Frech, witzig, selbstbestimmt

Kapuzinerinnen, Benediktinerinnen und Eremitinnen leben zurückgezogen. Eine Ausstellung in St. Gallen ermöglicht nun, diesen Frauen zu begegnen. Zu sehen sind auch selten gezeigte Gegenstände mit Bezug zur Hl. Wiborada und weitere Objekte aus Frauenklöstern.

Als «Bewahrerin der Stadt» habe Wiborada eine grosse Bedeutung. In der neuen Ausstellung im Kulturmuseum werden mehrere Gegenstände mit Bezug zur Inklusin gezeigt, «einmalige Leihgaben», die man sonst nie zu sehen bekomme, so Kuratorin Monika Mähr bei einem Rundgang für die Medien. Zum Beispiel den Wiborada-Löffel. An Gedenkfeiern zum Todestag der Heiligen diente er in einem St. Galler Frauenkloster ab dem 18. Jahrhundert zum Ausgeben von gesegnetem Wiborada-Wein aus einer Silberschale. Der Segen sollte vor «Malefiz- und Dämoniewerk» schützen und die Gläubigen stärken und erleuchten. Zu sehen ist auch ein kleiner, niedriger Holztisch, der im Gedenken an Wiborada verehrt wurde. Der Tisch sei zwar nicht von Wiborada benutzt worden, stamme aber aus der Zeit der Heiligsprechung, sagt die Kuratorin. Das war 1047, 121 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod.

 

Worauf verzichten?

Das Tischchen und ein dazugehöriger Schemel jüngeren Datums stehen neben einer nachgebauten Zelle, die im Gegensatz zu Wiboradas damaliger Zelle auf alle Seiten hin offen ist. Besucherinnen und Besucher sollen darin «nachspüren können, wie es ist, auf so wenigen Quadratmetern zu leben», erklärt Monika Mähr. «Es soll sie auch anregen, darüber nachzudenken, worauf sie verzichten könnten.» So wie Wiborada, die aus einer adligen Familie stammend, auf schöne Kleider, üppiges Essen oder das Pferd als Transportmittel verzichtet habe. Eine Leihgabe des Klosters Glattburg ist ein Brustreliquiar mit Überresten des Gewandes von Wiborada.

 

Zurückgezogen leben heute

Man sei neugierig gewesen zu erfahren, welche Frauen heute ein zurückgezogenes Leben führen, so die Kuratorin: in einem Kloster, als Eremitin oder als «mobile Inklusin». «Wir lassen sie in Interviews zu Wort kommen.» Es sind vier Ordensfrauen aus Ostschweizer Klöstern, eine Eremitin und eine Frau, die sich für eine Woche in die Wiborada-Zelle in St. Gallen einschliessen liess.

Klosterfrauen aus der Gegenwart sprechen in Videos über ihr Leben.

Offenheit überrascht

Die Frauen sind zu hören und auch zu sehen in ihrem jeweiligen Zuhause bzw. in der nachgebauten Wiborada-Zelle, wo sie von Judith Thoma besucht wurden. Sie sei, so berichtet die Museumsmitarbeiterin, mit «grosser Vorsicht» auf die Frauen zugegangen und habe ihnen versichert, keine indiskreten Fragen zu stellen. Und die Frauen haben sie offenbar völlig überrascht: Sie seien in den Gesprächen sehr offen gewesen. «Ich stellte fest: Die Klosterfrauen sind frech, witzig und total glücklich», sagt Judith Thoma und strahlt übers ganze Gesicht. Diese Offenheit hat auch die Kuratorin überrascht. Sie habe festgestellt, dass sich das Leben im Kloster gewandelt habe, sagt Monika Mähr. Heute hätten auch Ordensleute Ferien, auch eine Ausbildung an einer Universität sei möglich, mit den Kleidervorschriften nehme man es lockerer. «Schwester Maria Rita zum Beispiel trägt Hosen, wenn sie wandern geht.»

 

«Weltzugewandt»

Die Klosterfrauen seien heute «sehr selbstbestimmt», sagt Mähr. Und «weltzugewandt» wie die heilige Wiborada, die auch als Inklusin ein offenes Ohr für die Menschen hatte und als Ratgeberin wirkte. Klöster hätten heute ein «Online-Klagefenster», wo Menschen ihre Sorgen mitteilen könnten, ergänzt Judith Thoma. Es stelle sich die Frage, wieso das nötig sei, es gebe doch heute so viele andere Stellen, wo man Hilfe und Rat holen könne, etwa Psychologen. Die Klosterfrauen hätten ihr gesagt: «Wir urteilen nicht.» Viele Menschen, auch solche, die aus der Kirche ausgetreten sind, oder Drogenkranke würden sich an die Klöster wenden. Judith Thoma und Monika Mähr berichten begeistert von den Begegnungen mit den Klosterfrauen. Die Klosterwelt fasziniert die beiden Museumsfrauen. Das ist deutlich spürbar in dieser Ausstellung mit zahlreichen Objekten, die vom Leben in Klöstern in Vergangenheit und Gegenwart und von ihrem reichen kulturellen Erbe zeugen. Monika Mähr meint bedauernd: «Wir dokumentieren mit dieser Ausstellung auch eine verschwindende Welt.»

Die Ausstellung «Zurückgezogen zugewandt. Klosterfrauen heute» ist bis zum 4. Oktober zu  sehen.

 

Text: Barbara Ludwig / kath.ch

Bild: zVg.

Veröffentlichung: 26.07.2026