«Ich war an der Beerdigung von Martin». «Wer ist Martin?» «Ihr kanntet ihn, das ist unser Nachbar von nebenan.» «Und der ist echt tot?» «Ja, er ist an einem Herzversagen gestorben. Und er war zwei Jahre jünger als ich.» «Nein, Opa, jünger als du? Aber gell, du stirbst noch nicht grad!» «Was macht ihr mit eurem Wohnmobil, wenn jemand von euch stirbt?»
Zwischen Reisen und Enkeln
Solche Szenen, die Daniel Zillig aus Schmerikon in seinen Geschichten festhält, sind typisch für seinen Alltag als Grossvater. Der 74-Jährige hat vier Kinder und sieben Enkelkinder. Und wie ein Grossteil aller Grosseltern hütet er zusammen mit seiner Frau regelmässig die Enkelkinder. «Wir haben zwar keine fixen Tage, aber wenn wir spontan gebraucht werden oder Ferien bevorstehen, dann passen wir auf die Enkelkinder auf», sagt er. Damit gehören Zilligs zu einer Generation von Grosseltern, deren Selbstverständnis sich in den vergangenen Jahren verändert hat: Viele möchten nicht uneingeschränkt für Hütedienste zur Verfügung stehen, sondern ein eigenes Leben fortführen, wie etwa Pro Juventute schreibt. Heutige Grosseltern gehen auf Reisen, bilden sich weiter, engagieren sich oder stehen noch im Berufsleben.
Mit Wohnmobil in Marokko
Daniel Zilligs Leidenschaft ist das Reisen mit und ohne Wohnmobil. Einige seiner mittlerweile rund hundert Geschichten sind unterwegs entstanden. Denn unterwegs zu sein, öffne die Sicht und lasse einen andere Perspektiven einnehmen. «Man hat andere Eindrücke, neue Begegnungen und unerwartete Ideen», sagt Daniel Zillig, der den Januar und Februar mit seiner Frau in Thailand verbracht hat und im November mit dem Wohnmobil in Marokko unterwegs war. «Die erste Hälfte der Ferien geht immer viel langsamer vorbei als die zweite. Das zeigt, wie gut es einem tut, sich auf Neues einzulassen», sagt er.
Entspannter als früher
Ähnlich geht es Daniel Zillig mit den Enkelkindern. Entspannter sein, als er es als Vater war, sich wieder auf ganz grundlegende Fragen einzulassen, den Kindern mehr zuzugestehen und sie mehr zu verwöhnen sowie einfach da zu sein: Das ist es, was laut Zillig die Beziehung zwischen Grosseltern und Enkelkindern ausmacht. Auch aus gesellschaftlicher Sicht übernehmen Grosseltern unersetzbare Aufgaben. Sie geben Kindern emotionale Sicherheit, vermitteln Erfahrung und Werte und halten familiäre Geschichten lebendig. Grosseltern haben Zeit, sich zu erinnern und zu erzählen.
Geschichten im Radio
Dass er gerne und gut erzählen kann, merkte Daniel Zillig, als er Vater wurde. Damals erfand er den Lausbuben Felix, der stets neue Streiche plante. Seine Kinder liebten diese Gutenachtgeschichten. Mit der Geburt der Enkelkinder knüpfte er daran an. Vor einigen Jahren begann er, auf Radio SRF Musikwelle die Morgengeschichten zu hören, die teils von bekannten Personen erzählt wurden. «Ich dachte mir, solche Geschichten schreiben kann ich eigentlich auch», sagt er und erzählt, wie er einige Geschichten zur Probe einschickte und diese gesendet wurden. Nach einiger Zeit bekam er vom Sender die Anfrage, ob er für die Adventszeit 24 Geschichten schreiben würde. «Ich sagte zu. Denn das Schreiben stellt mich echt auf», sagt er.
