Melanie Wolfers, worüber haben Sie sich heute gefreut?
Melanie Wolfers: Über den wunderbaren Herbsttag. Warm und herrlich. Und dann, ich habe mir in den vergangenen Wochen grosse Sorgen um einen Menschen gemacht, den ich sehr liebe. Und dem es wirklich schlecht ging. Und der sich gerade so von Tag zu Tag ein bisschen berappelt und wieder mehr ins Leben kommt.
Beim Blick in die Welt und in die Medien könnte einem die Freude so ganz vergehen. Ein Buch über die Freude – ist das nicht etwas naiv?
Ich habe tatsächlich drei Jahre gebraucht, bis ich mich wirklich rangesetzt hatte: Melanie, ist das nicht eine milde Form von Realitätsverweigerung, wenn du jetzt ein Buch über Freude schreibst? Und heute nach der intensiven Beschäftigung mit dem Thema sage ich: nicht trotz, sondern wegen der Dunkelheit da draussen gilt es, dass wir uns der Freude zuwenden und ihr in unserem Leben Raum geben und zwar persönlich, zwischenmenschlich und gesellschaftlich. Sie ist eine Kraft, die uns persönlich stärkt, die unser Leben reich und lebenswert macht. Sie hilft uns, Krisen besser zu bewältigen.
Aber was, wenn ich einer bin, der sich den Kopf zerbricht, der immer das Negative sieht und Sorgen wälzt?
Etwa 80 Prozent der Gedanken, die wir am Tag haben, sind negativer Art, sagen Studien. Das passiert ganz automatisch und natürlich. Das hat viele Gründe, einer davon: die Evolution hat unser Gehirn nicht auf Genuss, sondern auf Überleben trainiert. Unser Steinzeithirn hat nach wie vor die Angewohnheit, sich auf das Negative zu konzentrieren. Ich merke es zum Beispiel, wenn ich nach Hause komme und dann in meiner Ordensgemeinschaft mal wieder die Geschirrspülmaschine nicht ausgeräumt ist. Dann nervt mich das. Ich könnte mich aber auch freuen, Mensch, da hat jemand eingekauft. Die meisten finden das Haar in der Suppe und vergessen darüber die Suppe, die eigentlich ganz gut geschmeckt hat. Und so ist unser Gehirn. Hier kann eine Kultur von Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Dankbarkeit ganz viel helfen. Wenn ich aber auf Dauer tief traurig bin, sollte das medizinisch abgeklärt werden oder nach anderen Faktoren gesucht werden, dafür ist mein Buch nicht das richtige Buch. Es kann sein, dass ein Hormonspiegel nicht stimmt und man an einer depressiven Verstimmung leidet und eine Behandlung hilfreich wäre.
Wie kann ich mein Gehirn «umtrainieren?»
Zum Beispiel mit dem berühmten Dankbarkeitstagebuch. Studien zeigen, wenn jemand das über mehrere Wochen macht, verändern sich Lebensqualität und Lebenszufriedenheit signifikant zum Besseren. Und zwar auch längerfristig. Wir können unser Gehirn und unsere Aufmerksamkeit daraufhin trainieren, dass wir die Welt schön umfassender sehen. Die Welt ist ja nicht nur schlecht, aber viele sind schlecht darin, das Gute zu sehen. Diese Erweiterung der Perspektive ist eine Frage von Übung, von Aufmerksamkeit. Ich ermuntere auch zur Nachfreude: Wenn ich mich abends an schöne Erlebnisse erinnern, geniesse ich am Abend die Freude noch einmal, ich kann mich der Nachfreude hingeben.
Und wie lässt sich die Stimmung im Büro, bei der Arbeit verbessern?
