«Das ist kein Selbstfindungstrip»

Stefanie Blaser verbrachte eine Woche im ­Campus Galli in ­Messkirch (Süddeutschland), wo der St. Galler Klosterplan nach mittelalterlichen Methoden nachgebaut wird.

Auf dem Campus Galli in Süddeutschland wird der berühmte St. Galler Klosterplan als ­mittelalterliche Baustelle und Freilichtmuseum mit historischen Methoden Wirklichkeit. Die Kirchenführerin Stefanie Blaser erzählt, warum sie dort als freiwillige Mitarbeiterin für eine Woche ins 9. Jahrhundert eingetaucht ist – und was dies für den Glauben heute bedeutet.

 

Stefanie Blaser, was hat Sie persönlich auf den Campus Galli geführt ?

Stefanie Blaser: Ich habe einige Zeit in St. Gallen gelebt und dort als Kirchenführerin im Kloster­bezirk gearbeitet. Der berühmte Kloster­plan war dabei immer wieder Thema. Mit einer Gruppe hatte ich das Projekt Campus Galli einmal besucht. Schon damals spürte ich : Das ist ein Ort, an dem ich mich wohlfühlen könnte. Mein Hobby ist die Darstellung des Mittelalters und das Wiederbeleben alter Handwerke. Das konnte ich dorthin mitnehmen. Ich hatte Lust, neue Menschen kennenzulernen und neues Wissen zu entdecken. Also widmete ich diesem Projekt eine Woche meines Urlaubs.

 

Was hat Sie an der Woche im 9. Jahr­hundert besonders gereizt ?

Ich freute mich auf die Einfachheit, auf das Beschränken auf das Wesentliche : etwas zu essen, etwas Warmes zum Anziehen – mehr braucht es eigentlich nicht. Ganz ehrlich : Komplett auf Komfort verzichtet man nicht. Ich habe nicht im Zelt geschlafen, das ist auf dem Gelände auch gar nicht erlaubt.

 

Mittelalter-Märkte und das Verkleiden als Ritter und Mägde aus dem ­Mittelalter  ­faszinieren heute viele …

Damit hat der Campus Galli aber wenig zu tun! Der Campus Galli ist kein Ort für einen Selbstfindungstrip, kein Zeltplatz und kein Fantasy-Treff. Es ist ein wissenschaftlich begleitetes Freilichtmuseum. Man lebt dort während der rund achteinhalb Stunden Arbeitszeit so gut wie möglich im 9. Jahrhundert – und geht danach wieder in eine eigene Unterkunft, ich habe in einer Airbnb-Wohnung übernachtet. Und das alles ohne Uhr, denn diese gab es im 9. Jahrhundert noch nicht und so ist auch auf dem ganzen Gelände keine Uhr zu finden. Der Tag wird nur vom Zeitschlag strukturiert, der drei Mal am Tag zu hören ist.

Bohrmaschinen und andere moderne Arbeitsinstrumente haben auf dem Campus Galli nichts verloren: Alles wird mit Werkzeugen und Techniken aus dem Mittelalter hergestellt. Auch Steine und andere Materialien müssen mit einem Holzwagen transportiert werden.

Vergeht die Zeit deshalb ­langsamer?

Schwierig zu sagen. Ich war immer beschäftigt und habe mich keine Sekunde gelangweilt. Aber eines fällt einem gleich auf: Die Menschen auf dem Campus bewegen sich viel langsamer als sonst im Alltag. Indem der Tag nicht mehr nach Stunden und Minuten getaktet ist, fällt auch die Hetzerei weg. Das Projekt ist ja nicht darauf angelegt, dass es bis zu einem bestimmten Datum fertig sein muss. Stress oder sich zu beeilen, das ist völlig unnötig. Ich finde das eine tolle Kontrasterfahrung für unseren Alltag. Sie zeigt, dass auch unser Leben heute anders sein könnte: Warum beeilen wir uns heute so, warum setzen wir uns unter Druck, wie sinnvoll ist die Einstellung, es muss alles möglichst schnell gehen?

 

Welche Arbeiten haben Sie übernommen ?

Ich selbst durfte spinnen und nadel­binden – das kannte ich bereits. Dabei gab ich auch Auskunft zu Färbepflanzen oder zur Verarbeitung von Leinen. Gleichzeitig lernte ich Neues in der Korberei : mit einem alten Baummesser Weiden zu schneiden, zu entblättern und zu sortieren. Frische Ruten nutzten wir direkt zum Flicken von Zäunen mit verschiedenen Knotentechniken. Was will ich ? Was kann ich ? Und was wird gerade gebraucht ? Diese drei Fragen entscheiden über den Einsatz. In unserer Gruppe stellte eine Frau aus dem Servicebereich Holznägel her. Ein Landschaftsgärtner ­wollte schon lange Schindeln fertigen. Ein Geschichtsstudent baute an der Zisterne mit.

 

Was war die grösste ­Herausforderung ?

