«Wagt es, das Wort zu ergreifen»

Nochmals nach Rom pilgern? Nur wenn der Zugang zu allen Ämtern in der Kirche für alle Getauften offen ist. Da sind sich Cäcilia Koller, Claire Renggli und Mariette Mumenthaler (v. l.) sowie Theres Steger (Bild unten) einig.

Eine Freundschaft, die sie bis heute verbindet, und eine Pilgerreise nach Rom für die ­Rechte der Frauen: Vier Frauen erzählen, weshalb sie vor genau zehn Jahren bei «Kirche mit* den Frauen» mitmachten und wovon sie heute träumen.

Im Juni reisen Sie per Zug nach Rom und begeben sich auf die Spuren Ihrer Pilgerreise vor zehn Jahren. Wieso?

Claire Renggli (CR): Zunächst einmal ist durch die Pilgerreise damals eine Freundschaft über Kantons- und Sprachgrenzen hinweg zwischen uns entstanden. Wir kannten uns zuvor nicht, gehörten aber zu jenen Personen, die die ganze Strecke von St. Gallen nach Rom gepilgert sind. Wir treffen uns seither regelmässig, manchmal auch bei mir in St. Gallen. Und wir sind der Meinung, dass unser Anliegen, die absolute Gleichberechtigung von Männer und Frauen in der Kirche, wichtiger ist denn je. Nun möchten wir noch einmal nach Rom zurückkehren, wichtige Stationen von damals besuchen. Vielleicht gelingt es uns auch, einige offizielle Personen im Vatikan zu treffen. Wir setzen uns alle ehrenamtlich und in verschiedenen Formen für Frauen in der Kirche ein. Da gibt es noch viel zu tun.

 

Was hat sich in zehn Jahren «Kirche mit* den Frauen» getan?

Cäcilia Koller (CK): Vordergründig hat sich seit zehn Jahren nicht wirklich etwas verändert. Aber ich stelle fest, dass doch auch innerhalb der Kirche die Gedanken freier werden. Viele Würdenträger haben sich inzwischen zumindest so geäussert, dass sie sich geweihte Frauen in der Kirche vorstellen können.

Mariette Mumenthaler (MM): Gleichberechtigung in der Kirche bedeutet für uns Frauen zum einen, Zugang zu haben zu allen anerkannten Stellen, die Verantwortung tragen. Zum anderen schliesst es aber auch eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben der Kirche wie bei der Liturgie mit ein. Diese gleichberechtigte Teilhabe verlangt von den Männern Respekt, Ermutigung sowie Anerkennung der Kompetenzen und Charismen der Frauen.

CK: Das ist ein springender Punkt. Wenn Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat, dann deshalb, weil es alle Menschen in ihrer ganzen Vielfalt braucht, damit sein Projekt «Schöpfung» gelingt. Für eine Veränderung in der Kirche braucht es den Papst und die Bischöfe. Die Tradition, beim Papst etwas zu erbitten und dafür nach Rom zu pilgern, ist schon sehr alt. Ich sehe eine Parallele zum Frauenstimmrecht: Erst wenn wir die Mehrheit der Männer für unser Anliegen gewinnen können, kann sich auch tatsächlich etwas ändern.

 

Woher kommt Ihre Motivation?

CR: Das Engagement für die Frauen in der Kirche durchzieht meinen Lebensweg: Ich war Pfadiführerin im Heiligkreuz in St. Gallen. Später engagierte ich mich bei der Internationalen Katholischen Konferenz der Pfadfinderinnen, dann bei der Weltunion katholischer Frauenverbände und bei Andante, der europäischen Allianz der katholischen Frauenverbände. Dieser Pilgerweg nach Rom setzte dieses Engagement wie einen roten Faden fort.

MM: Mit der Pilgerreise nach Rom konnten wir auf den Leidensdruck all jener Frauen aufmerksam machen, die sich für die Kirche engagieren, denen die Hierarchie aber keinen Platz gibt.

Theres Steger (TS): Pilgern bedeutet ja auch «beten mit den Füssen». Ich wollte das Pilgern nach Rom miterleben, um selbst dazu beizutragen, eine Veränderung innerhalb der katholischen Kirche anzustossen.