Dafür gibt es eine gute Übung, die nenne ich im Buch die angewandte Relativitätstheorie. Wenn mich irgendwie was nervt oder mir ein Kommentar einer Kollegin gegen den Strich geht, lohnt es sich, zu fragen: Welche Bedeutung hat diese Situation in zehn Minuten, in zehn Tagen, in zehn Jahren und an deinem Lebensende? Und da fange ich manchmal schon bei zehn Minuten an zu lachen, weil ich merke, wie gross sich gerade mein Ärger oder meine Angst aufspielt. Manchmal bringt mich die Perspektive des Lebensendes auch dazu, etwas zu tun, das nicht leicht, angenehm oder bequem ist, aber das stimmig und richtig ist. Und das gibt mir eine innere Heiterkeit oder einen inneren Frieden, selbst wenn es in diesem Moment schwierig ist, weil ich in Übereinstimmung mit mir und meinen Werten zu handeln.
Wie gelingt es mir, in meinem persönlichen Umfeld mehr Freude zu verbreiten?
Ich finde es ganz wichtig, dass man niemandem die Freude ans Knie nagelt. Ich wäre die Letzte, die Menschen in schweren Situationen Lebensfreude predigt. Man muss situativ schauen, was angemessen ist. Aber wenn zum Beispiel in der Arbeit eine miese Stimmung ist, dann könnten Sie sich fragen, worüber reden wir eigentlich beim Mittagessen: über die doofe Chefin, den nervigen Chef, die laute Baustelle vor dem Büro oder das, was in Kirche und Welt schief läuft? Oder erzählen wir uns auch Geschichten des Gelingens – also auch das Positive? Wenn jemand irgendwie was Positives erzählt, beim Thema bleiben. Nachfragen, was war daran für dich besonders oder wie hast du das erlebt? Geteilte Freude ist doppelte Freude. Dort, wo wir die Freude mit der anderen Person teilen, wächst die Freude der anderen und meine eigene.
Hat die Freude jetzt einen festen Platz in Ihrem Alltag? Oder müssen auch Sie sich immer wieder an sie erinnern?
Die Freude hat in meinem Leben Platz. Immer. Nicht in dem Sinne, dass ich immer rumlaufe wie ein lächelnder Smiley. Ich kenne genauso Zeiten von tiefem Traurigsein oder von Nicht-Weiter-Wissen oder einfach erschöpft und müde sein. Ich glaube, das ist auch sehr normal. Wenn ich sage, die Freude hat einen festen Platz in meinem Leben, dann hat das sicher auch was mit meinem Naturell zu tun, aber vor allem mit meiner Lebenskultur: Ich versuche, auf das Positive und Gute zu achten. Und wenn es wirklich im Klitzekleinen ist. Das sind dann so Mikromomente von Freude, die einfach den Tag ein Stückchen lichter machen, wenn es vielleicht an dem Tag gerade eher dunkel ist und die seelischen Wolken tief hängen.
→ Das Buch «Freude – das Leben ins Herz schliessen» ist im Buchhandel erhältlich
Donnerstag, 5. November 2026, 20 Uhr
Wir fühlen uns manchmal überfordert, hilflos oder ohnmächtig – etwa, wenn mit den Kindern etwas schief läuft, wir erkranken oder eine Beziehung in die Brüche geht. Angesichts unserer krisengeschüttelten Welt machen sich Ohnmachtsgefühle und Mutlosigkeit breit. Die gute Nachricht: Wir können lernen, besser mit Situationen umzugehen, in denen wir uns ausgeliefert fühlen. Im Vortrag «Nimm der Ohnmacht ihre Macht» zeigt die Theologin und Philosophin Melanie Wolfers, wie Zuversicht vieles zum Positiven verändern kann. Der Vortrag hilft, die Kraft zu entdecken, die in uns wohnt und die der Glaube in uns freisetzt. Melanie Wolfers arbeitet als Rednerin, Beraterin und Autorin und moderiert im ZDF die Lebenshilfe-Talksendung «Die letzte Bank». Seit 2004 lebt sie in einer internationalen christlichen Ordensgemeinschaft in Wien. Der Vortragsabend wird musikalisch ergänzt von Bernhard Klas.
→ Pfarreiheim Buchs
Bild: Ulrik Hölzel