Dieser Kunstskandal beschäftigte die ganze Schweiz: In den 1950er-Jahren bekam der Ostschweizer Maler und schweizweit führende Kirchenkünstler Ferdinand Gehr den Auftrag, die Wände der neuen Kirche Oberwil ZG zu gestalten – und löste mit seiner farbenfrohen Kunst einen Sturm der Entrüstung aus. Das Kunstwerk musste schliesslich verhüllt werden. «So ein Gemälde wäre damals in Niederglatt wohl undenkbar gewesen, bei unserem Deckengemälde hat Ferdinand Gehr noch traditioneller gemalt», sagt Vreni Stämpfli, Mitglied des Pfarreigremiums. Sie steht in der katholischen Kirche und blickt hinauf an die Decke. Als sie vor zwanzig Jahren für die neue Website der Pfarrei Fotos vom Deckengemälde suchte, habe sie die Tiefe in Gehrs Werke entdeckt. «Mich fasziniert diese Farbigkeit und die Uneindeutigkeit, man kann ein Bild von ihm immer wieder anschauen und man versteht es jedes Mal anders.»
Von Offenheit geprägt
Vreni Stämpfli hat sich im letzten Jahr mehrmals auf die Reise begeben, um Gehrs Werk kennenzulernen – nach St. Gallen, in die Propstei St. Gerold in Vorarlberg (Bild oben rechts) und einmal fuhren sie und ihr Mann mit ihrem Wohnmobil sogar nach Trier. «Im Trierer Dom, eine der ältesten Kirchen in Deutschland, hat Gehr für zwei ehemalige Fenster eine Alpha- und Omega-Darstellung geschaffen. Für manche ist das bis heute störend, für andere, darunter auch mich, ist dieser Kontrast zwischen traditionell und modern eine absolute Wohltat. Ferdinand Gehr war seiner Zeit voraus. Er wusste, wie man christliche Themen darstellen muss, um auch moderne Menschen abzuholen.» Aus heutiger Zeit seien die negative Reaktionen kaum verständlich. «Im Gegenteil: Sein Werk ist von einer Offenheit geprägt. Auch viele, die mit Kirche nichts anfangen können, finden sich in seinen Bildern wieder und fühlen sich spirituell angesprochen. Sie passen perfekt in unsere Zeit.»
Gehr-Fahne entdeckt
Dieses Jahr hätte Ferdinand Gehr den 130. Geburtstag gefeiert. «Für uns im Pfarreigremium stand sofort fest: Da ist eine Chance, sich intensiver mit dem Werk Gehrs zu beschäftigen», so Vreni Stämpfli, «Ein bedeutender Maler des 20. Jahrhunderts hat seine Wurzeln in Niederglatt, das muss gewürdigt werden.» Da Gehr lange in Altstätten gelebt hat, sei er als Rheintaler Künstler verankert. Gehr hat in vielen Kirchen im Bistum St. Gallen Spuren hinterlassen. In Niederglatt sind es neben dem Deckengemälde noch zwei weitere Werke: Ein Fresko auf der Fassade des ehemaligen Schulhauses und eine bunte Vereinsfahne, die lange unbeachtet im Kirchenestrich gelagert wurde, eine abstrakte Darstellung von zwei Gesichtern, eines mit einer Träne. «Es gibt in Niederglatt noch einige, die Ferdinand Gehr persönlich gekannt haben», weiss Vreni Stämpfli. «Das Jubiläumsjahr soll die Menschen zusammenbringen. Wir würden uns freuen, wenn jüngere Generationen einiges aus erster Hand von Zeitzeuginnen und -zeugen erfahren.» Vreni Stämpfli ist glücklich, dass sich auch Nachkommen von Ferdinand Gehr am Jubiläumsjahr beteiligen: So wird Franziska Gehr, die älteste Tochter, beim Auftaktsanlass mitwirken.
JUBILÄUMSANLÄSSE
Auftakt am Do, 5. März, um 18.30 Uhr in der kath. Kirche Niederglatt SG mit Einsicht ins Leben und Wirken von Ferdinand Gehr, am Fr, 21. August, Pfarreireise zu Schaffensorten von Gehr mit Führungen in Sulgen, Oberwil und Zug und am Sa, 21. November, ein Kreativatelier mit Kunstvermittlerin Daniela Mittelholzer. Das Jubiläumsjahr bietet sich auch an, Gehrs Kunstwerke zu besichtigen. Informationen zu den Anlässen
Buchtipp:
«Ferdinand Gehr – die öffentlichen Aufträge» (Hg. Kunstmuseum Olten), Park Books
Weitere Informationen und Einblicke
Übersichtskarte mit allen sakralen Gehr-Werken
Ferdinand-Gehr-Weg in Altstätten
Die Rundwanderung mit Weitblick ist dem Künstler und Altstätter Ehrenbürger gewidmet. Den Weg hat Ferdinand Gehr selber häufig auf seinen Spaziergängen begangen.
Bild: Ana Kontoulis / Bild Propstei: Marco Bakker, © Kunstmuseum Olten und Gehr-Stiftung St. Gallen