 

Welche Erlebnisse prägten sich Ihnen besonders ein?

MM: Für mich ist es die Freundlichkeit der Menschen. Auf dem Splügenpass erwartete uns eine warme Suppe. In Restaurants durften wir unsere nassen Kleider trocknen. Es gab unerwartete Begegnungen wie mit einer nigerianischen Prostituierten. Das waren zwei verschiedene Welten, aber mit der gemeinsamen Forderung nach Würde.

CK: Unterwegs durften wir immer wieder erfahren, dass unser Projekt unter einem besonderen Segen steht. Zum Beispiel sind unsere schweren Rucksäcke immer wieder von lieben Menschen transportiert worden.

CR: Ich war beeindruckt davon, wie viele Frauen und Männer sich uns auf dem ganzen Pilgerweg für eine Kirche mit* den Frauen angeschlossen haben. Sie kamen aus allen Gegenden der Schweiz, aus Deutschland, Österreich, Südtirol und Italien.

TS: Es gab definitiv ein grosses Interesse an dem Projekt. Nicht vergessen werde ich das Miteinander auf dem schönen, aber teils mühsamen Weg und das Ankommen in Rom mit der bewegenden Schlussfeier. Dazu gehört leider auch die Enttäuschung darüber, dass wir im Vatikan nicht willkommen waren.

Zehn Jahre «Kirche mit* den Frauen»: Die Kerngruppe mit den ­Pilgerinnen und Pilgern (Theres Steger in Schwarz mit Hut), die den ganzen Weg von St. Gallen nach Rom zu Fuss gegangen sind.

Wie war die Unterstützung durch die Öffentlichkeit?

CK: Vor allem auf dem Weg durch die Schweiz waren wir von Menschen begleitet worden, die das Anliegen auch schon lange in ihren Herzen trugen. Aber auch Personen, die mit Kirche nichts am Hut hatten, beglückwünschten uns. Im Bistum Chur, das unsere Pilgerreise überhaupt nicht unterstützte, gab es einen Pfarrer, der frühmorgens bei grösstem Regen zu unserem Startplatz kam. Er spendete uns den Pilgersegen und begleitete uns ein ganzes Stück, obwohl das Frauenthema in der Kirche vermutlich nicht sein dringendstes Thema war. Das hat mich sehr berührt.

MM: Priester und Bischöfe hatten uns zwar unterstützt. Viele sind nach Rom gekommen und haben den Gottesdienst im Petersdom mit uns gefeiert. Aber danach ist gar nichts mehr passiert. Als wäre es ein Unfall gewesen. Besonders die Verweigerung der Kurie, Papst Franziskus in einer Audienz zu begegnen, war beschämend. Ich empfand das als ein Zeichen der Angst.

CR: Aber dank des Films «Habemus Feminas» von Silvan Maximilian Hohl, der unsere Reise dokumentierte, wurde unser Anliegen breit wahrgenommen. Es gab die Premiere im Kino in Zürich sowie mehrere Vorstellungen in St. Gallen. Auch Pfarreien und Organisationen konnten den Film ausleihen.

TS: Die Resonanz war allerdings nicht überall positiv. In meiner Pfarrei gab es nach der Filmvorführung «Habemus Feminas» viel Begeisterung und Anteilnahme an diesem Projekt, aber auch Kopfschütteln darüber, was die Frauen denn noch alles wollen.

 

In den letzten Jahren hat sich gesellschaftlich nicht alles zum Positiven gewendet: Femizide, konservative Rollenverständnisse oder neue Formen wie digitale Gewalt zeigen, wie dringlich Ihr Anliegen ist.

CR: Gerade hinsichtlich solcher Entwicklungen ist eine «Kirche mit* den Frauen» wichtiger denn je. Die Kirche muss sich glaubwürdig für Gleichstellung von Frauen und Männern sowie für die Würde jedes Menschen einsetzen. Sie könnte ein Kontrapunkt zum aktuellen Backslash in der Gesellschaft und Politik sein und hinschauen, wenn patriarchale Strukturen und Haltungen nicht hinterfragt werden.

