«Wir müssen die KI entwaffnen»

Mit seinem Lehrschreiben über die KI sorgt Papst Leo XIV. für begeistertes Echo. Welche konkreten Tipps im Umgang mit der KI enthält es für meinen persönlichen Alltag?

Nicht die KI entscheiden lassen

«Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten», zeigt sich Papst Leo XIV. in seinem Schreiben «Magnificia Humanitas» überraschend offen gegenüber der neuen Technologie. Aber: «Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. Jedes technische Artefakt bringt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft.» Der Papst richtet sich in erster Linie an Grosskonzerne, Staaten und Organisationen. Aber es liegt auch in der Hand jedes einzelnen, welchen Einfluss KI künftig nehmen wird. Zum Beispiel der Bereich der individuellen Entscheidungen: Die KI bitten, für mich eine Entscheidung zu treffen? Ist oft einfach und praktisch, aber damit gebe ich meine Freiheit ab, mit jedem Mal ein bisschen mehr.

 

Einem Kind vorlesen

«Die Fähigkeit, füreinander zu sorgen, ist eine wichtige Dimension unseres Menschseins», so der Papst. «Einem Kind Märchen vorzulesen, einem älteren Menschen Gesellschaft zu leisten und einen Ort einladend zu gestalten, helfen, die Bedeutung der Fürsorge auch auf gesellschaftlicher Ebene zu verstehen und zu verinnerlichen. Sie schulen uns zudem darin, den Anderen als einen Menschen anzuerkennen, der Achtung verdient.» Konkretes Engagement verhindere, dass diese Werte in KI-Zeiten in den Hintergrund geraten.

 

Mehr Wissen über Fake News

Wie fit bin ich in Sachen Digitalität – verstehe ich, wie Algorithmen funktionieren, kann ich Fake News erkennen? Heute werde die Wahrheit oft Interessen und Kommunikationsstrategien untergeordnet, deshalb sei die Bildungswelt bedeutender denn je. «Doch die rasanten technologischen Veränderungen machen deutlich, wie unvorbereitet wir im Bildungsbereich sind.» Es muss nicht sofort eine Weiterbildung sein, es gibt auch viele Websites und Online-Programme, mit denen ich mein Know-how über Fake News & Co. schulen kann – dies hilft mir und anderen: Mit meinem Wissen kann ich anderen schneller aufzeigen, dass sie Fake News auf dem Leim gegangen sind.

 

Mehr bildschirmfreie Zeit

Wie viel Zeit verbringe ich an den Bildschirmen und mit KI? Und ab wann haben meine Kinder Zugang zum Smartphone? Die psychologische und psychiatrische Fachliteratur dokumentiere mit zunehmender Nachdrücklichkeit, «wie ein verfrühter und unbeaufsichtigter Umgang mit digitalen Geräten und sozialen Medien den Schlaf, die Aufmerksamkeit, die emotionale Regulierung und die Beziehungen negativ beeinflussen kann». Früh über ein eigenes Mobiltelefon verfügen und es ohne Aufsicht durch Erwachsene nutzen? Der Papst warnt: Dies «kann junge Menschen noch verletzlicher werden lassen und Abhängigkeiten fördern, indem sie Isolation, Mobbing und Cybermobbing ausgesetzt werden und unter Druck geraten, intime Bilder oder sensible Daten weiterzugeben.»

 

Mich mit Geschichte befassen

Der Papst beobachtet «einen besorgniserregenden Verlust an historischem Gedächtnis»: «Das Verblassen direkter Zeugnisse von der Shoah und den beiden Weltkriegen erleichtert eine selektive oder verzerrte Umschreibung der Vergangenheit, in einem Klima, in dem Fake News und narrative Manipulationen die gewonnenen Erkenntnisse verschleiern. Ohne eine lebendige Erinnerung an die Schrecken des Krieges besteht die Gefahr, dass politische Entscheidungen auf der Grundlage von Machtkalkülen getroffen werden, ohne Weitblick für die langfristigen Folgen.» Wie gut ist mein Wissen über die letzten Jahrzehnte? Wann habe ich mich zuletzt mit Geschichte beschäftigt?

 

Meine Feindbilder hinterfragen

Heute komme wieder die Versuchung auf, «eine kollektive Identität gegen einen Feind aufzubauen, indem man Narrative schürt, in denen sich jede Partei als Opfer darstellt, das ein Recht auf Vergeltung hat». Denkmuster wie «ich zuerst», «Freund – Feind», «wir – ihr» begünstigen oft Entscheidungen, die das gegenseitige Vertrauen zwischen den Nationen untergraben.

 

Welche Worte verwende ich?

Der erste Beitrag für eine humanere Zivilisation sei das Achten auf die Worte: «Entwaffnen wir die Worte, und wir werden dazu beitragen, die Erde zu entwaffnen.» Man könne täglich erleben, wie gewaltig die Macht der Worte sei: «Wir erleben dies im täglichen Umgang miteinander, wenn jemand etwas sagt, das unsere Stimmung verändert, zum Guten oder zum Schlechten.» Der Friede beginne bei jedem von uns: «wie wir auf unsere Mitmenschen blicken, ihnen zuhören, über sie sprechen (...) Wir müssen ‹Nein› sagen zum Krieg der Worte und Bilder». Der Papst empfiehlt «eine Gewissenserforschung hinsichtlich der Worte, die wir verwenden, der Vorurteile, von denen sie durchdrungen sind, und der offenen oder versteckten Aggressivität, die in ihnen steckt». Wir können zum Guten beitragen: «Jedes Mal wenn wir die Wahrheit sagen, einen weisen Ratschlag geben, jemanden unterstützen, der Trost braucht, eine Ungerechtigkeit anprangern und jemandem eine Stimme geben, der keine hat.»

 

 

Inspirierende Lektüre für den Sommer

«Magnifica Humanitas» ist die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. Das Besondere: Er hat sich dabei von KI-Fachleuten beraten lassen, u. a. von Christopher Olah, Anthropic-Gründer und Atheist. Das Lehrschreiben betont ethische Leitplanken für die KI. Die Enzyklika ist online auf Deutsch und in vielen anderen Sprachen zu finden und soll ab Juli auch als Broschüre erscheinen.

 

→ Volltext: www.pfarreiforum.ch/papst-ki

 

Bild: mintchipdesigns / pixabay.com

 

Stephan Sigg
Leitender Redaktor
Veröffentlichung: 26.06.2026