Meine Sicht: Die kirchische Verwechslung

Erich Guntli, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Werdenberg

In der Wahrnehmung vieler ist die Kirche eine Moralanstalt. Sie habe die zehn ­Gebote. Daran müsse man sich halten. Es sei ihr Auftrag, daran zu erinnern, ob gelegen oder ungelegen.

Apostel Paulus war geschult in der pharisäischen Auslegung des Gesetzes. Aus den zehn Geboten wurden in der jüdischen Tradition 613 Mizzwot, Gebote und Verbote. Sie sollten eine Hilfe sein, zu erkennen, was richtig und was falsch ist.

 

Paulus stellt jedoch fest: «Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.» (Röm 7,19) Er spürt am eigenen Leibe, wie moralische Anstrengung zum Scheitern verurteilt ist. Kein Mensch kann perfekt und vollkommen sein. Er ist ein Sünder.

 

Hüten vor Moralpredigten

Jesus Christus allein, das ist die Erkenntnis des Paulus, kann ihn aus dem Dilemma vom Wollen und Nicht-Können herausholen.

 

Ich hüte mich vor Moralpredigten. Ich weiss nur zu gut, dass ich nicht befolgen kann, wovon ich rede. Das Dilemma des Paulus ist auch meines.

 

Glauben lässt sich jedoch nicht auf Moral reduzieren. Im Gegenteil – gerade dann, wenn ich versage, darf ich vertrauen: Ich bin dennoch von Gott geliebt. Dafür gab Jesus am Kreuz sein Leben hin.

 

Text: Erich Guntli, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Werdenberg

Veröffentlichung: 17.02.2026