Mithilfe von KI mit der verstorbenen Oma sprechen – was löst diese Vorstellung bei Jutta Schubiger, Seelsorgerin in Schmerikon, aus? Und was hilft Trauernden wirklich?
Ich habe Geburtstag, alle Freunde sind da, plötzlich klingelt mein Handy, meine verstorbene Oma ruft an und gratuliert mir – dank KI ist so etwas inzwischen schon möglich. Wenn die KI über genügend Audio-Aufnahmen der verstorbenen Oma verfügt, kann sie daraus neue Sätze generieren. «Eine ziemlich schräge Vorstellung», sagt Jutta Schubiger, Theologin und Pfarreibeauftragte in Schmerikon. «Das könnte ich mir für mich gar nicht vorstellen. Selbst wenn das täuschend echt klingt, wäre das nie das Gleiche wie wenn ich mich früher mit meiner Oma unterhalten habe.» Jutta Schubiger führt als Seelsorgerin Trauergespräche und begleitet Trauernde.
Nur ein Ausschnitt
Dass KI es möglich mache, die Beziehung zu Verstorbenen aufrechtzuerhalten, mit ihnen zu sprechen und sie weiterhin als Teil des Alltags zu erleben, stimmt Jutta Schubiger nachdenklich: «Eine Beziehung zwischen zwei Menschen besteht aus so vielen gemeinsamen Erfahrungen, Erlebnissen und auch Unausgesprochenem, die KI wird immer nur einen Bruchteil davon wissen.» Dazu kommt: Beziehungen sind dynamisch und entwickeln sich ständig weiter. Entweder konserviert die KI einen Ausschnitt oder sie macht aus der Beziehung etwas, das nur noch wenig mit der echten Beziehung, die man zur verstorbenen Person hatte, zu tun hat. Jutta Schubiger befremdet die Vorstellung vom KI-Anruf auch noch aus einem anderen Grund: «Meine Oma ist jetzt nach meiner Vorstellung an einem anderen Ort – und nicht in der KI. Ich bin überzeugt, dass meine Oma bei Gott ist und dass es ihr gut geht. Diese Vorstellung ist Teil von meinem christlichen Glauben und der Auferstehungshoffnung.»

Würde der Verstorbenen
Jutta Schubiger sieht trotz aller Bedenken auch positive Aspekte: «Die KI ist rund um die Uhr verfügbar, das heisst, ich kann auch in einer Notsituation sofort darauf zugreifen», sagt sie, «Wer mit KI versiert ist, bekommt in so einer Situation vielleicht durchaus hilfreiche Tipps und Anregungen. Und wenn die KI jemandem hilft, ist dagegen auch nichts einzuwenden.» Hinter dem Wunsch, mithilfe von KI mit Verstorbenen ins Gespräch zu kommen, steht oft auch das Bedürfnis, Ungeklärtes zu klären oder Konflikte zu lösen. «Auch die Verstorbenen haben eine Würde», hält Jutta Schubiger fest. Was würde die verstorbene Person davon halten, dass ihre Stimme, ihre Persönlichkeit von der KI genutzt wird und als die «echte» ausgegeben wird? «Wie kann ich wissen, ob die verstorbene Person im Gespräch so geantwortet oder reagiert hätte? Das Gespräch und der Blick auf einen Konflikt ist ja sehr stark von mir geprägt.»
Erinnerungsorte aufsuchen
Jutta Schubiger macht die Erfahrung, dass bei der Bewältigung von ungelösten Konflikten Rituale und die Trauerfeier hilfreich sind. «Wenn Angehörige im Trauergespräch Konflikte ansprechen, überlegen wir uns, ob und wie wir das in die Trauerfeier einbauen können.» Wichtig für den Trauerprozess seien auch konkrete Orte. «Das kann das Grab sein oder Orte, die mich mit der verstorbenen Person verbinden. Ich kann sie immer wieder aufsuchen und in Gedanken mit ihr ins Gespräch kommen oder für sie beten.» Dass KI beim Trauerprozess zum Einsatz komme, sei ihr im Seelsorgealltag bis jetzt noch nie begegnet. «Auch in der Firmvorbereitung, bei der auch die Themen Sterben und Tod besprochen werden, hat das noch niemand erwähnt.» Eines beobachtet Jutta Schubiger bei Trauergesprächen immer wieder: «Trauernden ist es wichtig, dass jemand für sie da ist und einfach zuhört», sagt sie. «Und das kann der Mensch sicher besser als die KI – die KI ist ja so programmiert, dass sie etwas leisten und produzieren will.»
Text: Stephan Sigg
Bild: Manuela Matt
Veröffentlichung: 25.08.2025