Zyniker gelten als klarsichtig. Als Menschen, die sich nichts vormachen lassen. Sie betrachten ohne Illusionen die Welt. Klingt nach einer passenden Portion Skepsis, ohne die wir vieles zu schnell glauben. Trotzdem bleibt mir die Irritation. Zynismus erscheint mir als untreuer Freund der Skepsis.
Die Skeptikerin sagt: Stimmt das wirklich? Die Zynikerin sagt: Es bringt ja doch nichts. Vom Psychologen Jamil Zaki stammt die treffende Unterscheidung: Skepsis ist ein Mangel an Vertrauen in unsere Annahmen. Zynismus hingegen ein Mangel an Vertrauen in Menschen.
Noch nicht fertig
Darin ist der Zynismus der Bruder der Hoffnungslosigkeit. Auch sie ist kein Zeichen besonderer Klarsicht oder Realitätsnähe. Sie kommt zwar bescheiden und nüchtern daher. Doch eigentlich ist sie ein Luxus. Ein verantwortungsloser Luxus, den wir uns nicht leisten dürfen. Denn Hoffnung bedeutet: Die Geschichte dieser Welt ist noch nicht fertig geschrieben.
Solange Gott mit dieser Welt noch nicht fertig ist, dürfen auch wir es nicht sein. Der verstummte Zyniker in mir ist überzeugt, das Umgekehrte gilt ebenso: Solange wir nicht mit der Welt fertig sind, ist es auch Gott nicht.
Autor: Gregor Scherzinger, Co-Geschäftsleiter Caritas St. Gallen-Appenzell