«Solidarität ist keine Frage der Schlagzeilen», sagt Stefan Staub, Seelsorger in der Pfarrei Teufen-Bühler-Stein. «Die angespannte politische Lage in vielen Teilen der Welt verleitet uns dazu, uns zurückzuziehen. Durch unser Engagement können wir aber etwas gegen dieses Gefühl der Ohnmacht tun.» Letzteres ist für ihn auch Erklärung dafür, weshalb sich vor fast genau zehn Jahren nach einem Aufruf im Gottesdienst in Teufen innert kürzester Zeit mehr als 100 Freiwillige zusammenschlossen: Sie alle halfen im Rahmen der Aktion «Hilfe für Kurdistan» dabei, Hilfsgüter für den Nordirak zu organisieren.
Zu diesem Zeitpunkt wurde das Ausmass der Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staates an den Jesidinnen und Jesiden, eine ethnische Minderheit mit eigener Religion, bekannt. «Das Schicksal dieser Menschen und die Situationen in den Flüchtlingslagern haben viele Menschen erschüttert», sagt er. Kurz darauf starteten die ersten 45-Tonnen-Lastwagen vom Vorplatz der katholischen Kirche Teufen Richtung Nordirak. «Einer der Freiwilligen hatte Erfahrung im Bereich der Sondertransporte und organisierte türkische Lastwagen, die die Hilfsgüter in diese Region brachten.»
«Es ist eine Gewissensfrage»
Aktuell dominieren andere Ereignisse die Schlagzeilen. «Die Jesidinnen und Jesiden leben allerdings noch immer in grosser Zahl in den Flüchtlingscamps und können nicht in ihre Heimat zurück», sagt Rosa Egloff. Zehn Jahre nach dem Start von «Hilfe für Kurdistan» gehört sie nebst Stefan Staub und Ueli Schleuniger, der die Einsätze im Nordirak leitet, zum Kernteam. Aktuell liegt der Fokus des Hilfsprojektes auf Wiederaufbau- und Arbeitsprojekten wie Wohnhäuser und Gewächshäuser in zerstörten Städten und Dörfern in der Ninive-Ebene und im jesidischen Sindschargebirge. Rosa Egloff ist Kurdin und kennt das Gefühl von Flucht aus eigener Erfahrung. Sie floh 1999 als Neunjährige mit ihrer Familie aus der nordirakischen Stadt Sulemani in die Schweiz. Vor rund fünf Jahren stiess sie zum Team von «Hilfe für Kurdistan» hinzu. «Ich fühle mich verpflichtet, anderen zu helfen. Es ist letztlich eine Gewissensfrage», sagt die 36-jährige Bauingenieurin. Denn sie habe einfach Glück gehabt und es sei Zufall, dass sie heute ein gutes Leben führen könne.
Um Zukunft zu gestalten
Dafür, dass im Nordirak mit der Unterstützung alles klappt, ist Ueli Schleuniger zuständig. Seit seiner Pensionierung setzt er sich für Menschen auf Fluchtrouten oder in Flüchtlingscamps ein. 23 Mal war er im Nordirak und hat dort die Projekte von «Hilfe für Kurdistan» koordiniert. «Wir gehören zu den Letzten, die noch Präsenz zeigen», sagt er. Die Region erhalte international kaum mehr Aufmerksamkeit. «Umso wichtiger ist es, dass die Menschen dort ihre Zukunft wieder gestalten können. Darum bauen wir derzeit unter anderem Wohnhäuser für verwitwete jesidische Frauen und Gewächshäuser», sagt er und erzählt, was ihn mitunter am meisten beeindrucke. Es gehe nicht nur um die materielle Hilfe. «Genauso geht es um Wertschätzung. Durch unsere Anwesenheit erleben die Menschen, dass sie nicht vergessen sind.»
Einzigartige Begegnung in Teufen: Die Pfarrei feiert das zehnjährige Jubiläum von «Hilfe für Kurdistan» am Palmsonntag, 29. März, mit einem Gottesdienst und kurdischem Essen. Baba Sheikh Hazim Tahsin Saied Beg, das geistliche Oberhaupt der Jesidinnen und Jesiden, spricht über Religion, Frieden und das Leben im Nordirak. www.kath-teufen.ch; www.kurdistanhilfe.ch