Editorial

Jemand erzählte mir: Nach dem Tod des Vaters habe sie schwere Trauer ergriffen, die sie einfach nicht mehr losliess. Alles schien kaum noch zu bewältigen: Der Familienalltag, die Arbeit, die Beziehung zum Partner.

Nach einem Dreivierteljahr habe sie zu ihrem verstorbenen Vater gesagt: «Du musst mich jetzt sein lassen, sonst funktioniert hier nichts mehr.» Erst dann sei er gegangen. 

 

Wie lange darf man trauern? Was ist gesund? Mir fällt die jüdische Tradition ein, kleine Steine auf die Gräber von Verstorbenen zu legen. Sie sind ein Zeichen der Erinnerung. Und sie stehen dafür, dass die Verstorbenen nicht vergessen sind, auch wenn sie im Alltag nicht mehr denselben Platz bekommen wie einst. Es ist ein schlichter Brauch, der umso mehr berührt. Steine stehen für das Beständige, sie haben Gewicht und je mehr zusammenkommen, desto eindrücklicher wirken sie. Es ist ein gutes Symbol für den November: Der Feiertag Allerheiligen lädt uns ein, Erinnerungen an jene Menschen hervorzuholen, die fehlen.

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 21.10.2026