Über Profis und Handys
«Opas Sicht» heisst die aktuelle Reihe, in der der ehemalige schulische Heilpädagoge lustige Momente mit seinen Enkelkindern festhält. Auch eine weiteres Projekt schwebt ihm vor: Geschichten über Handys und die junge Generation. «Denn da sind die uns von Anfang an einfach voraus», sagt er. Es sind die Alltagsmomente, Dialoge und kleinen Abenteuer, die das Familienleben und den Alltag prägen. Sich mit Gelassenheit und Zeit auf die Perspektiven anderer Menschen und anderer Generationen einzulassen, ist etwas, das gut tut.
Der Tod
Ich komme grad von einer Beerdigung nach Hause. Meine Güte, es gibt kaum etwas, das mir mehr psychischen Ballast auflädt, als eine Beerdigung eines lieben Menschen. Zu Hause sind neben meiner Frau unsere zwei ältesten Enkelinnen zu Besuch. Mara, unsere älteste, und ihre Schwester Ria, die Elfjährige.
Natürlich fragen sie, woher ich komme. «Ich war an der Beerdigung von Martin». «Wer ist Martin?» «Ihr kanntet ihn, das ist unser Nachbar von nebenan.» «Und der ist echt tot?» «Ja, er ist an einem Herzversagen gestorben. Und er war zwei Jahre jünger als ich.» «Nein, Opa, jünger als du? Aber gell, du stirbst noch nicht grad!» «Ich hoffe nicht, gerne würde ich noch ein paar Jahre leben und mit Oma die Zeit geniessen.» «Oma und du dürfen noch lange nicht sterben, wir wollen euch noch lange behalten. Das wäre so traurig. Und das wäre so langweilig. Stellt euch vor, Herbstferien ohne euch! Oder wir kommen zu Besuch zu euch und jemand fehlt. Das wäre nicht auszuhalten!»
Bei diesem Gespräch kommen wir vom Hundertsten ins Tausendste. Nichts bleibt aus. Was ist nach dem Tod? Gibt es einen Gott? Wo ist er? Wo ist dein Nachbar Martin jetzt? Was macht ihr mit eurem Wohnmobil, wenn jemand von euch stirbt? Wie lange wollt ihr noch leben? Wie wollt ihr beerdigt werden? Wenn Oma stirbt, wer soll die beste Rüeblitorte der Welt backen? Und wer Socken lismen? Sogar beim Dog, das wir nachher am Tisch spielen, tauchen immer wieder Fragen zum Ende des Lebens auf von Mara und Ria. Und es ist diesmal nicht einmal so wichtig, wer gewonnen hat.
Ufzgi
Als wir letzthin Gurken bei der Familie unseres Sohnes vorbeibrachten, überraschten wir Lena an ihren Hausaufgaben. Zügig füllte sie im Rechnungsbuch Ziffern in das Zahlenrätsel. Ich konnte es nicht unterlassen, sie auf ein falsches Resultat hinzuweisen.
«Was gibt 12 weg 3?» Sie studierte eine Weile und fragte dann: «Was heisst weg?» «Schau hier.» «Aha, du meinst ‹Minus›. Weisst du, Opa, dieses Zeichen heisst Minus und das Gegenteil ist Plus. Warum sagst du ‹weg›»?
«Wir haben das vor vielen Jahren so in der Schule gelernt. Beim Minus nimmt man etwas weg und beim Plus tut man etwas dazu, also ‹und› etwas.»
Jetzt kommt noch ihr älterer Bruder Felix dazu. «Weisst du, Opa, unsere Lehrerin hat uns das kürzlich erklärt. Ihr habt ja früher auch Tunwörter zu den Verben gesagt. Und Hauptwörter zu den Nomen. Ich glaube, ihr hattet weniger komplizierte Wörter in der Grammatik. Habt ihr nicht auch die Wiewörter Adjektive genannt? Habt ihr sie aber auch gelb übermalen müssen?»
