Es ist eine einschneidende Neuerung», hält Franz Kreissl fest. Er leitet neu die Abteilung Schutz und Prävention des Bistums St. Gallen. Bisher konnten sich Betroffene von Missbrauch im kirchlichen Umfeld beim Fachgremium gegen sexuelle Übergriffe melden, dieses war dem St. Galller Bischof unterstellt und auf ihn ausgerichtet. «Neu sorgt eine Aufsichtskommission, dass das Schuzkonzept umgesetzt wird, dieses Gremium ist fest im dualen System verankert.» Die sechs Mitglieder dieses neuen Gremiums werden vom St. Galler Bischof, dem Katholischen Konfessionsteil, den Vereinen der Kirchengemeinden AI und AR sowie dem Kirchgemeindeverband St. Gallen gewählt. «Diese duale Verankerung macht Sinn», so Franz Kreissl, «Forschungen im Bereich Missbrauchsaufarbeitung betonen immer mehr den Bystander-Effekt: Missbräuche geschahen nicht nur, weil Bischöfe weggeschaut oder nichts unternommen haben, oft war ein ganzes System dafür verantwortlich, dazu gehören auch die Verantwortlichen in den Pfarreien, in den Vereinen, die Eltern …»
Seelsorgerliche Begleitung
Das Bistum St. Gallen orientiert sich bei den Neuerungen an den Massnahmen, die die Schweizer Bischofskonferenz in den vergangenen Monaten eingeführt hat. Betroffenen-Organisationen forderten unter anderem die Gründung einer unabhängigen, schweizweiten Meldestelle. Das neue Verfahren des Bistums St. Gallen sieht vor, dass Betroffene direkt an die kantonale Opferhilfe verwiesen werden. Hier bekommen sie eine unabhängige Beratung über mögliche Verfahrenswege und deren Konsequenzen. An der Anzeigepflicht des Bischofs ändert sich dadurch nichts. «Von früheren Meldungen wissen wir, dass manchen Betroffenen eine seelsorgerliche Begleitung wichtig ist und dies bei der Verarbeitung des geschehenen Leides helfen kann», so Franz Kreissl, «neu wird es im Bistum einen Pool mit circa sieben Seelsorgenden mit Zusatzausbildung zu diesem Thema geben, die für diese Begleitung angefragt werden können.»
Interesse an Optimierungen
Zu den Neuerungen gehört auch ein Stellenausbau der Präventionsbeauftragten Dolores Waser Balmer. Ihr Pensum wurde per Anfang Jahr von 20 auf 30 Prozent erhöht. Als Präventionsbeauftragte führt Dolores Waser Balmer regelmässig Schulungen durch – für Mitarbeitende und für alle, die sich freiwillig in der Kirche engagieren. «Erfreulicherweise nehme ich eine grosse Sensibilität für das Thema wahr», sagt sie. «Viele Seelsorgeeinheiten nehmen mit mir Kontakt auf und wollen erfahren, was sie vor Ort noch verbessern können.» Sie nennt ein positives Beispiel: «Anfangs waren manche Seelsorgende skeptisch: Wie reagieren die freiwillig Engagierten, wenn wir von ihnen einen Strafregisterauszug verlangen? Dann haben die Reaktionen gezeigt, dass viele Freiwilligen diesen Auszug gerne erbringen, da sie selber einen Beitrag leisten wollen, um alle Beteiligten im kirchlichen Umfeld zu schützen.» Bei ihrer Präventionsarbeit soll alle fünf Jahre ein neues Thema im Fokus stehen, aktuell ist es der Aspekt Balanceakt Macht. Zudem bietet Dolores Waser Balmer monatlich neu regelmässig Online-Infoveranstaltungen für alle Interessierten an (siehe Kasten). Die ersten Zoom-Veranstaltungen haben bereits stattgefunden. «Bei den Vormittags-Terminen haben sich bis zu zwanzig Personen zugeschaltet», so Dolores Waser Balmer, «die Abendveranstaltungen, die sich primär an Räte und freiwillig Engagierte richten, wurden bisher noch nicht genutzt, wir müssen da noch mehr Werbung machen.»
Online-Veranstaltungen
Die Kommission Schutz und Prävention im Bistum St. Gallen informiert in mehren Zoom-Veranstaltungen Mitarbeitende, Räte und freiwillig Engagierte über aktuelle Entwicklungen im Bereich Missbrauch in der Katholischen Kirche und deren Prävention. Auf einem Padlet ist die Traktandenliste sichtbar und Fragen können vorab eingegeben werden. Termine 2026:
Donnerstag, 19. März 2026, jeweils 11.00 und 19.00 Uhr
Donnerstag, 11. Juni 2026, jeweils 11.00 und 19.00 Uhr
Dienstag, 22. September 2026, jeweils 11.00 und 19.00 Uhr
Dienstag, 3. November 2026, jeweils 11.00 und 19.00 Uhr
Bild: Urs Bucher