Ruhe finden bei den ­Ordensschwestern

Im Kloster Mariazell Wurmsbach können junge Erwachsene während einiger Wochen in den Klosteralltag eintauchen und bei verschiedenen Arbeiten mithelfen. Daneben üben sie sich im Alleinsein, wie in der Gemeinschaft. Die «Auszeit für junge Erwachsene» soll helfen, in einer Umbruchsituation einen klaren Kopf zu bekommen und die Zukunft zu planen.

«Die habe ich bereits abgewogen», sagt Noemy zu Malin und zeigt auf einige Klostertürmli zwischen ihnen auf dem Tisch. Dann packen die beiden die Guetzli, welche sie am Tag zuvor mit Schokolade verziert haben, in ein Säckli, schliessen dieses mit einem Draht zu und beschriften es. «Das Abwägen und Abpacken ist gar nicht so einfach. Wir müssen da noch reinkommen.» Malin lacht. Zum Reinkommen haben die beiden noch rund vier Wochen Zeit. So lange dauert die «Auszeit für junge Erwachsene» im Kloster Mariazell. Noemy und Malin sind Teil der neunköpfigen Gruppe, die in diesem Sommer vom Angebot Gebrauch macht. Sie leben und arbeiten im Kloster und können so den Alltag für eine kurze Zeit hinter sich lassen. «Viele sind in einer Umbruchsituation», sagt Schwester Andrea Fux. «Wir möchten jungen Menschen einen Ort anbieten, an dem sie Zeit ganz für sich haben und die nächsten Schritte ihres Lebens in Ruhe planen können.» In den vergangenen fünf Jahren hat Schwester Andrea die verschiedensten junge Menschen begleitet – Studierende, ausgebildete Architekten und praktizierende Ärzte.

Über 160 junge Erwachsenen haben seit 2021 eine Auszeit im Kloster Mariazell genommen.

Schwester Andrea kennt die Beweggründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und deren Wünsche: «Heute müssen wir oft nur noch funktionieren. Zeit für sich, zum Trauern, zum Verarbeiten, zum Freuen, zum Hinterfragen  haben wir oft keine mehr oder gönnen sie uns nicht. In der Auszeit geht es darum, die eigene innere Stimme wieder zu hören.» Oft sei die Auszeit auch mit einer Sinnkrise verbunden. «Gerade in Krisen ist ein grosser Umbruch möglich. Wenn man einmal ganz bei sich ist, kommen einem oft die besten Ideen.»

 

«Arbeit ist nie fertig»

Bereits über 160 junge Erwachsene haben in den vergangenen Jahren das Angebot genutzt – Katholiken, Reformierte, Orthodoxe, Konfessionslose und Mitglieder von Freikirchen. Einzige Voraussetzungen sind eine Offenheit gegenüber der christlichen Glaubenslehre, Flexibilität bezüglich Arbeitseinsatz und eine gute Kommunikationsfähigkeit. «Oft sind Nicht-Katholiken und Konfessionslose spirituellen Fragen gegenüber sehr offen und interessiert.» Malin, die kurz vor Mittag noch immer mit dem Guetzliabpacken beschäftigt ist, ist reformiert. Sie arbeitet in der Pflege und wird im Herbst das Studium Soziale Arbeit beginnen. Der Arbeitsalltag ist stressig. «Auf der Station ‹ruft› immer etwas oder jemand. Die Arbeit ist nie fertig. Diese Arbeit hier im Kloster ist etwas ganz anderes. Sie ist sehr meditativ und entspannend.» Die 24-Jährige hat bewusst eine Pause gesucht. «Meine Freunde rieten mir zu einer längeren Reise. Das war für mich keine Option. Ich hätte nicht gleichermassen zur Ruhe kommen können. Auch zu Hause ginge das nicht.» Malin ist eine von nur zwei Schweizerinnen in der Auszeit. Die meisten Interessentinnen und Interessenten kommen aus Deutschland oder Österreich. «Örtlich liegt das Kloster zwar nahe an meinem Wohnort, aber in der Auszeit ist es für mich eine völlig andere Welt.» Sie bezeichnet es als Privileg, dass die Schwestern sie in ihr Zuhause lassen.

