Keine Angst vor Anteilnahme

Mit oder ohne Spruch, blanko oder mit passendem Sujet: Die Auswahl und das Schreiben ­einer Trauerkarte fällt nicht immer leicht. Luzia Fuster aus der Seelsorgeeinheit Appenzell macht Schreibenden Mut und gibt Tipps.

Wer die Kirche im innerrhodischen Schlatt betritt, findet nicht nur eine aus dem Jahr 1760 erhalten gebliebene Rokoko-Kanzel, sondern rechts bei der Eingangstüre auch Trauerkarten. An diesem sonnigen Montagnachmittag ist es eine Karte mit einem in bunten Farben gestalteten Engel. Die Rückseite der Karte verweist auf die Herkunft: Hospiz Appenzell. In der ganzen Seelsorgeeinheit Appenzell liegen solche Trauerkarten auf. Wer eine mitnimmt, kann mit einer freiwilligen Spende die Arbeit des Hospiz-Dienstes unterstützen. «Ich persönlich finde diese Idee sehr schön. Die Karten verbinden die Möglichkeit, seine Anteilnahme auszudrücken, mit der Unterstützung eines wichtigen Dienstes für schwer kranke und sterbende Menschen», sagt Luzia Fuster, Religionspädagogin in der Seelsorgeeinheit Appenzell und Pfarreibeauftrage ad Interim in Schlatt.

 

Zeichen der Verbundenheit

Wenn wir mit anderen trauern und unsere Anteilnahme ausdrücken möchten, fällt uns das nicht immer leicht. Wir hinterfragen die Wortwahl, machen uns Gedanken über das «passende» Motiv einer Trauerkarte oder den richtigen Zeitpunkt.

Nicht immer fällt die Wahl leicht: Die Auswahl an Trauerkarten ist riesig. In der Papeterie Bürodesign in Herisau werden häufig Karten mit Originalfotos nachgefragt.

Und doch zeigt sich immer wieder: Eine Trauerkarte kann viel Trost spenden. Das weiss Luzia Fuster aus eigener Erfahrung: «Trauerkarten zeigen mir, dass der oder die Verstorbene für viele Menschen wichtig war und geschätzt wurde.» Besonders berührend empfindet sie, wenn persönliche Erinnerungen geteilt werden. «Solche Worte lassen die Verbundenheit besonders spüren und haben mir in einer schweren Zeit Trost und Kraft geschenkt.»

 

Der Schmerz bleibt

Schreibenden rät Luzia Fuster, sich nicht zu viele Gedanken zu machen: «Trauernde erwarten oft keine perfekten Formulierungen. Vielmehr berühren ehrliche und persönliche Worte.» Eine einfache, aufrichtige Botschaft könne oft mehr Trost schenken als ein perfekt formulierter Text. «Entscheidend ist, dass die Anteilnahme spürbar wird.» Immer wieder höre sie von Menschen, dass diese eine Trauerkarte aufbewahrt oder sie nach einiger Zeit nochmals gelesen hätten, weil sie sich davon verstanden und getragen fühlten. «Eine Trauerkarte kann den Schmerz zwar nicht nehmen. Aber sie kann zeigen: Du bist mit deiner Trauer nicht allein. Jemand denkt an dich, nimmt Anteil und trägt ein Stück des Weges mit dir. Gerade nach den ersten Tagen, wenn vieles überwältigend ist, kann dieses Zeichen der Verbundenheit sehr wertvoll sein», so Fuster. Das Beziehungsverhältnis zwischen Schreibendem und Trauerndem sei dabei nicht entscheidend. «Viel wichtiger ist, dass die Karte von Herzen kommt. Es sollte kein ‹Ich muss eine Karte schreiben› sein, sondern ein ehrliches ‹Ich möchte meine Anteilnahme ausdrücken›.» Eine Trauerkarte solle vor allem eines ausdrücken, so Fuster: «Ich denke an dich. Ich fühle mit dir. Du bist in dieser schweren Zeit nicht allein. Mehr braucht es oft gar nicht.»

 

Sorgfältige Auswahl

Auf der Suche nach einer Trauerkarte führt uns der Weg oft in eine Papeterie. Dort zeigt sich eine riesige Vielfalt. Löwenzahnblumen vor knalligem Hintergrund, aufeinandergestapelte Steine in monochromem Grau, für jede Gelegenheit nutzbare Blankokarten, Karten mit und ohne Sprüche. Nicht immer fällt uns die Auswahl einfach. Das weiss Martina Weigelt, Geschäftsführerin der Papeterie Schiff in St. Gallen.

In der Papeterie Schiff in St.Gallen haben die Trauerkarten einen hohen Stellenwert. Regula Weigelt stellt selbst Karten her.

In der Papeterie Schiff haben die Trauerkarten im Karten-Sortiment einen sehr hohen Stellenwert. «Bei keinem anderen Sujet, zum Beispiel Geburtstag oder Dankeskarte, ist der Bezug zur Person und das passende Motiv so wichtig. Bei der Auswahl einer Trauerkarte nehmen sich die Menschen überdurchschnittlich viel Zeit. Sie prüfen Design und Aufmachung sehr genau und wählen mit grosser Sorgfalt die passende Karte aus. Dabei zeigt sich auch, dass eine Trauerkarte durchaus mehr kosten darf als andere Grusskarten», so Weigelt. Besonders gefragt seien Karten mit einem bereits vorhandenen Text. «Oft fällt es schwer, in einer Zeit der Trauer die passenden Worte zu finden. Ein sorgfältig gewählter Text hilft dabei, Mitgefühl und Anteilnahme auf würdevolle Weise auszudrücken.»

 

Adresse nicht vergessen

Für Schreibende hat Luzia Fuster verschiedene Tipps parat. Erstens: sich Zeit nehmen. Dabei könne es helfen, den verstorbenen Menschen in Gedanken nochmals «vorbeiziehen» zu lassen. Welche Erinnerungen verbinde ich mit ihm? Was habe ich an ihm geschätzt? Gab es eine Begegnung oder ein Erlebnis, das mir besonders geblieben ist? «Solche persönlichen Gedanken machen eine Trauerkarte oft besonders wertvoll», so Fuster. Zweitens sei es wichtig, dass die Worte ehrlich sind. «Oft sind es gerade die einfachen und persönlichen Sätze, die Trost schenken.» Als kleiner, aber wichtiger Hinweis nennt Fuster auch die Unterschrift. Sie rät, nicht nur einen Vornamen unter die Karte zu setzen, sondern den vollständigen Namen und – wenn möglich – auch eine Anschrift. «Gerade wenn viele Karten eintreffen, wissen die Trauernden manchmal nicht mehr genau, von wem sie stammt. Mit einer vollständigen Anschrift erleichtern sie die Zuordnung und geben sie den Angehörigen die Möglichkeit, sich später für die Anteilnahme zu bedanken. Für viele Trauernde ist das ein wichtiges Bedürfnis.» Viertens rät Fuster zur Zurückhaltung mit gut gemeinten Floskeln wie «Die Zeit heilt alle Wunden» oder «Es war Gottes Wille». Auch Ratschläge aufgrund eigener Trauererfahrungen würden in diesem Moment meist wenig helfen. «Trauer ist etwas sehr Persönliches und jeder Mensch erlebt sie anders.»

Alessia Pagani
Autorin
Veröffentlichung: 27.07.2026