Arbeit stiftet Gemeinschaft, gerade in einer Zeit vieler Herausforderungen und Veränderungen. Sie kann aber auch überfordern. Deadlines müssen eingehalten und Sitzungen vorbereitet werden. «Durch die Technisierung wurden viele schwere Arbeiten an Maschinen übergeben. Das ist für die körperliche Gesundheit ein grosser Gewinn. Jedoch kam dadurch auch eine gesteigerte Geschwindigkeit in die Arbeitsabläufe», sagt Anna-Maria Maul. Auch viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber geraten zunehmend unter Druck. Anna-Maria Maul kennt die Sorgen und Ängste in der Arbeitswelt. Sie ist Betriebsseelsorgerin in der Diözese Augsburg und hält am 25. April an der 60. internationalen Bodenseetagung der KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung) das Inputreferat unter dem Titel «Arbeit ist das halbe Leben – heute schon gelebt?». Die 29-Jährige sagt: «Die immer schnelleren Arbeitsabläufe können auf Dauer zu einer Überbelastung führen.»
Etwas für Balance tun
Anna-Maria Maul nimmt zwei Themen in den Betrieben immer wieder wahr: die bereits erwähnte psychische Überbelastung sowie ein immer rauer werdender Umgangston in den Firmen. Die Seelsorgerin appelliert, selbst rechtzeitig etwas für die Balance zu tun. «Jeder und jede darf seinen eigenen Weg finden und gehen», sagt Anna-Maria Maul und nennt Beispiele: Spazierengehen, Radfahren, Yoga, Bogenschiessen oder ein Seelsorgegespräch. Es schade auch nicht, verschiedene Dinge auszuprobieren, um herauszufinden, was einem persönlich am meisten guttue.
Miteinander auf Augenhöhe
Wenn sich ein Arbeitnehmer wohlfühlt, vermag er mehr zu leisten. «Dort, wo ich mich wohlfühle, gesehen werde, wo ich Raum habe, mein Können unter Beweis zu stellen und es ein Miteinander auf Augenhöhe gibt, kann gute Arbeit gelingen», sagt Anna-Maria Maul. Das Arbeitsklima wirke sich zudem auf die Gesundheit aus. «Nur schon aus einem rein finanziellen Blickwinkel heraus ist es sinnvoll, wenn Firmen sich darum bemühen, eine herzliche Atmosphäre zu schaffen.» Bereits heute investieren Firmen viel in die Gesundheit der Mitarbeitenden, so Anna-Maria Maul. «In Gesprächen mit Arbeitnehmenden nehme ich aber auch wahr, dass das dem menschlichen Wohlbefinden noch nicht überall gerecht wird.»
Unterschiedliche Bedürfnisse
Als einer der grössten Faktoren für die Arbeitszufriedenheit nennt Anna-Maria Maul die Wertschätzung – niemand will als «Arbeitskraft» reduziert werden. Entscheidend sei dabei immer die innere Haltung einer Person und die Frage nach der generellen Kommunikation mit den Mitarbeitenden. «Wird ein Gespräch als notwendiges Übel abgetan, wird diese Haltung spürbar. Ob dann ein Gespräch noch zielführend ist, bleibt offen.» Hingegen könne man Arbeitnehmenden auch das Gefühl vermitteln, auf Augenhöhe zu sein. «Das Gegenüber spürt dann, dass er und seine Arbeit wichtig sind.» Die Schwierigkeit dabei sei, dass Wertschätzung unterschiedlich wahrgenommen werde. «Manche freuen sich sehr über den wöchentlichen Früchtekorb und die Kaffeemaschine. Anderen ist dieses Angebot egal. Für diese wäre ein kurzes Gespräch zwischen Tür und Angel wesentlich wertvoller.» Dem Wunsch nach dieser Wertschätzung nachzukommen, sei nicht immer einfach. «Dazu muss man sein Gegenüber kennen und generell in der Lage und Willens sein, diese Form des Wertschätzungsbedürfnisses zu befriedigen.»
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