Iris Gallati, wie sind Sie zur Nacht der Lichter gekommen?
Iris Gallati (33, St. Gallen): Vor einiger Zeit befand ich mich in einer Situation, in der ich auf Hilfe angewiesen war. Diese fand ich beim kirchlichen Sozialdienst. Man unterstützte mich einfach so ohne grosse Bürokratie und obwohl ich sagte, ich sei zwar katholisch, aber nicht praktizierend. Dass es Menschen und eine Gemeinschaft gibt, die mir in einer Notlage helfen, hat mich sehr berührt. Eines Tages habe ich spontan die Haldenkirche in St. Gallen besucht und dort Raum für meine Gedanken gefunden. Als Dank dafür und für die erhaltene Hilfe vom kirchlichen Sozialdienst, habe ich geschaut, wo ich mich bei der Kirche freiwillig engagieren kann, um etwas zurückzugeben. Die Nacht der Lichter hat mich sofort angesprochen. Der Schein der unzähligen Kerzen bringt Licht in die Gesellschaft. Für viele Menschen bedeutet das Hoffnung.
Lea Hollenstein (39, Herisau): Bei mir ist es so, dass ich die Nacht der Lichter durch meine Mutter kenne, die für die katholische Kirche arbeitet. Ich war vom ersten Moment an beeindruckt. Mittlerweile bin ich jeweils den ganzen Tag vor allem im Hintergrund im Einsatz. Am Morgen stelle ich zusammen mit weiteren Personen Hunderte von Kerzen auf. Danach richten wir die Kathedrale her und legen etwa die Teppiche aus. Nach dem Mittag betreue ich jene Helferinnen und Helfer, die die Kerzen anzünden. Während der Nacht der Lichter selbst bin ich Stilleordnerin und schaue, dass die Stille wirklich eingehalten wird. Die Stille ist ein wichtiger Teil dieses Anlasses und gerade wenn grössere Gruppen kommen, ist das nicht immer einfach. Nach dem Gottesdienst helfe ich beim Aufräumen und Saugen der Kathedrale.
Welches ist an der Nacht der Lichter der schönste Moment?
Lea Hollenstein: Es ist das Licht der vielen Kerzen, das einfach in die Dunkelheit des Novembers passt. Für mich markiert die Nacht der Lichter den Anfang des Advents. Die Nacht der Lichter steht für das Stille und Meditative sowie für das Miteinander. Es ist auch ein Anlass, der die verschiedenen Generationen berührt und zusammenbringt und von dem sich Personen mit verschiedenem Hintergrund angesprochen fühlen.
Iris Gallati: Der schönste Moment für mich bisher war, als ich letztes Mal nach dem Mittag in der Kathedrale angekommen bin. Meine Aufgabe war ja, beim Kerzenanzünden zu helfen. Einige Kerzen brannten schon und man spürte die besondere Stimmung. Ausserdem durften wir Helferinnen und Helfer in den Chorbereich hinter dem Altar gehen, der normalerweise abgesperrt ist. Alleine schon dieser Ort mit all seinen Schnitzereien hat mich beeindruckt. Etwa während einer Stunde habe ich Kerzen angezündet. Am Abend bin ich dann zum Taizé-Gottesdienst zurückgekommen.
Die Nacht der Lichter steht in der Tradition des Taizé-Gebets. Kannten Sie dieses zuvor?
Iris Gallati: Die Taizé-Gottesdienste kannte ich von der Haldenkirche. Auch an der Nacht der Lichter haben mich die Einfachheit, die Stille, das Licht und die Lieder, die typisch für Taizé sind, beeindruckt. Es war so ruhig in der Kathedrale, obwohl sie bis auf den letzten Platz gefüllt war.
Lea Hollenstein: Ich bin keine Taizé-Expertin und war nie an dem Ort in Frankreich, an dem diese besondere Spiritualität gelebt wird. Aber ich kannte Taizé durch meinen Götti, der in Südafrika eine solche Gemeinschaft aufgebaut hatte. Die Rituale und Gesänge haben mich immer schon angesprochen. Ich freue mich daher immer auf die Nacht der Lichter. Gerade heute, wo alles so schnell und hektisch ist, tut mir diese gut.
Infobox
Am 28. November lädt die Nacht der Lichter zum Einstieg in die Adventszeit ein. In der Kathedrale und der Kirche St. Laurenzen in St. Gallen stehen Gesänge aus Taizé, Stille, Gebet und das Leuchten tausender Kerzen im Mittelpunkt. Ein Fackelmarsch führt aus verschiedenen Richtungen in den Stiftsbezirk. Organisiert wird die Nacht der Lichter alle zwei Jahre vom Bistum St. Gallen und der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen.
→ www.nachtderlichter.ch