Die Quellenlage. Oft gibt es nur Bild- oder Schriftquellen, aus denen man erschliessen muss, wie etwas ausge­sehen oder funktioniert hat. Auch die Material­frage ist nicht immer eindeutig. Der Kloster­plan enthält keine Höhen- oder genauen Materialangaben. Und : Alles braucht mehr Zeit. Mit der Gartenschere geht es schneller als mit mittelalterlichem Werkzeug. Man muss erst lernen, es richtig zu halten, damit es funktioniert und man sich nicht verletzt. Diese Arbeitsweise entschleunigt enorm.

 

Spürt man dort etwas vom klösterlichen Geist ?

Ja, sehr. Der benediktinische Geist ist den Verantwortlichen wichtig. Seit einem Jahr gibt es ein « Verbrüderungsbuch » – nach dem Vorbild von St. Gallen und der Reichenau, worin die neu eingetretenen Brüder gelistet wurden, denn schliesslich beteten sie füreinander. Wer auf dem Campus Galli arbeitet, auch Freiwillige, trägt sich ebenfalls in ein solches Buch mit seinem Vornamen ein. Morgens trifft man sich im Kreuzgang der kleinen Kirche. Es wird ein Abschnitt aus der Benediktsregel gelesen, danach tauscht man sich darüber aus. Auf einer Tafel steht jeweils der Tages­heilige. Einer aus dem Kernteam ist selbst Mönch. Auch das Kirchenjahr wird bewusst einbezogen. Es geht nicht nur um Technik und Museumsarbeit, sondern darum, nachzuspüren, wie Menschen damals lebten und glaubten.

Das Interesse an der Freiwilligenarbeit ist gross: Jedes gibt es mehr Interessentinnen und Interessenten als Plätze.

Kamen Sie mit den anderen Freiwilligen in Kontakt? Hatten sie die gleiche ­Motivation wie Sie?

Die Bereitschaft, mit anderen Freiwilligen und den Gästen in den Dialog zu treten, ist sogar ein zentrales Anliegen des Campus Galli. Es soll kein Museum sein, sondern voller Leben. Während meines Aufenthaltes waren es insgesamt sieben Freiwillige, alle in ganz unterschiedlichen Lebensphasen: zum Beispiel ein Student, eine Mutter von zwei erwachsenen Kindern, die sich die Woche als Urlaub für sich gönnte.

 

Was hat Sie überrascht?

Die Verantwortlichen nehmen das Projekt sehr ernst: Die historische Korrektheit ist ihnen wichtig. Da ich schon mittelalterliche Kleidungsstücke besitze, habe ich diese mitgebracht und wollte diese anziehen. Jedes Stück wurde genau geprüft: Passt der Stoff, der Schnitt und die Naht oder die Länge der Kapuze zum 9. Jahrhundert? Ich durfte zum Beispiel meinen Unterrock nicht anziehen, weil der damals noch nicht verbreitet war – und dabei wäre der gar nicht sichtbar gewesen!

 

Würden Sie einen Besuch oder eine Mitarbeit empfehlen ?

Unbedingt – als Tagesausflug ins Freilicht­museum oder zur freiwilligen Mitarbeit. Für Letzteres wird man auch historisch eingekleidet und erhält alles nötige Wissen vor Ort. Man braucht Mut, Offenheit und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und auf Menschen zuzugehen. Zimperlich sollte man nicht sein. Aber man wird mit Geduld, Hilfsbereitschaft und vielen reichen Erfahrungen belohnt. Man ist Teil von einem gigantischen Projekt und trotzdem macht man die Erfahrung, dass jeder Freiwilligeneinsatz von Bedeutung ist: Allein während einer Woche sieht man, dass das Projekt voranschreitet und die Arbeit Früchte trägt.

 

Werden Sie wieder mal im Campus mitarbeiten?

(lacht): Auf jeden Fall! In ein oder zwei Jahren wird es wieder so weit sein, so mein Plan, das nächste Mal möchte ich gleich drei Wochen am Stück mitarbeiten. Und damit bin ich auch keine Ausnahme: Im «Verbrüderungsbuch», in dem sich alle Freiwilligen eintragen, entdeckt man einige, die schon mehrere Aufenthalte im Campus Galli verbracht haben.

 

Stefanie Blaser lebte acht Jahre lang in St. Gallen und engagierte sich in der Dompfarrei als Kirchenführerin beim Angebot «Livingstones», vor zwei Jahren zog sie zurück in ihre Berner Heimat, ­heute lebt sie bei Langenthal.

 

Informationen Campus Galli

 

Text: Romina Monferrini/ forumKirche SH und TG und Stephan Sigg

Bilder: zVG / Campus Galli / Beatrice Eigenmann

Auf dem Gelände leben auch Ziegen, Schweine und Waldschafe, eine ­gefährdete alte Hausschafrasse. Auch die Landwirtschaft spielt eine ­wichtige ­Rolle: Neben zahlreichen Kräutern wachsen auf dem Gelände auch über achtzig verschiedene Arten von Blumen und Gräsern.
Stephan Sigg
Leitender Redaktor
Veröffentlichung: 20.04.2026