«Es ist dringlicher denn je» - Hildegard Aepli vom Bistum St.Gallen und Mitinitiatorin des Projektes.
Wir sind vor zehn Jahren mit dem Ziel nach Rom gepilgert, unsere Anliegen bei Papst Franziskus zu deponieren: Männer der Kirche sollen nicht mehr ohne Frauen über die Rolle der Frauen und die Belange der Kirche nachdenken, diskutieren und entscheiden, sondern nur noch mit Frauen zusammen. Unser Wording bleibt für die Kirche topaktuell. Vor allem im Blick auf die Situation sehr vieler Frauen in unserer Welt ist es dringlicher denn je. Es ist in diesen zehn Jahren viel geschehen, was aber beinahe nicht gesehen wird. Denn trotz allem liegt das Ziel der Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung in weiter Ferne.
Für mich persönlich hat Papst Franziskus mit dem synodalen Gespräch im Geist ein geniales Werkzeug vermittelt. Die Bilder der Bischöfe, Frauen und Männer an den runden Tischen der Weltsynode sind ein Hoffnungsbild. Das Zuhören, das wirkliche Zuhören, empfinde ich als Schlüssel für alle Zukunftsfragen. Ich empfand die ersten Auftritte von Papst Franziskus derart inspirierend, dass ich dachte: Wann, wenn nicht jetzt, bei diesem Papst für eine «Kirche mit* den Frauen» den langen Weg nach Rom unter die Füsse nehmen?
Viele Menschen unterstützten uns, pilgerten einen Tag lang mit und brachten ihre Sehnsucht nach Veränderung auf diese Weise zum Ausdruck. Einige reisten sogar nach Rom, um am 2. Juli 2026 im Petersdom dem Papst unser Anliegen zu überreichen. Er war leider nicht für uns verfügbar. Aber seitens der Medien gab es eine vielfältige Berichterstattung. Besonders freute mich der Dokumentarfilm «Habemus feminas» von drei Werkstudenten.
Heute engagiere ich mich seit sieben Jahren für das Wiboradaprojekt in St.Gallen. Bei diesem wird sichtbar, wie wir bezüglich der Fragen der Frau auch als aufgeklärte, säkulare Gesellschaft noch weite Wege zu gehen haben. Schön sind solche Erlebnisse: Vor etwa zwei Jahren kamen zwei Studentinnen auf mich zu und sagten, dass sie unbedingt im Wiboradaprojekt mitarbeiten wollten. Sie stehen jetzt im Hintergrund unseres Jubiläumsprojektes www.wiborada-ist-da.ch und organisieren über diese Website, dass 2026 jeden Tag jemand in der Wiboradazelle präsent ist. Sie sind beide glücklich, Teil des Projektes sein zu dürfen.
«Blosse Empörung hilft nicht» - Eva-Maria Faber, Professorin an der Theologischen Hochschule Chur und Mitinitiatorin des Projekts.
Seit einigen Jahren beschäftigt mich die Frage, was sich angesichts bestürzender globaler Entwicklungen dem Gefühl der Ohnmacht entgegensetzen lässt. Blosse Empörung hilft nicht weiter. Im Rückblick bleibt für mich das damalige Projekt «Für eine Kirche mit* den Frauen» ein guter Ansatz: Es zeigt einen Weg auf, im Kleinen eine Initiative zu leben, die zwar nicht alles gleich ändert, aber ein Zeichen so gestaltet, dass daraus Ermutigung hervorgeht. Im damaligen Kernteam war es uns wichtig, nicht nur eine Forderung aufzustellen, sondern ein Zeichen zu setzen und zu gestalten, das in sich «schön» ist und eine Aussagekraft hat. Das hat mir sehr zugesagt und mein Engagement getragen. Wegen der hiesigen Verpflichtungen konnte ich den Weg nicht mitgehen und bin nur auf einer nahegelegenen Wegetappe und dann in Rom dabei gewesen. Es war eine spezielle Erfahrung, wahrzunehmen, wie viele Menschen sich beteiligt haben und wie diese Engagierten mitten in der grossen Stadt Rom als Gruppe samt ihren Anliegen erkennbar waren.
Insgesamt gab es gute Resonanz, aber neben Respekt auch Reserve. Den einen ging es schon zu weit. Wenn Frauen sich engagieren, scheint in den Augen mancher ohnehin immer Gefahr zu drohen. Den anderen ging es zu wenig weit. Tatsächlich hatte ich damals das Empfinden, die Kirche müsse lernen, Schritte zu gehen, die in der Gesellschaft zwar noch nicht perfekt, aber doch in grossem Konsens gegangen worden sind und gegangen werden. Das stellt sich heute anders dar. Es ist beklemmend und bestürzend, wie zivilisatorische Errungenschaften in vielen Bereichen, auch hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter, bedroht sind, angefochten werden, verloren gehen. Allerdings ändert dies nichts am Anliegen.
Kirche kann sich nicht darauf zurückziehen, dass Frauenrechte ja auch in der Gesellschaft unter Druck sind. Vielmehr müsste sie umso mehr dafür sorgen, selbst Frauen in allen Hinsichten gleichberechtigt einzubeziehen. In den vergangenen Jahren ist in dieser Hinsicht – nicht zuletzt in den vatikanischen Behörden – zwar einiges geschehen, viel zu viel bleibt in der Alltagswahrnehmung aber unverändert. Für Frauen wie für Männer ist es dringlich, in einem persönlichen Glauben verankert zu sein, der nicht in der Kirchenbindung aufgeht. Es braucht Kirche, die Halt und Gemeinschaft gibt und die dem eigenen Engagement einen verlässlichen Rahmen gibt. Aber die Kirche ist immer auch enttäuschend, in manchem (zu) behäbig, sie hat als Institution notwendig Ecken und Kanten, die auch wehtun. Ohne die tiefe Verwurzelung in der Gottesbeziehung, das persönliche Leben aus dem Evangelium reibt man sich auf.