen in unserer Gesellschaft. Und so natürlich auch in der Kirche», sagt Claudia Vetsch. Die 36-Jährige arbeitet bei der Fachstelle kirchliche Jugendarbeit im Bistum St. Gallen (DAJU). Gemeinsam mit der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen organisiert sie im März die Fachtagung «Vielfältig leben – vielfältig glauben. Als Kirche unterwegs mit queeren Menschen». Damit sollen Wege aufgezeigt werden, wie die Kirche ein sicherer und offener Raum für junge queere Menschen sein kann – ein Ort, an dem sie sich willkommen fühlen und sie selbst sein können. Ziel des Anlasses ist es, auf die Thematik aufmerksam zu machen und kirchliche Mitarbeitende zu schulen und zu sensibilisieren.
Auf Lebenssituation eingehen
«Queer» ist vereinfacht gesagt ein Sammelbegriff für Personen, die von gesellschaftlichen Normen in Bezug auf Geschlecht oder sexuelle Orientierung abweichen. Er umfasst lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche, intergeschlechtliche, asexuelle und weitere Personen (LGBTQIA+). Gemäss einer Umfrage des internationalen Marktforschungsinstituts Ipsos ordnen sich 13 Prozent der rund 500 befragten Personen aus der Schweiz der LGBTQIA+-Community zu. «Das ist ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft. Als Kirche müssen wir auf die Lebenssituation der Menschen eingehen», so Claudia Vetsch.
Die LGBTQIA+-Community hat in der Schweiz noch immer einen schweren Stand. Gemäss dem jährlich erscheinenden Hate-Crime-Bericht sind 2024 bei der LGBTQ-Hotline 309 queerfeindliche Vorfälle gemeldet worden. «Queere Menschen werden diskriminiert – sozial, rechtlich, beruflich. Ein Outing ist immer mit Gefahren verbunden», sagt Julia Schmid. Die Sexualpädagogin und Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen in St. Gallen hält als Expertin an der Fachtagung das Inputreferat.
Wunsch nach Sichtbarkeit
Die Eigeninitiative der Kirche in dieser Thematik schätzt Julia Schmid. Es gehe um die grundlegende Frage, wie wir als Gesellschaft, und damit auch als Kirche, mit queeren Menschen umgehen wollen. «Es ist schön, dass die Kirche sich Gedanken über dieses Thema macht und es von sich aus aufgreift. Die Kirche kann viel zur Akzeptanz von queeren Menschen beitragen, indem sie Fachpersonen ausbildet.»
Als Expertin kennt sie die Themen, die queere Jugendlichen beschäftigen, und weiss, was sie sich von der Gesellschaft wünschen: «Vor allem Sicherheit, eine klare Haltung und Sichtbarkeit. Hier sind Vorbilder sehr wichtig, also Menschen, die ihre sexuelle Orientierung respektive Geschlechtsidentität offen leben, sowie Räume, in denen sich queere Jugendliche sicher und angenommen fühlen.»
Klare Angebote schaffen
Im vergangenen Jahr hat Julia Schmid in Zusammenarbeit mit dem Amt für Soziales des Kantons St. Gallen die eintägige Weiterbildung «Queere Jugendarbeit» veranstaltet, woraus schliesslich das Angebot «Genau richtig» der katholischen Arbeitsstelle Kirchliche Jugendarbeit (akj) Wattwil und der ref. Arbeitsstelle Kirche mit jungen Erwachsenen Toggenburg entstanden ist, ein Treff für junge queere Menschen. Julia Schmid freuts: «Es braucht klare, exklusive Angebote, die sich nur an queere Menschen richten, aber auch niederschwellige Angebote, die mit einer gendergerechten Sprache queere Menschen einschliessen.» Als Beispiel nennt Claudia Vetsch das kirchliche Angebot «Segensfeier für allerlei Liebende». Die katholische Kirche steht in der Thematik LGBTQIA+ im Spannungsfeld zwischen traditioneller Lehre und der gesellschaftlichen Entwicklung. «Wir haben uns bewusst dazu entschieden, das Thema theologisch einzubetten», sagt Vetsch. An der Fachtagung referieren zudem Theologe Arnd Bünker und seine evangelische Kollegin Lara Kneubühler. «Jeder Mensch hat einen eigenen Zugang zum Thema. Wir wollen keine Meinungen verändern, sondern Offenheit signalisieren und dazu anregen, das eigene Tun zu reflektieren.»
Vielfältig leben – vielfältig glauben. Als Kirche unterwegs mit queeren Menschen: Donnerstag, 26. März 2026, vormittags oder ganztags, Katholisches Pfarreiheim Flawil. Fachtagung für kirchliche Mitarbeitende, die mit jungen Menschen zwischen 12 und 18 Jahren arbeiten.
Bilder: Niklas Thalmann