Martin Rusch erzählt von der Wetterkerze. «Meine Mutter hat uns Geschwister nachts immer geweckt, wenn ein Gewitter aufzog. Wir versammelten uns um den Küchentisch, zündeten die Wetterkerze an und beteten für den Schutz von Haus, Menschen und Tieren», sagt der Gontner, der in Schwende bei Appenzell aufgewachsen ist. Martin Rusch arbeitet heute als Diakon in der Kirchgemeinde St. Gallen. An diesem Freitagnachmittag führt er aber auf den Kronberg. Der Ort ist mit seinem Kletterpark, der Rodelbahn, dem Abenteuerspielplatz und der Seilbahn mittlerweile zwar ziemlich touristisch, hat aber dennoch einige ruhigere Ecken und Wege zu bieten.
Menschenleer und einsam
Zudem befinden sich auf dem Kronberg die Jakobsquelle und Jakobskapelle, was ihn offiziell zu einem Kraftort macht (siehe Kasten unten). Es nieselt, der Himmel ist wolkenverhangen und die Talstation der Bergbahn menschenleer. «Der Glaube ist mir immer dann nahe, wenn es Momente der Stille gibt», sagt Martin Rusch. Diese könnten sich in der Natur aber genauso ergeben wie im Alltag. «Nur erzwingen möchte ich solche Momente nicht. Als Seelsorger oder auch als Familienvater bin ich zunächst für andere da», sagt er. Für seine persönliche Spiritualität nutze er daher vor allem die frühen Morgenstunden, bevor alle anderen wach seien.
Vom Berg in die Schule
Spirituell wird es auf dem Kronberg zunächst nicht, eher witzig. Martin Rusch kennt alle: Die Mitarbeiterin an der Ticketkasse, das Wirtepaar im Bergrestaurant, zufällige Passantinnen und Passanten. Während vieler Jahre hat sich der 55-Jährige im Verwaltungsrat der Seilbahn engagiert. Zudem war er Bergretter. Mit allen Personen wechselt er einige Sätze. «Zur Jakobsquelle?», scherzt etwa der Seilbahnführer in der Gondel. Das Wasser dort sei von herausragender Qualität, vor allem zu Bier gebraut.
Mit dem Kronberg ist auch Martin Ruschs Familiengeschichte verbunden. Oben neben der Bergstation steht verwittert das ehemalige Gasthaus. Die Initialen R und D zieren das Eisengitter im Fenster der Eingangstür. Das stehe für Rusch-Dörig, sagt Martin Rusch und erzählt, wie sein Grossvater das Gasthaus einst selbst gebaut hatte und wie sein Vater dort aufwuchs. «Um in die Schule zu gehen, lief er jeden Tag ins Dorf hinunter und danach wieder hinauf», sagt er.
Durch den Wald zur Quelle
Durch das nass-neblige Wetter wird umso deutlicher, wieso es in dieser Gegend der Ostschweiz so viele Bräuche und Legenden gibt und wie Natur und Glaube miteinander verwoben sind. Ein Kraftort und eine Quelle mit Heilwasser auf dem Kronberg, das macht Sinn. Vom alten Gasthaus aus geht es durch ein Waldstück, das zur Jakobsquelle führt. «Ob sich eine Legende hier abgespielt hat, weil es ein Kraftort ist, oder diese Stelle erst zu einem Kraftort wurde, nachdem dort eine Legende geschah, ist natürlich schwierig zu belegen», sagt Martin Rusch. Die Quelle selbst ist ziemlich unspektakulär, nicht viel mehr als ein unscheinbarer Wasserstrahl, der aus einer Felsspalte rinnt. Man könnte sie auch übersehen und daran vorbeimarschieren. Nur wer sich Zeit nimmt, bemerkt im Felsen vielleicht noch den Abdruck des Dachs der alten Kapelle, die hier einst stand. Im Felsen befindet sich ein Bildstock, der hinter beschlagener Scheibe eine Jakobsfigur birgt.