CK: Von der Kirche wäre es ein starkes Zeichen, wenn sie sich für Frauen, also schlicht für das Leben aller einsetzen würde. Ich bin mir sicher, dass viele Missstände in der Vergangenheit dadurch noch befördert worden sind, dass die Kirche sich nicht für die gleiche Würde von Mann und Frau stark machte.

MM: Ich denke, in diesen zehn Jahren seit der Pilgerreise gibt es einen leichten Mentalitätswandel bei den Verantwortungsträgern und den Pfarreimitgliedern: Was man vorher noch nicht zu sagen wagte, kann man jetzt aussprechen. Die Frauen haben mehr Selbstbewusstsein erlangt und sie wagen, zu sprechen, wagen, das Wort zu ergreifen. Viele Bewegungen sind in der Schweiz, in Europa und weltweit entstanden. Dazu gehören Junia, Gebet am Donnerstag, Allianz Gleichwürdig Katholisch, das Réseau des femmes en Eglise in der Westschweiz und vieles mehr. Wir können nur hoffen, dass dieser Elan fortdauert und in konkrete Reformen umgesetzt wird.

 

Was raten Sie jungen Frauen, die sich heute in der Kirche engagieren wollen?

CR: Vernetzt euch mit anderen jungen Frauen. Seid euch eurer Kompetenzen und Charismen bewusst. Wagt es, das Wort zu ergreifen. Ihr seid nicht alleine. Auf allen Kontinenten sind sich Frauen ihrer Diskriminierung bewusst und kämpfen für die gleiche Würde aller Christinnen und Christen.

TS: Dranbleiben, durchhalten, die Stimme erheben, sich für Gleichberechtigung einsetzen. Aus der Kirche austreten ist keine Option. Meine Hoffnung ist der Synodale Weg.

CK: Die Sache Jesu verdient es auf jeden Fall, dass wir uns dafür einsetzen. Wenn wir das gemeinsam mit aller Kraft tun, werden wir uns eines ­Tages vielleicht auch durchsetzen.

 

 

Grosses Fest für Wiborada

Das Projekt «Kirche mit* den Frauen» ist eng verknüpft mit der Botschaft der heiligen Wiborada – jedes Jahr am 2. Mai pilgern Frauen und Männer nach St. Gallen. Den Auftakt dieses «Wiboradatags» machte 2013 das Pilgern nach Rom mit «Kirche mit* den Frauen». Dieses Jahr feiert am 2. Mai St. Gallen den 1100. Todestag der Inklusin Wiborada mit einem grossen Fest bei der St. Mangen-Kirche: mit Essen, Musik, Lesungen, Kunst und eigens gebrautem Wiborada-Fenchelbier. Unter anderem auf der Bühne sind die Velvet Two Stripes, die Punk-Band Rednova, das Frauenstreichquartett, DJ Kutschenfahrt und die Kabarettformation Care­Belles. Zum Rahmenprogramm gehören zudem ein Festakt in der Kirche, der neue Frauenstadtrundgang «Wiboradas Schwestern», eine Feuershow und ein Angebot für Kinder.

→ Infos: www.wiborada-ist-da.ch

 

Vier Wochen zu Fuss

Die Bewegung «Kirche mit* den Frauen» entstand 2014. Ihren Höhepunkt bildete 2016 eine Pilgerreise zu Fuss von St. Gallen bis nach Rom vom 2. Mai bis 2. Juli. Neun der Teilnehmenden machten den ganzen Weg zu Fuss, die meisten übrigen schlossen sich etappenweise an. 680 Pilgernde kamen in Rom an. Die Gruppe wurde nicht von Papst Franziskus persönlich empfangen. Ihren Brief konnten sie ihm unter anderem durch die Vermittlung von dem damaligen St. Galler Bischof Markus Büchel übergeben lassen. Mitinitiatorin des Projektes war Hildegard Aepli vom Bistum St. Gallen. Zum Projektteam gehörte auch Eva-Maria Faber, Professorin an der Theologischen Hochschule Chur.

→ Die Aufzeichnungen mit Aepli und Faber auf www.pfarreiforum.ch/kirche-mit-den-frauen

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 22.04.2026