 

Einsatz nach Fähigkeiten

Die jungen Erwachsenen übernehmen im Kloster verschiedene Arbeiten – je nach den Bedürfnissen der Klostergemeinschaft und den eigenen Fähigkeiten. 

Das Abfüllen und beschriften des Honigs von «Klosterimkerin» Marianne Franziska ist eine der Aufgaben im Klosteralltag.

Alle dürfen im eigenen Tempo arbeiten. «Jeder macht, was er kann und so, wie es ihm guttut. Wir erwarten einfach, dass sie sich Mühe geben», sagt Schwester Andrea. Finanziell lohnt sich das Angebot für die Schwestern nicht. «Aber das ist zweitrangig, wenn wir helfen können.» Neben der «Guetzliabpackstation» füllen an diesem Morgen Adriana und Eva Honig in Gläser und beschriften diese. Der Honig stammt von «Klosterimkerin» Schwester Marianne-Franziska. Finanziell lohnt sich das Angebot für die Schwestern nicht. «Aber das ist zweitrangig, wenn wir helfen können.» Neben der «Guetzliabpackstation» füllen an diesem Morgen Adriana und Eva Honig in Gläser und beschriften diese. Der Honig stammt von «Klosterimkerin» Schwester Marianne-Franziska. Im zweiten Obergeschoss werden Baumnüsse für die Guetzli geknackt und unter der Anleitung von Stefanie, die als ehemalige Auszeitteilnehmerin die Arbeiteinsätze mitbetreut, Kerzen für die Klosterboutique gegossen. 

Die Tätigkeiten der jungen Erwachsenen richten sich nach deren Fähigkeiten und den Bedürfnissen der Klostergemeinschaft.

In einer Ecke steht der Ausschuss. «Die sind uns farblich noch nicht ganz gelungen», sagt Stefanie. Auch sie muss lachen. Die Stimmung hinter den Klostermauern ist an diesem Morgen ausgelassen und gut. Die «Fehler» am dritten Einsatztag werden gerne verziehen.

 

Bewusst Zeit für sich nehmen

Im Garten pflücken Barbara und Anna bei wärmer werdenden Temperaturen Zitronenmelisse. Valentin erntet im Beisein von Schwester Ruth Englische Minze. «Für den Klostertee», sagt der 25-Jährige. Später kommen noch Ringelblumen und weitere Klosterkräuter zur Mischung hinzu. Die Arbeit im Garten ist eine ganz neue Erfahrung. «Zu Hause würde ich nie Minze schneiden. Aber es ist eine tolle Abwechslung», sagt der Heidelberger. Er ist durch einen Kollegen auf das Angebot aufmerksam geworden. «Er hat sehr positiv über diese Auszeit gesprochen. Leider hat es bei mir im vergangenen Jahr nicht gepasst, aber ich habe sie immer im Hinterkopf behalten.» Valentin hat im vergangenen Jahr sein Studium abgeschlossen und arbeitet seither als Architekt. Sein Traumberuf, wie er sagt. Und trotzdem brauchte er die Auszeit.

Im Kloster machen die jungen Erwachsenen völlig neue Erfahrungen. «Zu Hause würde ich nie Minze ernten» sagt Valentin.

Im Kloster Mariazell möchte er – wie die anderen – zur Ruhe kommen, sich aber auch Gedanken über seine Zukunft wie auch Vergangenheit machen. «Hier kann ich den Alltag für einmal hinter mir lassen. Ich habe durch meine Arbeit und zahlreiche Ehrenämter viele Verpflichtungen. Ich liebe das und es macht Spass. Aber ich habe gemerkt, dass ich seit Jahren nicht zur Ruhe gekommen bin.» Er vergleicht sein Leben mit einem Fluss, der ihn immer in die richtige Richtung geführt habe: «Für mich hat sich vieles einfach ergeben und gefügt. Ich musste mir bei vielem keine Mühe geben und immer wieder tat sich die richtige Tür auf. Jetzt möchte ich mir einmal bewusst Zeit nehmen, um alles zu überdenken und sacken zu lassen.»