Der Blick gleitet übers Tal, nach Gonten, und über die Hundwiler Höhe bis hinab zum Bodensee. Auch das Bauernhaus an der Hauptstrasse, in dem Martin Rusch heute wohnt, ist erkennbar. Er hat es selbst umgebaut, so wie einige Häuser unten im Tal. Bevor Martin Rusch vor acht Jahren entschied, Seelsorger zu werden, arbeitete er als Architekt mit eigenem Planungsbüro. Während der Sommermonate würden einige Pilgerinnen und Pilger an seinem Haus vorbeiziehen, sagt er. «Den Umweg über den Kronberg machen allerdings nur wenige.» Über diesen führt der Jakobsweg eigentlich: Von Rankweil her, nach Appenzell über den Kronberg, nach Einsiedeln und Genf bis ins spanische Santiago de Compostela. Das Wappen von Gonten zeigt dementsprechend einen gelben und einen roten Pilgerstab.
Glaube als positive Kraft
Das Wappen ziert auch das Fenster der Jakobskapelle, die sich etwa 15 Minuten entfernt von der Quelle befindet. Während der Sommerwochen werden in oder vor der kleinen Kapelle jeweils die beliebten Berggottesdienste gefeiert. (www.pfarreiforum.ch/berggottesdienste) Auch in diesem Jahr gestaltet Martin Rusch dort einen Gottesdienst. Am schönsten sei das jeweils bei gutem Wetter draussen vor der Kapelle mit einem Chor oder einer Stegreifgruppe und der Aussicht auf den Hohen Kasten, die Alpsteinkette und den Säntis. Oben auf dem Gipfel reicht die Sicht sogar bis zum Zürichsee und dem Tödi, dem höchsten Berg der Glarner Alpen. «In meiner Familie war der Glaube immer etwas Positives, etwas, woraus man Kraft schöpfen konnte, und etwas, das einem half», sagt Martin Rusch. Er erzählt von seiner Grossmutter, die über 100 Jahre alt wurde und immer zuversichtlich und offen eingestellt war. «Ob da in der Nachbarschaft beispielsweise jemand homosexuell war, das war ihr schon damals einfach total egal», sagt er.
In die Ferne blicken tut gut, lässt einen durchatmen, zu sich kommen und einkehren. Die kleine Pause lässt einen aber auch hungrig und durstig werden. Etwas unterhalb des Weges liegt das Berggasthaus Scheidegg. Dorthin geht es nun. Weil bei diesem Wetter das Restaurant bis auf einige Arbeiter leer ist, bleibt Zeit für ein Gespräch mit der jungen Familie, die das Restaurant bereits in fünfter Generation führt. Martin Rusch kennt auch sie seit vielen Jahren. Thema ist die Fronleichnamsprozession in Gonten und Appenzell wenige Tage zuvor. Letztere gilt auch wegen der vielen traditionellen Gruppen in Trachten und Uniformen als eine der eindrücklichsten in der Schweiz. «Das ist hier ein total wichtiger Tag», sagt die Gastgeberin und zeigt auf ihrem Handy ein Video der Prozession und weshalb die Trachten der hiesigen Gruppen einfach die schönsten sind.
Ruhe und Schönheit
Über verwurzelte Wege geht es weiter hinunter ins Dorf. Schönheit, Ruhe, Kraft und Frieden findet definitiv, wer sich auf einen Weg und einen Rhythmus konzentriert. Da kommt ein Satz in den Sinn, der an die Decke der Kapelle auf dem Kronberg gemalt ist. Er stammt aus den acht Seligpreisungen der Bergpredigt, hat Martin Rusch gesagt: «Selig sind die, die den Frieden suchen.» Ein schöner Gedanke und Abschluss für diesen Tag.
Infokasten: Von Legenden umwoben
Jakobus der Ältere war einer der zwölf Apostel Jesu. Im Mittelalter wurde im heutigen Santiago de Compostela ein Grab entdeckt und ihm zugeschrieben. In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche Legenden um seine Person. Jene vom Kronberg erzählt sich wie folgt: Der Apostel Jakobus soll in Santiago de Compostela seinen Pilgerstab weggeschleudert haben. Dieser sei bis zum Kronberg geflogen und habe sich dort in den Nagefluhfels gebohrt, worauf die Jakobsquelle hervorsprudelte. Seither wird dem Wasser Heilwirkung zugeschrieben. Im Mittelalter entwickelte sich der Ort wegen der Quelle, der Legende und durch die Lage am Jakobsweg zu einem Wallfahrtsort. Im Jahr 1456 wurde dort erstmals auf einem tragbaren Altar die Messe gelesen. Acht Jahre darauf sind eine Kapelle und eine Eremitenbehausung belegt. Zweimal wurde die Kapelle nach einem Brand wieder aufgebaut und fand schliesslich am heutigen Standort einen neuen Platz.