«Nicht am Chaos verzweifeln, sondern es umarmen»

Überfordert vom Durcheinander in der Wohnung und der Gefühle? Sabrina Wilkenshof sieht die Fastenzeit als Chance, um einen neuen Umgang mit dem Chaos des Lebens zu trainieren.

Sabrina Wilkenshof, Sie sind Mutter von drei Kindern, wie hat das Ihren Umgang mit dem Chaos verändert?

Sabrina Wilkenshof: Dass es mit Kindern in der Wohnung chaotischer wird, das hat mich nicht so sehr herausgefordert. Viel herausfordernder war und ist es, mit dem Gefühlschaos klarzukommen. Eltern werden mit den unterschiedlichen Gefühlswelten konfrontiert, die die Kinder mit nach Hause bringen: Freude, Frust, Enttäuschung … Das wirkt sich auf die Eltern direkt aus. Ich muss mir dann ganz aktiv immer wieder bewusst  machen: Was sind eigentlich  meine Gefühle und was sind die Gefühle der Kinder? Für die ich mich nicht gleich verantwortlich fühlen muss. Das ist keine leichte Übung. Aber es tut gut, diese Perspektive immer wieder einzunehmen.

 

Sie haben einen Fastenkalender über das Chaos geschrieben. Auf dem Cover: ein chaotischer Esstisch. Lieben Sie das Durcheinander?

Sabrina Wilkenshof: (lacht) Ich liebe die Ordnung und ich räume auch gerne auf. Das Durcheinander mag ich nicht, aber ich produziere es ständig. Der Tisch auf dem Cover steht für die Fülle des Lebens. Er zeigt: Auch wenn wir noch so organisiert, so strukturiert sind, das Leben, die Liebe, der Tod und auch Gott natürlich sind so gross, wir können nie alles im Griff haben. Die Kunst besteht darin, einen Weg zu finden, das Leben so zu nehmen und zu leben, wie es ist. Nicht am Chaos zu verzweifeln, sondern es zu umarmen.

Die Fastenzeit ist für viele eine Chance zur Reduktion, für mehr Struktur und Ordnung. Ihr Aufruf geht gerade in die andere Richtung …

Sabrina Wilkenshof: Struktur und Ordnung in den Alltag bringen zu wollen, ist verständlich. Doch oft geht das Hand in Hand mit dem Blick auf die Defizite: Man fühlt sich schlecht, weil man z. B. das Gefühlschaos nicht in den Griff bekommt oder das Leben nicht unter Kontrolle hat wie ein Fahrzeug. Aber das Leben ist nicht da, um geführt zu werden, sondern um es zu leben mit allen seinen Widersprüchlichkeiten. Es ist ein menschliches Bedürfnis, alles unter Kontrolle haben zu wollen. Aber es ist ein Trugschluss: Wir werden nie alles unter Kontrolle haben – und das ist okay und es entlastet sehr, das nicht immer wieder zu versuchen.

 

Welche Rituale können dabei helfen?

Sabrina Wilkenshof: Man könnte sich mal ein paar Tage lang für fünf Minuten auf den Küchenboden oder unter den Esstisch legen. Und dann einfach da sein, die Gefühle kommen lassen: Es ist viel, was wir da spüren werden – aber wir können lernen, uns trotzdem sicher zu fühlen.

 

Sie können also wenig mit Aufräum-Coaches anfangen, die auf Social Media und in Netflix-Serien auf grosse Resonanz stossen?

Sabrina Wilkenshof: Ihre Tipps können hilfreich sein. Grosse Fragezeichen habe ich aber, wenn damit das Versprechen propagiert wird: Wenn in deiner Wohnung, in deinem Schrank alles perfekt geordnet ist, dann bist auch du geordnet, dann ist mit dir alles in Ordnung. Es sollte weniger darum gehen, «besser zu werden», sondern vielmehr darum, dass wir uns selbst besser verstehen und uns selbst annehmen. Und so können wir dann auch in Beziehung treten, zu anderen und zu Gott. Wir sind dann in Verbindung, anstatt in einem ständigen Funktionsmodus. Und in der Fastenzeit kann man das eigentlich gut einüben.

 

Bild: zVg

 

Verlosung

Der Fastenkalender «7 Wochen das Chaos umarmen» (Vier-Türme-Verlag) mit Texten von Sabrina Wilkenshof und Fotos von Franziska Kestel ist im Buchhandel erhältlich. Das Pfarreiforum verlost 3 Exemplare. Teilnahme per - E-Mail (Betreff: Verlosung) bis 3. März: info@pfarreiforum.ch.

 

Die evangelische Pfarrerin Sabrina Wilkenshof ist als Klinikseelsorgerin am Chiemsee / Bayern tätig. Dort lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Zudem ist sie Autorin und Sprecherin religiöser Formate im Bayerischen Rundfunk.

Stephan Sigg
Leitender Redaktor
Veröffentlichung: 16.02.2026