«Ich erinnere mich nicht daran, ob wir die Wörter übermalen mussten. Aber wisst ihr, dass wir Ziffern und Buchstaben in der ersten Klasse mit Griffeln auf eine Schiefertafel schreiben mussten? Die Griffel haben wir auf dem Pausenplatz an einem Sandstein geschliffen, damit sie wieder spitzig waren. Und als Ufzgi übers Wochenende verlangte der Lehrer, dass wir den Rahmen der Schiefertafel mit einer Bürste sauber fegten. Das hat er dann am Montagmorgen kontrolliert. Und Schönschreiben war ein Schulfach. Im Zeugnis hat es dazu eine Note gegeben. Es konnte auch vorkommen, dass wir manchmal mit einem Bambusstab eine Tatze bekamen, wenn wir unfolgsam waren.» «Was ist das, eine Tatze?» «Der Lehrer hat uns dazu mit dem Bambusstab auf die Handflächen geschlagen.» «Hast du auch einmal eine Tatze bekommen?» «Das sag ich doch nicht!»
Verabredungen
Meine Güte, wie hatten wir es gut mit unseren vier Kindern! Wir staunen immer wieder, wie so eine junge Familie alle Termine unter einen Hut bringt.
Wir sind am Freitagabend zum Znacht eingeladen. Am Vortag sind wir mit dem Wohnmobil von der Toscana nach Hause gefahren. In einem Schnorz. Dann hundemüde. Da haben wir uns natürlich gerne zum Grillznacht einladen lassen.
Unser Schwiegersohn, der Vater von Anna, 8, und Aron, 5, kommt etwas später, aber ausgelaugt und müde nach Hause. Ein bisschen haben wir schon ein schlechtes Gewissen, dass wir als Gäste auch noch da sitzen. Ein feiner Grillznacht mit allem Drum und Dran wird offeriert. Um acht Uhr möchte Aron mit dem Vater noch Lego spielen. Vaters Argument, dass er mit uns noch etwas plaudern wolle, wird von Aron nicht akzeptiert. Immer lauter werden die Forderungen, mit Papi noch Lego zu spielen. «Er hat ja die ganze Woche keine Zeit für mich gehabt!»
Mit vielen Tricks werden dann die beiden Kinder in ihr Zimmer gelotst. Oma putzt mit ihnen die Zähne und Opa soll noch eine Räubergeschichte erzählen. Nachdem die beiden dann endlich ihren Schlaf gefunden haben, erkundigen sich meine Frau und ich nach der Wochenendplanung der Familie.
Der Schwiegersohn möchte am Samstagmorgen die elektrische Aussenbeleuchtung vervollständigen. Um 9 Uhr sollte er beim Treffpunkt des Rudervereins sein. Die Mutter muss um 10 Uhr Anna zu einer Geburtstagsfeier mit Mittagessen chauffieren. Das Essen in der Pfadfindergruppe musste abgesagt werden. Aron wird vom Vater um 10 Uhr zu einem Testspiel ins Unihockey begleitet. Nach dem Mittagessen will er zu den Wölfli in die Pfadibude gefahren werden.
Am Sonntag kommt eine Verwandte mit ihrer Tochter zu Besuch. Mit ihnen werden sie an einen nahen Bach spazieren und dort baden und bräteln. Dann zurück zum Nachtessen, vielleicht wieder am Grill.
Dankbar fahren wir zurück nach Hause. Auf der Heimfahrt verlieren wir kein Wort.
Wöchentliches Hüten von Grosskindern
Meine Frau und ich haben vier Kinder und sieben Grosskinder. Bevor die erste Enkelin geboren wurde, haben wir uns entschieden, auf ein wöchentliches Hüten der Enkel zu verzichten.
Es ist uns wichtig, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu berücksichtigen. Wir wussten auch, dass es schwierig war, unseren vier Kindern gerecht zu werden, wenn sie dann alle zu Eltern werden sollten. Wir sind für unsere Enkelkinder da, wenn es wirklich nötig ist. Uns scheint, diese Flexibilität ist sowohl für uns als auch für die Eltern der Kinder von Vorteil. Wir stehen in Notsituationen bereit, und zeigen gerne unsere Unterstützung und Liebe, ohne dass es zu einer regelmässigen Belastung wird.