 

Mit Freizeit und Spiritualität

Die Tage für die Teilnehmenden sind durchgetaktet. Damit haben die Schwestern gute Erfahrungen gemacht. «Die meisten schätzen das sehr», so Schwester Andrea. Nebst Arbeit an sechs Halbtagen bekommen aber auch Freizeit und Spiritualität ihren Platz. Gemeinsam mit den Schwestern nehmen die jungen Erwachsenen am Morgengebet und an gewissen Tagen auch an der Eucharistiefeier teil, beten die Mittagshore, feiern die Vesper und versammeln sich zum Nachtgebet, der Komplet. «Die Komplet ist sehr beeindruckend und ich habe wirklich bereits zu Beginn Ruhe gefunden. Schön ist, dass wir hier in der Auszeit die Stille geniessen können und trotzdem gemeinsame Zeit haben», sagt Barbara, während sie die Ernte in ihr Körbchen legt.

«Beim Ernten im Garten kann ich den Kopf ausschalten», sagt Barbara (rechts). Als Consultant in der Wirtschaftsprüfung prüft sie in ganz Deutschland Jahres- und Konzernabschlüsse.

Die 35-Jährige kommt ursprünglich aus Düsseldorf, lebt in Erfurt und prüft als Consultant in der Wirtschaftsprüfung in ganz Deutschland Jahres- und Konzernabschlüsse. Hier arbeitet sie mit den Händen, zu Hause nur mit Zahlen. Das Reisen und der Stress haben ihr zugesetzt. «Ich habe jetzt sieben Monate durchgearbeitet und brauche Zeit für mich. Beim Ernten im Garten kann ich den Kopf ausschalten. Das tut sehr gut.»

 

Gemeinsame Ausflüge geplant

Die jungen Erwachsenen werden umfassend betreut. Äbtissin Monika Thumm bietet Gespräche zur Glaubensvertiefung an und Schwester Andrea steht auf Wunsch für Einzelgespräche zur Verfügung. Am Dienstagnachmittag bekommen die Auszeitteilnehmenden zudem jeweils einen Impuls von Äbtissin Monika. Dabei vertiefen sie sich in interaktiver Form in Glaubensthemen oder setzen sich mit Gestalten aus der Bibel auseinander. «Das inspiriert viele zum Weiterdenken», sagt Schwester Andrea. 

An den Tagen mit Arbeitseinsatz nehmen die jungen Erwachsenen an den Gebetszeiten der Schwestern teil.

Beim Mittagessen am dritten gemeinsamen Tag zeigt sich: Die ‹Auszeitler› sind bereits zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen und schmieden Pläne für die freie Zeit. Ein Ziel: St. Gallen. Barbara erkundigt sich bei der Journalistin nach der Wegzeit mit dem Auto. «Die Schwestern stellen uns einen kleinen Bus zur Verfügung. Das ist super.» Auch weitere Ausflüge stehen an, etwa nach Einsiedeln und an diesem freien Nachmittag nach Rapperswil-Jona. «Natürlich verbunden mit Baden im See.» Der arbeitsreiche Vormittag neigt sich dem Ende und die jungen Erwachsenen gehen ihre Wege – einzeln oder in Kleingruppen. Ganz bestimmt werden sie noch mehrere Möglichkeiten für gemütliche Badestunden am Oberen Zürichsee finden.

Natürlich darf auch Freizeit nicht fehlen. Malin verbringt diese gerne am See. Sie ist eine von zwei Schweizerinnen in der «Auszeit für junge Erwachsene».

Das Angebot

«Auszeit für junge Erwachsene» im Kloster Mariazell besteht seit 2021 und wird achtmal jährlich angeboten. Es richtet sich an junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren. Diese sind Teil der Klostergemeinschaft und bringen sich ein. An sechs Halbtagen helfen sie bei verschiedenen Arbeiten mit, der Rest ist Freizeit. An den vier Tagen mit Arbeitseinsätzen nehmen sie an den Gebetszeiten der Schwestern teil. Das «Volunteering mit spirituellem Flair» dauert einen Monat, mit Option auf Verlängerung auf drei Monate. Auch andere Klöster bieten Auszeiten an, auch für ältere Menschen – etwa die Kapuzinerklöster Rapperswil und Mels oder das Kloster Leiden Christi in Jakobsbad.

Infos: www.klostermariazell.ch/auszeit

Alessia Pagani
Autorin
Veröffentlichung: 21.08.2026