Wir haben schon oft mit Grosseltern gesprochen, die wöchentlich ihre Grosskinder hüten. Meist sind es Omas und Opas, die nicht so viele Enkelkinder haben wie wir. Die meisten von ihnen hüten die Kinder an einem Tag in der Woche.
Wir sehen auch klare Vorteile dieses regelmässigen Hütens:
-Die Grosseltern können den Eltern helfen, was den Eltern Zeit für andere Verpflichtungen gibt.
-Grosseltern bringen oft wertvolle Lebenserfahrung und Wissen mit, das sie an ihre Enkel weitergeben können.
-Das Hüten kann Grosseltern helfen, aktiv zu bleiben und sich körperlich und geistig fit zu halten.
-Die Grosseltern haben Zeit, sich mit den Enkeln zu beschäftigen, was zu einem positiven Lebensgefühl beitragen kann.
Grad Letzteres erfahren wir auch, wenn wir unsere sieben Enkelkinder halt unregelmässig hüten. Und das Grösste aller Enkelkinder ist, wenn sie bei uns übernachten dürfen, am anderen Morgen mit dem Opa zum Beck fahren können und wir danach alle zusammen einen feinen Zmorge geniessen.
Erstkommunion
Schon länger hängt eine Einladung zu Felix`s Erstkommunion am Kühlschrank.
Wir erleben das Fest zum erstenmal als Grosseltern. Die anderen Enkelkinder und auch ihre Eltern sind konfessionslos. Schon beim Einzug in die Kirche hängt sich Ria an mich. Ihr Vater Claudio, der Götti, ist mit seiner Familie zur Feier eingeladen. Die Dorfmusik spielt und schreitet den Erstkommunikanten voraus. Für Ria ist es ein Glück, dass es in der Kirche nicht mäuschenstill ist. So kann sie mir die Fragen, die in ihrem Kopf entstehen, loswerden. Im Laufe des Gottesdienstes entstehen dabei immer mehr davon.
«Warum ist der Pfarrer und die Kinder da vorne so lustig angezogen?» Diese Frage wird von mir mit : «Das sind die Gottesdienstkleider in der katholischen Kirche» beantwortet. «Warum hat der Pfarrer zwei Pokale auf dem Tisch?» «Denen sagt man Kelche. In einem hat es Wein und im anderen kleine Brötchen.» «Warum?» Jetzt wird’s brenzliger. «Viele Menschen, die zur Kirche gehen, denken, dass der Wein durch den Priester zum Blut von Jesus wird und die Brötchen zum Körper von Jesus.» «Was?» Das ist für Ria bereits einen Schritt zu weit. «Das essen und trinken die Erstkommunikanten?» «Zum Teil. Sie dürfen den Wein nicht trinken, weil da Alkohol drin ist.» «Im Blut von Jesus?» «Ja. Aber sie essen die Brötchen.» «Und verbeissen den Körper von Jesus?» «Ja. Aber die Katholiken sagen nach dem Segen des Priesters immer: «Das ist ein Geheimnis des Glaubens. Das heisst, dass viele Katholikinnen und Katholiken diese Umwandlung mit der Seele und dem Kopf glauben.» «Also nicht in echt?» «Nein, im Kelch bleiben Brot und Wein. Jetzt kommt das Schwierige. Im katholischen Glauben werden diese zwei Dinge Leib und Blut des Herrn genannt. Für viele Gläubige ist das wichtig.» «Und für dich, Opa?»
Schon wieder so eine Frage. «Ich finde schön, dass der Priester die zwei Kelche segnet. Ich glaube aber nicht, dass Wein und Brot verändert werden. Aber die ganze Handlung ist doch eine Erstkommunion wert, meinst du nicht auch? Wichtig ist, dass die Menschen mit dieser Handlung wieder einen Halt in der Kirche bekommen.»
«Opa, mich freut es auf das Mittagessen mit Felix. Dort darf er auch seine Geschenkli auspacken. Er freut sich so, auf das Sackmesser von Gotti.»